Abgehört 2013 Die wichtigsten CDs des Jahres

Gut, Sie ahnen es: Bosse, Heino und Helene Fischer kommen nicht mehr. Ist einfach nicht unser Ding. Oder vielleicht doch? Wir präsentieren die wichtigsten CDs des Jahres 2013 und die persönlichen Lieblingssongs unserer Autoren. Heute: zweiter und letzter Teil.

Von und Jan Wigger


Haben Sie Teil eins von "Abgehört 2013" verpasst? Hier klicken und nachlesen! Die nächste Ausgabe von "Abgehört" lesen Sie am 14. Januar.

Arcade Fire - "Reflektor"
(Vertigo Berlin/Universal, erschienen am 25. Oktober)

Am Ende des Jahres, als alles gesagt und getan war, und die privaten Termine sogar auf die Zeit zwischen den Jahren verlegt werden mussten, war es fast schon absurd, ja lächerlich, wie sehr "Reflektor" allen anderen Platten, die im Jahr 2013 veröffentlicht wurden, überlegen war. Diese unumstößliche Tatsache konnte nur blinden Hass nach sich ziehen! Den großartigsten Verriss schrieb Marco Fuchs: "Jetzt noch streberhafter: Die Kelly Family des Indierock verfeinert ihre unironische Aufgeblasenheit mit Dance-Hokuspokus." Für diese Art von Zauberei sorgte der mir übrigens völlig egale LCD-Soundsystem-Guru James Murphy, der die Kraft, die Würde, den Taumel und die Glückseligkeit dieser durchaus alttestamentarisch voranschreitenden Ackerschleppe von Band nicht nur nicht beschädigen, sondern sogar noch fördern konnte: Die ja angeblich "nicht so starke" zweite Seite dieser Doppel-LP versammelt mit "Here Comes the Night Time II", "Awful Sound (Oh Eurydice)", "It's Never Over (Hey Orpheus)" und "Afterlife" vier Monstersongs, die ihr (ein herzliches "Hallo!" geht raus an alle anderen trauernden und glücklichen Gefolgsmänner und copycats dieser Erde) gern geschrieben hättet. Habt ihr aber nicht. Jan Wigger

Lesen Sie hier unsere ausführliche Kritik zu "Reflektor" nach!

"Reflektor"-Videoclip von Arcade Fire auf tape.tv ansehen.

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Kanye West - "Yeezus"
(Def Jam/Universal, erschienen am 18. Juni)

Ich gehörte zu den vermeintlich Glücklichen, die Kanye Wests widerborstiges Album "Yeezus" eine knappe Woche vor Veröffentlichung im zur Straße hin offenen Ladedock einer New Yorker Galerie im Meatpacking District hören durften. Obwohl das euphemistisch ausgedrückt ist: Wir bekamen es regelrecht um die Ohren gehauen. Wahrscheinlich sollte der infernalische Lärm verhindern, dass man sich über das Album unterhielt, oder, noch schlimmer, über etwas anderes schwatzte als über die Musik des Chefneurotikers unter den Rappern. Irgendwann stand auch Jay-Z bei uns Flüchtigen, die sich ganz an den Rand des Raums, außerhalb des Einflussbereichs der tosenden Boxentürme gedrückt hatten - und sah etwas ratlos und überfordert aus. Das ist ein sehr schönes und vielsagendes Bild, gerade wenn man sich die wenig später veröffentlichte, im Vergleich sehr konventionelle Jay-Z-Platte noch einmal anhört. Sehr gute Rap-Alben gab es dieses Jahr auch von Earl Sweatshirt, Drake und Danny Brown, aber die sperrige Brachialität und die elektronisch kalte Monstrosität des Kanye-Albums weist weit über 2013 hinaus. Einige grandios erratische Talkshow-Auftritte, ein Baby namens North und ein unfassbares Video mit Gattin Kim später ist klar: Einen größeren Spacken als Kanye West hat die Popwelt gerade nicht zu bieten. Ein größeres Genie aber auch nicht. Andreas Borcholte

Lesen Sie hier unseren ausführlichen Bericht zu "Yeezus" nach!

"Bound 2"-Videoclip von Kanye West auf tape.tv ansehen.

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Kelela - "Cut 4 Me" (Mixtape)
(Fade To Mind/Download, erschienen am 1. Oktober)

Egal, wie viele Videoclips Beyoncé raushaut, um den Preis für ihr neues Album zu rechtfertigen, egal wie sexy sie sich inszeniert und explizit aus dem Ehenähkästchen säuselt, egal auch, welch unerhörte Übernachtstrategie sie sich ausgedacht hat, um Aufmerksamkeit zu erringen: das aufregendste R&B-Album des Jahres kam nicht aus dem Königshaus Carter-Knowles, sondern entstand in den weniger majestätischen Studios der kalifornischen Bassmusik-Labels Fade to Mind und Night Slugs, die ihre Clubsounds erstmals mit einer Sängerin kombinierten. Und was für einer. Kelela, äthiopischer Abstammung und von Ella Fitzgerald ebenso beeinflusst wie von Brandy und Aaliyah, singt die dem Achtziger- und Neunziger-R&B entlehnten, typisch sehnsüchtigen Boyfriend-Geschichten mit so betörender Zurückhaltung und Brüchigkeit, dass schon nach wenigen Songs eine selten gewordene Intimität entsteht, ein Bann, der bis zum Ende dieses leisen, aber sehr souveränen Debüt-Mixtapes erhalten bleibt. Die Fade-To-Mind-Mannschaft um Produzenten/DJs wie Kingdom, Bok Bok und Nguzunguzu liefert dazu einen sparsamen, extrem atmosphärischen Dubstep-Klangkosmos, der Avantgarde ist, sich aber gleichzeitig dem Mainstream zuneigt und gefällig sein will. Waren es 2012 Männer wie Frank Ocean und Adam Tesfaye (The Weeknd), die das Genre erneuerten, zogen 2013 weibliche Newcomer wie Cassie, Jessy Lanza und Kelela nach - und rütteln am Thron. Andreas Borcholte

Lesen Sie hier unsere ausführliche Kritik zu "Cut 4 Me" nach!

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Prefab Sprout - "Crimson/Red"
(Embassy Of Music/Warner, erschienen am 4. Oktober)

Paddy McAloon, einer meiner frühesten, größten und am hellsten glänzenden Helden, Metaphysiker des Bartwuchses und Dozent des Pop, hat mir in diesem Jahr endgültig gezeigt, wie alt ich bin. Denn selten konnte ein Album das Meer so eindeutig teilen wie "Crimson/Red", Paddys unverhoffte, sagenhafte Wiederkehr. In den Feuilletons, so unterrichtete man mich, wimmele es nur so von Lobhuldigungen der Alten, derer, die "Sounds" und die Achtziger-"Spex" noch selbst miterlebt hatten und selbstverständlich genau wussten, dass Popmusik kaum größer sein konnte als Paddy es zuließ. "Steve McQueen", "Jordan: The Comeback", "Andromeda Heights", und jetzt: "Crimson/Red": Wie der teuerste Akazienhonig, ein Brioni-Smoking - oder eine Reise zu den Sternen. Die Jungen kratzte das offensichtlich wenig ("Prefab Sprout? Waren das nicht die Opis mit dem einen Eighties-Radiohit?"), London Grammar und King Krule waren wohl gerade wichtiger. Schnee von gestern also. Morgen schon. Jan Wigger

Lesen Sie hier unsere ausführliche Kritik zu "Crimson/Red" nach!

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Best-of "Abgehört"

Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist

Deafheaven - "Sunbather"
(Deathwish/Indigo, erschienen am 26. Juli)

Ich bleibe eisern bei meiner Meinung und kann mir auch weiterhin nicht vorstellen, dass sich der typische Blaudzun-Hörer zwischen Frühstück, Gym und Brunch die neue Deafheaven als leichten Snack für zwischendurch reinzieht. Dafür ist San Francisco zu mächtig, ist diese wahnhafte, unendlich hell funkelnde Musik zu fordernd, knüpft zu viele Bedingungen an dein Vertrauen und an deine Liebe. "Sunbather" hören heißt: Sich auslaugen, sich die Gelenke zerschmettern und alle Hoffnung fahren zu lassen, und ach, was soll's, scheiß doch auf Black Metal, solange es reicht, fühlen, leiden und erdulden zu können. Bei Deafheaven sind feinste Stoffe im Spiel, die Monde leuchten hundsgemein und Nicklas Baschek schrieb in einer wunderbaren Kritik, dass "The Pecan Tree" "seine tollwütigen Riffs schlussendlich in Euphorie zerstäubt". Wer nicht dabei war, wird es nie erfahren. Jan Wigger

Lesen Sie hier unsere ausführliche Kritik zu "Deafheaven" nach!

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Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
patsche2712 19.12.2013
1. Mein....
...Album des Jahres ist "Reflektor" von ARCADE FIRE. Ich hoffe, dass wir 2014 mit neuen Alben von TOOL, A PERFECT CIRCLE & BARONESS beglückt werden....
paxXmataxX 20.12.2013
2. wie kann man qatsa & the national...
vergessen?
paxXmataxX 20.12.2013
3. wie kann man qatsa & the national...
vergessen?
gemib 20.12.2013
4. ohboy,
all that big noisy soundmachines, simply ingenious, ohboy.
munich67 20.12.2013
5. Zielgruppe verfehlt
Wie alt sind Spiegelleser? 18-28? Vermutlich haben 98% der Leser nie von einer dieser Empfehlungen gehört? Habe in alles reingehört dank Spotify und alles nach 3 Min. beendet. Was für Freaks dürfen im Spiegel ihr Freaksein publizieren?
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