Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Jede Woche stellt SPIEGEL ONLINE die wichtigsten CD-Neuveröffentlichungen vor. Heute dabei: Britanniens interessanteste neue Band The Coral, Sebadoh-Alleingänger Jason Loewenstein, Kaliforniens Garagenpunker The Pattern, Islands elegische Leaves und die New Yorker Dunkelmänner von Interpol.

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The Coral - "The Coral"
(Deltasonic/SMIS/Sony Music)


Kaum zu glauben, dass man es hier mit - immerhin - sechs jungen Burschen aus Hoylake, Merseyside, zu tun hat, von denen der älteste, Sänger James Skelly, gerade 21 geworden ist. Denn The Coral plündern die Popgeschichte so dreist, als wären sie eine Bande alter Hasen. Lustvoll schwelgen sie in frühen Beat- und Psychedelic-Einflüssen und klingen dabei wie Country Joe & The Fish, Yardbirds und Zombies, schrecken aber auch vor Skapop-Anleihen bei Madness und Specials nicht zurück ("Dreaming Of You") und mixen munter Shantys, Reggae und linkischen Punkrock zu einem haarsträubenden Stil-Gebräu, das - erstaunlich genug - nie ungenießbar wird. So viel Chuzpe und Einfallsreichtum erlebte man zuletzt bei Gomez und der Beta Band, wobei The Coral sich - im Gegensatz zu den eben genannten - keinerlei Mühe geben, den eigenen Spaßfaktor zu unterdrücken. Wen wundert's, dass die britische Presse vor lauter Hype bereits Kopf steht und selbst Dadrocker Paul Weller den Newcomern seinen Segen gab. Fast schon unnötig, der ganze Zuspruch, denn "The Coral" spricht eindrucksvoll für sich selbst: Das bemerkenswerteste Debüt des Jahres... bis jetzt.


The Coral - offizielle Website mit Audio und Video


Interpol - "Turn On The Bright Lights"
(Labels/Virgin/EMI)


Dass die New Yorker Retro-Rock-Szene lebt, wächst und gedeiht, demonstrierten im vergangenen Jahr die Strokes und die Moldy Peaches recht nachhaltig. Mit Interpol tritt nun eine weitere Band aus New York City auf den Plan, die ebenfalls der Vergangenheit entrissen worden zu sein scheint. Die vier Amerikaner um Sänger Paul Banks haben sich auf ihrem grandiosen Debüt-Album ganz dem New-Wave-Sound der frühen Achtziger verschrieben und klingen dementsprechend, als wären sie eher Mancunians als Nuyoricans. Auf "Turn On The Bright Lights" passiert also alles andere als das. Stattdessen fahnden Interpol düster, depressiv und fiebrig nach Vorbildern wie Joy Division und frühen Cure, geben sich zeitweise gar so "doomy" wie die vergessenen Fields of the Nephilim. Ebenso abgründig geht es in den Texten zu, wo Banks mit dräuender, manchmal klagender Stimme zumeist über Drogen und Existenzängste fabuliert. Ein nahezu perfekter Soundtrack für Streifzüge mit kajalverschmierten Augen durch graue Ostblock-Städte.


Interpol - offizielle Website mit Audiofiles


Jason Loewenstein - "At Sixes And Sevens"
(Domino/Zomba)


Während die amerikanischen Indie-Rock-Pioniere Sebadoh Pause machen - laut Band-Website sind sie "nicht tot, nur eingeschlafen" - verkroch sich Jason Loewenstein, neben Lou Barlow einer der Songwriter von Sebadoh, in seiner Hütte in den Bergen und stampfte sein erstes Solo-Album aus dem Boden. Das Rubrum DIY (Do-it-yourself) trifft hier ausnahmsweise zu, denn Loewenstein spielte nicht nur alle Instrumente selbst ein, er kümmerte sich auch um Mischung und Aufnahme. Das Ergebnis klingt weniger nach Sebadoh, als nach einer Reihe launiger Rock'n'Roll-Songs, in denen Loewenstein hauptsächlich über seinen Alltag philosophiert. "The alarm goes off/The trash goes out on monday", singt er beispielsweise in "Circles". Langeweile kommt dennoch selten auf, denn "J-Loe", wie ihn seine US-Plattenfirma Sub Pop liebevoll taufte, versteht es prächtig, krachende Rocker wie den Opener "Codes" oder lustige Parodien wie "Crazy Santana" neben introvertierte Melancholien wie "NYC III" oder "More Drugs" zu stellen. Mit "At Sixes And Sevens" legt Loewenstein also genau jenes Album vor, das man seit Jahren von Ex-Hüsker-Dü Grant Hart erwartet: Gradlinige, aber hartnäckige Melodien, laute Gitarren, angemessene Schräglage. Einfach, aber gut. Einfach kaufen.


Jason Loewenstein - offizielle Website mit Audiofiles


The Pattern - "Real Feelness"
(Wichita/Clearspot/Efa)


Black Flag, The Stooges, Richard Hell - man kennt die Quellen, aus denen sich die Neo-Garagenrocker von 2002 bedienen. So auch The Pattern, ein recht energisches Quartett aus Oakland, Kalifornien, das mit den schwitzigen Miniclubs von Detroit und New York eigentlich nichts zu tun haben sollte. Sänger Christopher Applegren ist der Boss des Punk-Labels Lookout, das einst Pop-Bands wie Green Day hervorbrachte, Gitarrist Andy Asp spielte früher bei Nuisance. Als The Pattern wollen sie der Welt jedoch zeigen, dass US-Punk mehr sein kann als der Surfer-Spielplatz, den Blink 182 & Co. derzeit beackern. Thematisch streng auf ein Thema begrenzt (Sex und wie man möglichst viel davon bekommt) holzen sich die vier dreiminutenweise durch eine hitzige halbe Stunde puren Rock'n'Roll. Altvater Iggy Pop könnte glatt ein bisschen neidisch werden ob so viel "Sleazyness" und rotzfrecher Attitüde. Aber eben nur fast.


The Pattern - offizielle Homepage bei Lookout Records


Leaves - "Breathe"
(B-Unique/Warner Bros.)


Island ist ja längst kein musikalisches Niemandsland mehr. Neben der weltberühmten Björk gibt es die von Radiohead verehrten Eklektiker von Sigur Rós und - ganz frisch - eine Band namens Leaves, die sich anschickt, den Ruhm des unwirtlichen Eilands im Nordmeer weiter zu mehren. Dabei fing eigentlich alles mit Fußball an. Sänger Arnar Gudjunsson und Gitarrist Arnar Olafsson waren die Stars der Mannschaft aus dem Örtchen Bardastrandir, bis sie sich entschlossen, mit zwei weiteren Kumpels eine Band zu gründen. Das Ergebnis heißt "Breathe" und entwirft mit großer musikalischer Gestik Klanglandschaften, in denen es sich tatsächlich gut atmen lässt. Offensichtlich gleichermaßen inspiriert von Radiohead und The Verve, werfen sich die vier Isländer mit Elan in einen Reigen aus Songs, die zunächst sparsame Namen wie "Crazy", "Silence" oder "Catch" tragen, sich dann aber allzu oft als überzuckerte Kalorienbomben entpuppen. Zu allem Unglück erinnert Gudjunssons Gesang streckenweise auch noch an a-ha-Sänger Morten Harket, so dass außer elegischen Gesängen nur sehr wenig hängen bleibt. Etwas weniger Pathos hätte diesem Debüt nicht geschadet. So freut man sich nur umso mehr auf das neue Album von Coldplay. Sorry, Island.


Leaves - offizielle Website mit Audio und Video

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