Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Jede Woche stellt SPIEGEL ONLINE die wichtigsten CD-Neuveröffentlichungen der Woche vor. Heute dabei: Seelsorger Xavier Naidoo, Millionärs-Diva Celine Dion, Discopunker Yeah!, Comic-Künstler Jeffrey Lewis und die Romantiker von Busch.

Von Jan Wigger


Xavier Naidoo: "Zwischenspiel/Alles für den Herrn"
(Naidoo Records/SPV)


Vor fast vier Jahren sorgte Xavier Naidoo mit seinem Debütalbum für einen kleinen Dammbruch in der deutschen Musik. Wo es zuvor fast unmöglich war, seelenvolle Musik - also das, was die Amerikaner gemeinhin "Soul" nennen - in heimischer Sprache glaubwürdig zu machen, gab es plötzlich jenen Mannheimer, der das durchaus konnte und es auch mit aller Hingabe tat. Das machte Mut, und fortan versuchten sich auch andere deutsche Künstler - namentlich Glashaus und Konsorten - am teutonischen Soul. Nachlegen, wenn man einen Trend gesetzt hat, ist immer schwer, weshalb das neue Naidoo-Werk zunächst wie ein schwerer Brocken wirkt: Doppel-Album, knapp 30 Stücke, viel zu hören in unserer flüchtigen Zeit. Am Sound hat sich trotz Plattenfirmenwechsel und verstrichener Jahre kaum etwas geändert: Mal soft, mal härter, singt sich Xavier Naidoo durch seine verschiedenen Befindlichkeiten und Beziehungslagen. Dass sich diese allzu oft allein mit Gott beschäftigen, mag manchmal furchtbar nerven, aber auch umso mehr erstaunen: Seit wann ist Gottesfurcht ein Thema für die Charts? Naidoo macht's möglich... Andreas Borcholte


Xavier Naidoo - offizielle Website mit Soundfiles


Yeah! - "Discopunk"
(Highlight Communications/Zomba)


Zeugt schon das Cover-Artwork nicht gerade von einem hohen Maß an Geschmackssicherheit, nimmt das Yeah!-Dilemma beim Versuch, Songs zu schreiben, erst richtig seinen Lauf: "Discopunk", die Erfindung von Gregory, Bunni B. und Scratch Dee, ist eine krude Melange aus billigen Casio-Synthies, noch billigeren Vocoder-Einsätzen und enervierenden Vocals zu polterndem Dance-House und Hardrock-Reminiszenzen. Das Trio nennt seine Elaborate "Cooler Fuckin' Sound" oder "Jippie Yeah!" - die verhandelten Probleme sind ähnlich existenziell: "Sittin' in a car and cruisin' around, movin' my head to the Rock'n'Roll sound/lookin' for a baby to stay by my side, lookin' for a girl, used to feel alright." Musik für die Umkleide bei H&M.


Yeah! - offizielle Website mit Soundfiles


Celine Dion - "A New Day Has Come"
(Columbia/Sony Music)


Wäre ja auch unerhört gewesen, wenn sich mit einem neuen Tag bei der exorbitant erfolgreichen Kanadierin Grundlegendes geändert hätte. So ist auch Celine Dions sechstes Album "A New Day Has Come" wieder ein Schaulaufen auf sicherem und überraschungsarmem Terrain geworden: "I Surrender" wird "My Heart Will Go On" nachfolgen, "Rain, Tax (It's Inevitable)", ein Nu-Diva-Wiedergänger im Sound-Gewand von Destiny's Child, schlägt sich respektabel, und "Sorry For Love" ist die obligate Disco-Nummer, die schlechterdings wohl dazugehört. Die Produktion ist so glasklar und anämisch wie eh und je und über die Dauer von gleich 17 Stücken nur schwer zu ertragen. Der Beobachter bleibt ungerührt und taxiert die zu erwartenden Verkaufszahlen: 15 Millionen? Könnte hinkommen.


Celine Dion - offizielle deutsche Website
Celine Dion - offizielle Website


Jeffrey Lewis - "The Last Time I Did Acid I Went Insane And Other Favorites"
(Rough Trade/Sanctuary)


Wenn Woody Allen nicht so unnachgiebig auf den New Orleans Jazz seiner kleinen Montagabend-Combo schwören würde, sondern ein Folkmusiker ohne Angst vor Drogen wäre, hätte er möglicherweise eine Platte wie "The Last Time I Did Acid I Went Insane And Other Favorites" aufgenommen. Jeffrey Lewis, New Yorker Comic-Zeichner und schrulliger Lebenskünstler in Personalunion, erzählt herrlich unprätentiös und ohne um Mitgefühl zu heischen, vom eigenen Scheitern. Höhepunkt der herzigen Heimaufnahmen ist der "Chelsea Hotel Oral Sex Song", der auf Leonard Cohens "Chelsea Hotel No.2" anspielt. Sang Cohen damals die Zeilen "Giving me head on the unmade bed", hat Jeffrey Lewis mal wieder Pech gehabt: Das Mädchen, das er auf der Straße trifft, verehrt zwar auch Cohen, möchte aber nur reden. Fürs nächste Mal weiß Lewis: "First get the oral sex and then write the song after." Armer, genialer Wicht.


Jeffrey Lewis bei Rough Trade Records


Busch - "Bossa Nova"
(Apricot Records/EFA)


Wenn die Wahrheit nicht so unendlich traurig wäre, hätten wir wahrscheinlich hellauf gelacht: Schon vor sechs Jahren gelang es Kreuder und seiner Formation Busch mit dem gar nicht entsetzlichen Debüt "Entsetzlich", ihre "teenage angst" in wunderbar zurückhaltende, kleine Gitarren-Pop-Hymnen zu kleiden. Selbstredend ist Kreuder auch heute noch ein kluger Mann. Auf "Bossa Nova" sinniert er über Liebeslasten, den Tod von Mozart und das Alleinesein. Ein bisschen zu hoch gegriffen ist der Vergleich mit Morrissey und den unerreichten Smiths natürlich immer noch, aber wer die fast schon verblichene Frühachtziger-Romantik von Bands wie Aztec Camera oder Orange Juice zu schätzen weiß, liegt mit Busch immer noch goldrichtig.


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