Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Jede Woche stellt SPIEGEL ONLINE die fünf wichtigsten CD-Neuveröffentlichungen vor. Heute dabei: Mariah Careys Comeback und weihnachtstaugliche Box Sets von Roxy Music, XTC, Culture Club und Spandau Ballet.

Von Jan Wigger und Andreas Borcholte


Mariah Carey - "Charmbracelet"
(MonarC Music/IslandMercury/Universal)


Trennung von Sony-Boss Tommy Mottola, Kino-Flopp, Nervenzusammenbruch, Selbstmordgerüchte, Rauschmiss von Plattenlabel EMI - war da was? Eigentlich nicht. Mariah ist wieder da und klingt auf ihrem neuen Album, das wie üblich in enger Zusammenarbeit mit den US-Produzentenstars Jimmy Jam und Terry Lewis entstand, fast wie immer. Dem reinen Musikfan wird nicht auffallen, dass auf dem Cover nicht mehr Columbia, nicht mehr EMI, sondern MonarC steht, Mariahs eigene kleine Plattenfirma, eine neue Tochter des Entertainment-Riesen Universal. Ihm wird allerdings auffallen, dass sich die Lebenskrise der 32-jährigen Pop-Diva durchaus in den Texten niederschlägt. Gleich im ersten Song wird bewältigt, was das Zeug hält: "...And if you keep falling down, don't you dare give in...", singt Mariah in dem hymnenhaften Opener "Through The Rain", der die Stimmung für das gesamte Album setzt. "Nur nicht unterkriegen lassen" lautet also die Devise, und schon strömt der gewohnte Mischmasch aus großen Balladen, modisch-vertracktem Uptempo-R&B und perlendem Pop aus den Boxen - alles wie gehabt. Fans dürfen aufatmen: Es gibt noch Konstanten im Pop-Business, eine davon heißt Mariah Carey. Ein Narr, wer sich dabei langweilt...
Andreas Borcholte


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XTC - "Coat Of Many Cupboards"
(Virgin/EMI)


Wer in den späten Siebzigern auf der Suche nach anspruchsvollem, subversivem Pop war, richtete seinen Blick einerseits nach New York, wo David Byrne seinen unerreichten Talking Heads die Wege zum Ruhm unter den Intellektuellen ebnete, andererseits nach Swindon in England, Heimat der leicht übergeschnappten Songschreiber Alan Partridge und Colin Moulding alias XTC. Mit der glänzend aufgemachten 4-CD-Box "Coat Of Many Cupboards" geht für Eingeweihte nicht weniger als ein Traum in Erfüllung: Liegengebliebene Aufnahmen und frühe Demos, Outtakes und bislang unveröffentlichte Versionen von versehentlichen Hits ("Making Plans For Nigel") und übersehenen Geniestreichen ("Ten Feet Tall") erfreuen den Fan, während Einsteiger zunächst auf die 2-CD-Compilation "Fossil Fuel: The XTC Singles Collection" zurückgreifen sollten. Hätte sich Partridge seiner Bühnenangst nicht letztendlich doch ergeben müssen, wäre der ganz große Durchbruch zweifellos geglückt. Doch auch so warten wir gespannt auf das nächste Studioalbum - denn nur zur Erinnerung: Es gibt sie ja noch.
Jan Wigger


XTC - offizielle Website


Roxy Music - "The Thrill Of It All"
(Virgin/EMI)


Lange vermisst und nun doch wieder da: Das erstmals 1996 zugänglich gemachte, opulente und bis ins Letzte geschmackvolle Roxy-Music-Box-Set "The Thrill Of It All", voll mit Pop-Art, Sophistication, Esprit und - meinetwegen - Glam auf vier CDs. Die ersten fünf Alben von Roxy Music sollte man ohnehin haben, doch fehlen sie, ist die Alternative "The Thrill Of It All" nahezu gleichwertig, da sie sich auf die essenziellsten und besten Ferry-Stücke, allen voran "A Song For Europe", "In Every Dream Home A Heartache" und "Virginia Plain" konzentriert. Natürlich nehmen die verwässerten, weichgespülten Songs der Alben nach dem mediokren Comeback "Manifesto" (1979) zu viel Raum ein, doch ein paar nicht auf den regulären LPs der Band veröffentlichten Singles versöhnen. Maß aller Dinge bleiben die Alben mit Brian-Eno-Beteiligung: Das flamboyante Debüt "Roxy Music" (1972) und das gefährliche, kühl brillierende "For Your Pleasure" (1973) hauen einen jedes Mal aufs Neue um.
Jan Wigger


Roxy Music - umfangreiches Archiv auf Phil Manzaneras Homepage


Spandau Ballet - "Reformation"
(Chrysalis/EMI)


Und jetzt: Eine 3-CD-Anthologie der längst verschwundenen New Romantic-Institution Spandau Ballet. Auch wenn niemand drauf gewartet haben sollte, hatten die Londoner doch die besten Friseure (Tony Hadley), die schlimmsten Solo-Karrieren nach der Auflösung (wieder Tony Hadley) und die besten Songs ("True" und "Gold"). Eine ganze Menge also und umso bedauerlicher, dass "Reformation" sich auf die Jahre beim Label Chrysalis beschränkt, denn gerade "Through The Barricades" erschien erst nach dem Plattenfirmen-Wechsel 1986 und fehlt somit. Wozu dann ganze drei CDs, eine davon komplett live? Leider für drei verschiedene Versionen von "To Cut A Long Story Short" oder "Gold" (Instrumental, Live-Version, Maxi-Version), überflüssig und verschwenderisch. Bevor der Soester George-Michael-Imitator Sasha "Through The Barricades" auch noch ganz offiziell auf Platte covert, hören wir lieber noch mal "Journeys To Glory" (1981). Ach, the good old days...
Jan Wigger


Spandau Ballet - offizielle Website


Culture Club - "Culture Club"
(Virgin/EMI)


"We can't promote that thing, what is it?", lamentierte vor rund 20 Jahren der Chef von Radio One und meinte den Culture Club. Unter den jungen Romantikern aus Sheffield und London machten The Human League mit "Dare" (1981) und ABC mit "The Lexicon Of Love" (1982) die besten Platten, doch nur der Culture Club hatte einen Boy George aufzubieten, der fortan immer bloß als "Paradiesvogel" und Schwulen-Ikone herhalten musste, dessen Texte und eigenwilliger Gesangsstil aber vor allem "Colour By Numbers" (1983) zu einem wirklich gelungenen Pop-Album machten. Mit den bislang kursierenden Culture-Club-Kompilationen konnte man nicht zufrieden sein - das 4-CD-Box-Set "Culture Club" ist daher eine gute Idee, auch wenn man um zwei der vier CDs nicht unbedingt gebeten hatte: Haufenweise Mixe, Remixe und Demo-Versionen sind dann doch eher etwas für unbeugsame Verehrer des milden Exzentrikers mit dem bürgerlichen Namen George O' Dowd.
Jan Wigger

Culture Club - offizielle Website


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