Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Jede Woche stellt SPIEGEL ONLINE die wichtigsten CD-Neuveröffentlichungen vor. Heute dabei: Das neue Meisterwerk der Red Hot Chili Peppers, die eklektischen Flaming Lips, die Rocker von Papa Roach, der Grunge-Überlebende Jerry Cantrell und der britische Promi-DJ Paul Oakenfold.

Von Jan Wigger


Red Hot Chili Peppers - "By The Way"
(Wea/Warner Brothers)


Wer die Red Hot Chili Peppers auch nach dem Album "Californication", das vieles von dem einlösen konnte, was auf "One Hot Minute" allzu oft im Ansatz stecken blieb, noch immer für eine mäßig talentierte Funk-Rock-Combo hält, muss entweder taub oder ein Ignorant sein. Auf die Gefahr hin, sich bei allen selbst ernannten Beach-Boys-Experten unmöglich zu machen: "Tear", der schönste Song auf "By The Way" ist ein verzweifelter, jedoch gelungener Versuch, "Tears In The Morning" vom Masterpiece "Sunflower" in die Jetzt-Zeit hinüber zu retten. Ohnehin braucht bei den Peppers längst niemand mehr Angst vor übermäßigem Gezappel und exzessiven George-Clinton-Anleihen zu haben, denn "By The Way" ist nichts weiter als ein beeindruckendes Pop-Album: Von den 16 Stücken sind mindestens die Hälfte singletauglich, nur eines ("Throw Away Your Television") verzichtbar, keines überflüssig. Noch Fragen?


Red Hot Chili Peppers - offizielle Website
Red Hot Chili Peppers - offizielle deutsche Website


Jerry Cantrell - "Degradation Trip"
(Roadrunner/Universal Music)


Grunge ist tot? Von wegen! "In memory of Layne Staley" schrieb Jerry Cantrell hinten auf sein zweites Solo-Album. Die Widmung macht Sinn, nicht nur, weil Staley, Sänger und Songwriter der Grunge-Pioniere Alice In Chains unlängst aus dem Leben schied, sondern auch, weil es offenbar das Anliegen des ehemaligen Chains-Gitarristen Cantrell ist, das musikalische Erbe seiner Band fortzutragen. So klingt ein Gutteil seines "Degradation Trips" wie ein Alice-In-Chains-Album aus den frühen Neunzigern, wobei Layne Staleys markante Stimme doch eindeutig fehlt - ein Indiz dafür, dass es Cantrell nicht gelungen ist, bei aller Reminiszenz einen eigenständigen Sound zu erschaffen. Das zeigt sich gerade bei den härteren Songs wie "Psychotic Break" oder der Single "Anger Rising" - Alice In Chains in Reinkultur. Lediglich bei langsameren Nummern wie "Solitude" wird Cantrells ureigene Handschrift deutlich sichtbar. Wer das erste Solo-Album "Boggy Depot" (1998) mochte, kommt hier erneut auf seine Kosten, jeder Chains-Fan sollte ohnehin zugreifen. Der Rest kann sich über ein irgendwie "grungiges" Gitarrenrock-Album freuen, das ein bisschen nach Nostalgie riecht.Andreas Borcholte


Jerry Cantrell - offizielle Website
Jerry Cantrell bei Roadrunner Records


The Flaming Lips - "Yoshimi Battles The Pink Robots"
(Wea/Warner Brothers)


"I don't know where the sunbeams end and the starlight begins/ And I don't know how a man decides what's right for his own life/ It's all a mystery", wundert sich Flaming-Lips-Vorsteher Wayne Coyne im "Fight Test", das eine Fan-Minorität für das bessere "Father And Son" von Cat Stevens hält. Denen, die so sprechen, wird "Yoshimi Battles The Pink Robots", die nunmehr schon elfte Platte der abseitigen Eklektiker, wie verkitschter New Age vorkommen. Gewarnt seien jene auch vor großartigen Geistesverwandten wie Grandaddy und Mercury Rev. Die entscheidende Frage: Kann "Yoshimi Battles The Pink Robots" gegen den überlebensgroßen Vorgänger "The Soft Bulletin" bestehen? Nicht ganz. Dafür findet man im Titelstück irre Synthies, die die Flaming Lips vom Soundtrack zu "Robbie, Tobbie und das Fliewatüt" geklaut haben müssen. Wenn es den überhaupt gibt.


The Flaming Lips - offizielle Website


Papa Roach - "Lovehatetragedy"
(Dreamworks/Motor/Universal)


Preisfrage: Wird ein Mensch mit einem Mindestmaß an ästhetischem Bewusstsein nach dem Betrachten eines der zurzeit omnipräsenten Fotos der Band Papa Roach noch freiwillig in eine Papa-Roach-Platte reinhören wollen? Nein, das will er nicht. Auch sonst ist Vorsicht angesagt: Sänger Coby Dick hat genug von seinem Pseudonym und möchte fortan bei seinem Namen Jacoby Shaddix genannt werden. Ebenfalls möglich: Johnny Vodka oder The Artist Formerly Known As Dick. Aber: Man soll sich kein Urteil auf Grund von Äußerlichkeiten bilden, deshalb zur Musik: Nu-Metal ist es nicht, wie die Apologeten richtig bemerken werden. Den immerhin beachtlichen Opener "M-80 (Explosive Energy Movement)" mal ausgenommen, spreche bitte auch niemand von Punkrock. Zugegebenermaßen recht druckvoller, aber sehr vorhersehbarer Rock trifft es besser. Dazu gibt es tolle Schüler-Lyrik: "This is making me crazy/ These black clouds following me/ So I look for signs of light/ But rarely I see them" ("Black Clouds"). Stay at home, read a book - wird euch gut tun, Jungs.


Papa Roach - offizielle Website


Paul Oakenfold - "Bunkka"
(Perfecto/Warner Brothers)


Wer auf einer Platte den Schriftzug "Perfecto" entdeckt, kann sich sicher sein, dass er ein Trance-Album in den Händen hält. Der britische DJ Paul Oakenfold ist nicht nur der wohl bekannteste Plattenaufleger der Welt und somit verantwortlich für den ganzen DJ-Hype des vergangenen Jahrzehnts - er sorgte mit seinem Perfecto-Label auch dafür, dass die Techno-Variante Trance sich in das neue Jahrtausend retten konnte. Schade eigentlich. Auf seinem ersten Solo-Album versucht sich der Mann, der bereits Madonna, U2 und andere Pop-Gößen remixte, selbst an einem Mainstream-Appeal. Statt über ein schlüssiges Gesamtkonzept nachzudenken, lud er sich einfach ein paar Stars (u.a Nelly Furtado, Ice Cube, Tricky, Perry Farrell) ins Studio. Sogar Drogenexperte Hunter S. Thompson musste herhalten, dem Album ein Fünckchen Credibility zu verleihen. Wenn gerade mal kein bekannter Name aus Oakenfold im Spiel ist, gibt es außer dem gewohnt langweiligem Trance-Sound des DJs nichts aufregendes zu hören. Aber man hört ja immer wieder, dass bloßes Name-Dropping durchaus Platten verkauft... Andreas Borcholte


Paul Oakenfold - offizielle Website mit Soundfiles und Videos
Star-DJ Paul Oakenfold: Vertonte Schimpftirade


Mehr zum Thema
Newsletter
Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.