Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Jede Woche stellt SPIEGEL ONLINE die wichtigsten CDs der Woche vor. Heute dabei: Die Würzburger Gitarrenrocker The Electric Club, Jason Newsteds Solo-Projekt Echobrain, Singer/Songwriter Tilman Rossmy, Trance-Popper Kai Tracid und ein Live-Album von Nine Inch Nails.

Von Jan Wigger


Nine Inch Nails - "And All That Could Have Been (Live)"
(Nothing/Interscope/Motor/Universal)


Sieht man mal von Whos "Live At Leeds", "Frampton Comes Alive!", Neil Youngs "Weld", "Bob Dylan Live 1966", Van Morrisons "It's Too Late To Stop Now" oder der letzten Paul Weller, "Days Of Speed", ab, hat sich der Grundsatz, Live-Alben seien in erster Linie Fan-Alben und somit lediglich für Komplettisten zu gebrauchen, doch recht gut gehalten. Kaum überraschend also, dass auch Trent Reznors Konzert-Aufnahmen der 2000er-USA-Tournee nur wenig daran ändern können. Immerhin: Das besonders morbide "Broken"-Material, auf "And All That Could Have Been" unter anderem durch "Gave Up" und "Wish" vertreten, erfährt sogar eine Wertsteigerung, "Sin" schält sich zu Beginn mühsam aus schwerem Synthie-Gefiepe und das großartige "Hurt" bleibt der einzig mögliche Epilog einer alles in allem gelungenen Song-Auswahl.


Nine Inch Nails bei Motor Music mit Soundfiles
Nine Inch Nails - offizielle Website


The Electric Club - "Come Sing Along"
(Supermodern/Indigo)


Wer der tiefsten Provinz entstammt, kann eigentlich nur die Flucht nach vorn antreten, mit der eigenen Herkunft kokettieren und letztlich eine Jungs-Pop-Band gründen, die dann haufenweise Demos an Plattenfirmen verschickt, um hernach Ochsentouren durch die hiesigen Jugendzentren in Angriff zu nehmen. Wie die ewigen Hoffnungsträger Miles kommt auch das Quartett The Electric Club aus dem Raum Würzburg und eifert auf dem hübschen Debütalbum "Come Sing Along" stellenweise recht offensichtlich Vorbildern wie Weezer, Teenage Fanclub und natürlich den frühen Beatles nach. Das hat dennoch durchaus Charme und gemahnt vor allem bei Live-Auftritten an den Biss, der den Kollegen von Miles nach ihrem fulminanten Longplayer "The Day I Vanished" ein wenig abhanden gekommen ist.


The Electric Club - offizielle Website mit Soundfiles


Echobrain - "Echobrain"
(Surfdog/Indigo)


Schwer zu glauben, aber wahr: Ausgerechnet der millionenschwere, ehemalige Metallica-Bassist Jason Newsted, der die sich zuletzt nur noch als ein Schatten ihrer selbst präsentierenden Metal-Heroen Anfang 2001 verließ, sorgt mit seiner neuen Band Echobrain für eine der positivsten Überraschungen der letzten Wochen. Nach rund fünf Jahren gemeinsamer Jam-Sessions wurden zehn Stücke eingespielt, die Newsted weiterhin am Bass und das Trio aufgeräumt, innovativ und weit, weit weg von Metallica zeigen: "Adrift" könnte von Alice In Chains abzüglich harter Drogen stammen, anderes von den beinahe vergessenen King's X. Auf "We Are Ghosts" dann - man wagt dies kaum auszusprechen - versucht Sänger Dylan Donkin sogar, Jeff Buckley zu beerben. Hätte beinahe geklappt.

Echobrain - offizielle Website


Tilman Rossmy Quartett - "Reisen im eigenen Land"
(Glitterhouse/Indigo)


Von all den Dingen, die man sich seit Jahr und Tag über Tilman Rossmy erzählt, sind zumindest drei mit Sicherheit wahr: Er ist ein wundersamer Geschichtenerzähler, ein grandioser Entertainer, und zumindest der Song "Unten" von seiner ehemaligen Band Die Regierung war 1994 ein absolutes Highlight deutschsprachiger Pop-Musik. Kamen schon Rossmys deutlich gesetztere Solo-Arbeiten bei vielen alten Regierungs-Fans nicht wirklich gut an, ist auch "Reisen im eigenen Land" ein eher zwiespältiges Erlebnis: Songs aller vier Regierungs-Alben in neuem Gewand. Manches erfreut, manches, wie der wohl am deutlichsten modifizierte Song "Ganz tief unten", lässt Widerstand und Haltlosigkeit von früher vermissen. Rossmy, mit seinen Gedanken ohnehin schon wieder ganz woanders, wird mit den Widersprüchen leben können. Wir nicht so gut...


Tilman Rossmy - offizielle Website


Kai Tracid - "Trance & Acid"
(Dad/Sony Music)


Im vergangenen November schaffte es der smarte Frankfurter Kai Tracid mit "Life Is Too Short" erstmals unter die zehn bestverkauften Singles in den Pop-Charts. Zwar war der Song bekannt, eine Trance-Version des Titelsongs der verfilmten Fantasy-Saga "Die unendliche Geschichte", dennoch bewies Tracid mit viel Sinn für Massenkompatibilität, dass der Techno/Trance-Sound noch nicht vollends in der Nische mit dem Stroboskop-Gewitter verschwunden ist. Mit seinem zweiten Studio-Album legt Tracid nun ordentlich Hitparaden-Holz nach und bemüht sich zwischen seinen schnell und oft allzu monoton dahintreibenden Tanztracks sogar um so etwas wie eine Botschaft: In "Too Many Times" warnt der DJ seine ravende Klientel ganz brav vor zu viel Drogengenuss. Zu den besseren Stücken gehört außerdem das an Faithless erinnernde "Bad Shape" und das dem Achtziger-Revival Respekt zollende "Message Without Words". Ansonsten: Nichts, was Tracid-Vorbild Paul van Dyk nicht besser gekonnt hätte - wenn wir hier schon über Pop-Appeal reden...


Kai Tracid - offizielle Website mit Soundfiles

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