Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Licht im Dschungel der Neuveröffentlichungen: Jede Woche stellt SPIEGEL ONLINE die wichtigsten neuen CDs vor. Heute dabei: Die britischen BigBeat-Pioniere The Chemical Brothers, die Punk-Veteranen Die Toten Hosen, das Comeback des New Yorker Indie-Duos They Might Be Giants, das britische R&B-Genie Chocolate Genius und die Talk-Talk-Verehrer Savoy Grand.

Von Jan Wigger


The Chemical Brothers - "Come With Us"
(Virgin)


Es dürfte den Engländern Tom Rowlands und Ed Simons eher schwer fallen, uns noch ein viertes Mal zu überraschen: Zwar hat "Come With Us" das obligate, schlaftrunkene Duett mit Beth Orton ("The State We're In") sowie eine unbedingt clubtaugliche, sphärische Kollaboration mit dem ehemaligen Verve-Sänger Richard Ashcroft ("The Test") zu bieten, kränkelt aber auch an einem von den Chemical Brothers bislang nicht gekannten Mangel an Homogenität und Einfallsreichtum. So gerät die einst revolutionäre Melange aus Dance, House, Techno und Big Beat diesmal lediglich zum soliden Pflichtprogramm, das das Soll nur knapp erfüllt. Einziger Trost: Auf langen Autofahrten knallt ein bis zum Anschlag aufgedrehtes "Come With Us" immer noch recht manierlich.


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Chemical Brothers : "Surrender" - Narkotischer Britpop


Die Toten Hosen - "Auswärtsspiel"
(JKP / Eastwest)


Konnte man den Studio-Vorgängern "Opium fürs Volk" und "Unsterblich" mit viel gutem Willen wenigstens noch ein paar lichte Momente abgewinnen, ist auf "Auswärtsspiel" alles zu spät. "Ich bin ein alter Mann, schweinealt - nur ein alter Punk", klagt Campino zwar selbstironisch, doch durchaus treffend, wenn man ein wirklich originelles Album wie das bald zwei Jahrzehnte alte "Opel Gang" zum Vergleich heranzieht. Erschreckend, dass das textlich hochnotpeinliche "Kanzler sein..." den guten alten Funny Van Dannen als Co-Autoren führt, zermürbend die zahlreichen Selbstplagiate, lediglich durch "Nur zu Besuch" zieht sich zumindest ein Hauch von Emphase. Wenig sinnstiftend und leidlich amüsant: das diesmal wieder vorhandene Sauflied "Kein Alkohol (ist auch keine Lösung)!". So wird der für die nächsten Wochen anberaumte Kampf um die Pole Position der deutschen Longplay-Charts zwischen den Teams der Toten Hosen und Bro'Sis zum Duell "Not gegen Elend". Entscheiden Sie selbst!


Die Toten Hosen - offizielle Website


Savoy Grand - "Burn The Furniture"
(Glitterhouse/Indigo)


Noch nach den Aufnahmen zum ersten Savoy-Grand-Album "Dirty Pillows" berief sich Chef-Melancholiker Graham Langley zwar auf Mark Eitzel, Bill Callahan und Robert Wyatt, behauptete aber standhaft, Mark Hollis nicht zu kennen. Dabei ist auch "Burn The Furniture" für Freunde des Spätwerks von Talk Talk nicht weniger als ein Fest. Die neun Hymnen an die Langsamkeit werden von einsamen Bläsern, bedrohlichem Pochen, Jazz-Anleihen und ins Herz schneidenden Vocals flankiert. Wem sogar diese Briten zu schnell sind, dem bleiben nur noch Low, Codeine und die Kassette mit den Vogelstimmen. Wer zu "Burn The Furniture" lesen möchte, greife zu Peter Handkes "Versuch über die Müdigkeit" - wahrhaftig, da kommt Stimmung auf...


Savoy Grand - offizielle Website


They Might Be Giants - "Mink Car"
(Restless Records/Pias)


So sehr man die rappeligen New Yorker John Flansburgh und John Linnell für ihre ersten Platten auch geliebt hatte: Das letzte Lebenszeichen "Factory Showroom" funktionierte nicht mal mehr als Witz. Gemessen an den nach unten geschraubten Erwartungen ist "Mink Car" in der Tat eine kleine Sensation. Wer zum Beispiel hätte schon damit gerechnet, dass die furiosen Opener "Man, It's So Loud In Here" und "Boss Of Me" einmal das Nachmittags- und Abend-Programm von ProSieben untermalen würden? Über skurril-alberne Bubenstreiche wie "I've Got A Fang" schmunzelt man immer noch, "Hopeless Bleak Despair" erinnert meisterhaft an die Anfänge des hyperproduktiven Duos. Wären die beiden Johns hier zu Lande jemals hip gewesen - man könnte glatt von einem Comeback sprechen.


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Chocolate Genius - "Godmusic"
V2 Records


Vom ersten Eindruck her würde man Marc Anthony Thompson alias Chocolate Genius wahrscheinlich in eine Schublade mit erotisierenden R&B-Croonern wie Bilal, D'Angelo oder Maxwell stecken, wo er auch gar nicht so schlecht aufgehoben wäre. Dass wahrscheinlich mehr als bloßes Seelen-Posing in ihm steckt, ist nach diesem ersten Satz schon fast selbstverständlich. Aber so abgegriffen es auch klingt: Tatsächlich deckt das Spektrum des britischen Schokoladen-Genies noch viel mehr an musikalischer Stilvielfalt ab: Sanfter Alternative Rock trifft auf Bob-Dylan-Zitate und Reminiszenzen an Talk Talk, so manche der zerbrechlich wirkenden Kompositionen ("To Serve You") klingen nach dem furiosen Inspirations-Overdrive des frühen Prince - wahrhaft genialisch also. Der große Wurf, den man von Thompson nach seinem beeindruckenden Debüt "Black Music" erwartet hat, ist "Godmusic" noch nicht, auch wenn der Titel dies suggerieren möchte. Das Warten auf den nächsten Streich wird jedoch in jedem Fall lohnen.

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