Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Licht im Dschungel der Neuveröffentlichungen: Jede Woche stellt SPIEGEL ONLINE die wichtigsten neuen CDs vor. Heute dabei: der kaum "andere" Heinz Rudolf Kunze, David Lowerys neues Cracker-Album, der norwegische Sänger und Songschreiber St. Thomas, die Hamburger Folk-Fans von Veranda Music und ein Soundtrack voller Beatles-Cover-Versionen.

Von Jan Wigger


Original Soundtrack - "I Am Sam"
(V2 Records/Zomba)


Zuerst gab es die obligatorische Gänsehaut: Coverversionen von ehrwürdigen Beatles-Liedern? Das kann ja nur schief gehen. Ging es aber nicht. 17 zumeist amerikanische Künstler erklärten sich für den Soundtrack zu Sean Penns Film "I Am Sam" bereit, Ihre Lieblingssongs der heiligen Fab Four zu covern - und schrammten wohltuend oft an der obligatorischen Peinlichkeit vorbei. Perlen wie Nick Caves sakrales "Let It Be", "Two Of Us" von Aimee und Michael Penn, "Golden Slumbers" von Ben Folds oder "Nowhere Man" von Paul Westerberg führen noch einmal die Stärke des Spätwerks der Beatles vor. Dass sich die Stereophonics an "Don't Let Me Down" vergreifen, die Black Crowes sich für "Lucy In The Sky With Diamonds" verbiegen und sich Eddie Vedder angestrengt durch "You've Got To Hide Your Love Away" knödelt, fällt in der Fülle der gelungenen Kopien gar nicht mehr auf. Manchmal gibt es solche Glücksfälle...

I Am Sam - offizielle Website zum Soundtrack mit Soundfiles

Heinz Rudolf Kunze - "Wasser bis zum Hals steht mir"
(Wea)


Der begnadete Wortdrechsler Heinz Rudolf Kunze legt sein drittes "anderes" Album vor. Durch seine schon länger zurückliegende Quotenforderung fürs deutsche Radio und seine jüngsten Ausfälle gegenüber Maxim Biller ohnehin ins Abseits geraten, ist auch "Wasser bis zum Hals steht mir" übertrieben kopflastig und verquast ausgefallen. Das Intro "Eichenlaub" soll Michael Rother und Neu! beerben, ist aber bloß Muzak. Grenzpeinlich auch der HipHop-Ausflug "Nichts ist so erbärmlich wie die Jugend von heute". Apropos erbärmlich: Wer überall seine grenzenlose Bewunderung für Radiohead kundtut, hat deshalb noch nicht das Recht, die Booklet-Gestaltung seiner eigenen Platte so augenfällig und schamlos bei "Amnesiac" abzukupfern. Eine gute Nachricht gibt es auch: Alle 14 Titel sind besser als der Absacker "Eine volle Stunde ohne Alkohol" vom 97er Album "Alter Ego". Immerhin.

Heinz Rudolf Kunze - offizielle Homepage Interview mit Heinz Rudolf Kunze: "Ich habe nie gelogen"

Cracker - "Forever"
(Cooking Vinyl)


Dem früheren Camper Van Beethoven-Vorstand David Lowery ging es schon mal besser: Ein Kunstgriff wie "Kerosene Hat" liegt schon einige Jahre zurück und für "Forever" hat der notorische Anti-Star ein sagenhaft hässliches Cover ausgewählt. Musikalisch kann Lowery trotz einer stellenweise unangenehm an John Mellencamp erinnernden Produktion aber noch immer glänzen: Zurückgelehnt wie in "Brides Of Neptune", aber auch frohgelaunt mit "Ain't That Strange". Haben die hemdsärmeligen Rock-Songs auf früheren Cracker-Alben so manches verdorben, ist Lowery mit dem vitriolischen Stomper "Don't Bring Us Down" ein echter Hit gelungen: "God gave you life/So get out of mine/And take your sorry ass back to florida", heisst es dort gehässig.

Cracker bei Cooking Vinyl Records mit Soundfiles
Cracker - offizielle Website mit Soundfiles


Veranda Music - "Look Of Joy"
(iXiXeS Records/Indigo)


Der normalerweise wenig spannenden Idee, ein ganzes Album mit den eigenen Interpretationen altbekannter Stücke anderer Künstler zu füllen, verleihen Veranda Music auf "Look Of Joy" in souveräner Manier neue Sinnfälligkeit: So versucht sich das spröden Charme versprühende Trio um Sänger Nicolai von Schweder-Schreiner gekonnt und mit der nötigen Zurückhaltung an Kompositionen von Caravan, Cat Stevens, Jeffrey Lee Pierce oder den Dire Straits. Beeindruckend, wie aus Depeche Modes vielleicht bestem Song "Shake The Disease" eine brüchige Gitarren-Ballade wird. Ein weiteres Zeichen für Geschmackssicherheit: Die Zeile "Look of Joy" ist dem hier ebenfalls gecoverten "Riding" von Palace Music entliehen.

xxs Records - offizielle Website


St. Thomas - "I'm Coming Home"
(Labels/Virgin/EMI)


Schon wieder Norwegen: St.Thomas nennt sich der ehemalige Aushilfs-Briefträger Thomas Hansen, der mit "I'm Coming Home" in seinem Heimatland bereits zu Top-10-Ehren gekommen ist. Wer den rissigen Folk des grüblerischen Solitärs mit Neil Young vergleicht, macht es sich etwas zu einfach. Das durchweg eigenständige Songwriting des Mittzwanzigers erinnert schon eher an die ruhigen Seiten von Mark Linkous' Sparklehorse oder eine abgespeckte Akustik-Ausgabe von Built To Spill. Auch dem umfangreichen Oeuvre Will Oldhams (Palace Brothers/Music) scheint Hansen viele Stunden seines Lebens geschenkt haben: Die Vignette "Bookstore" klingt beinahe wie eine Reprise von "Come A Little Dog".

St. Thomas bei Virgin Records


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