Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Jede Woche stellt SPIEGEL ONLINE die fünf wichtigsten CD-Neuveröffentlichungen aus dem Pop- und Rockbereich vor. Heute dabei: Das komplette Œuvre der Brit-Combo Madness, das lange verschollene Debüt der verschrobenen Ween-Brüder sowie Neues von Console, Jimi Tenor und dem Vielschreiber John Darnielle aka The Mountain Goats.


Madness - "The Lot"
(Virgin/EMI)


Den Fehler, Madness auf Grund ihrer Clownereien auf der Bühne und den Schuljungen-Possen in ihren Videos als Songschreiber zu unterschätzen, beging man schon in den frühen Achtzigern, der kommerziell und kreativ erfolgreichsten Phase des Londoner Sextetts, allzu oft. Der hübsche Pappschuber "The Lot" versorgt Anhänger wie Bedenkenträger nun mit weitaus mehr als nur dem Nötigsten: Vom fulminanten Spätsiebziger-Debüt "One Step Beyond" über das meisterliche "The Rise And Fall" bis hin zum ruhmlosen Ausklang "Mad Not Mad" sind hier alle sechs Studioalben der Pop-Vernarrten um Sänger Graham "Suggs" McPherson versammelt. Wunderbares wie "Cardiac Arrest", "Embarrassment" und natürlich "Baggy Trousers" findet man zwar auf jeder Hit-Compilation der Band, die ebenso großartigen "Mr. Speaker Gets The Word" oder "I'll Compete" dagegen nicht. Das alles ist digital remastered und mit sämtlichen 24 Videos der Band als Dreingabe versehen.
Jan Wigger


Madness - offizielle Website


Console - "Reset The Preset"
(Virgin/EMI)


Unverhofft - aber verdientermaßen - konnte man Martin Gretschmann, den kauzigsten und coolsten Musiker bei Weilheims Pop-Sensation The Notwist, gerade mit Motörhead-T-Shirt und computerisierter Holz-Gitarre um den Hals auf Titelblättern bewundern. Für Depeche Mode und Björk Remixe auszutüfteln, vor allem aber an "Reset The Preset", dem neuen Doppel-Album seiner eigenen Band Console zu feilen, beanspruchte wieder so viel Zeit im heimischen Studio, dass der über Jahre geplante Friseurtermin wiederum dem strengen Zeitplan zum Opfer fallen musste. Macht nichts: Sowohl die erste CD "Reset", die sich Consoles Vision von Elektro-Pop verpflichtet fühlt und durchgängig vom neuen Console-Mitglied Miriam Osterrieder besungen wird, als auch der zweite Longplayer "Preset" - ambient und folgerichtig instrumental - sind mit das Einfallsreichste, was Gretschmann und Helfer bislang eingespielt haben. Mit einem Charterfolg erwartet man sicher nicht zu viel.
Jan Wigger


Console - offizielle Website


Ween - "God Ween Satan - The Oneness"
(Ryko/Zomba)


Es reicht ein Blick auf den Titel dieses lange gesuchten und nun doch noch wiederveröffentlichten Doppel-Debüt-Albums von Ween, um zu erahnen, dass das bekloppte Duo aus New Jersey in seiner Anfangszeit vor allem von Menschen verehrt wurde, die in der Lage waren, ihre Platten von vorne bis hinten durchzuhören, ohne irreparable Schäden zu erleiden. "God Ween Satan - The Oneness" erschien ursprünglich 1990, kurz nachdem Aaron Freeman und Mickey Melchiondo im Pot-Rausch ein Dämon namens Boognish erschien, der die beiden zwang, sich Dean und Gene Ween zu nennen und gemeinsam Musik zu machen. Unhörbar aber urkomisch sind die Psychedelic-Exkursionen "Bumblebee" und "Don't Laugh (I Love You)", die in krassem Gegensatz zu jenen viel späteren Sternstunden wie "Baby Bitch" oder "Even If You Don't" stehen, mit denen man gewitzt die Beatles oder Randy Newman zitierte. Das beste Ween-Album bleibt jedoch "Chocolate And Cheese" (1994). Immer noch.
Jan Wigger


Ween - offizielle Website


Jimi Tenor - "Higher Planes"
(Kitty-Yo/Connected)


Viele sind es nicht, die sich aus dem Elektronik-Boom der vergangenen Jahre ins neue Jahrtausend gerettet haben. Einer von ihnen, der kurioserweise nicht aus dem bayerischen Weilheim, sondern aus Finnland stammt, legt mit "Higher Planes" ein Album vor, dass den Psychedelic-Rock der späten Sechziger ebenso wiederaufleben lässt wie die Fusion-Experimente der Siebziger. Die Rede ist vom Elektrojazz-Pionier Lassi Letho alias Jimi Tenor. Mit "Intervision" gelang ihm 1997 der internationale Durchbruch, doch zu verschroben und unberechenbar präsentierte sich der Finne mit seinen folgenden Alben, so dass der ganz große Erfolg - und zum Glück auch der Ausverkauf - ausblieb. Mit einem Neustart beim Berliner In-Label Kitty-Yo ändert Tenor nun nochmals die Richtung: Wärmer ist der Sound, der mit einer kompletten Big Band eingespielt wurde, opulenter und druckvoller die Arrangements - Elektronik ist das nicht mehr zu nennen, eher schon der moderne Brückenschlag zwischen Namensvetter Hendrix und den vertrackteren Funk-Klängen von Weather Report. Zwischendrin ist sogar noch Platz für ein paar Hinweise auf finnische Folklore: Nicht nur das rockende und rollende "Tapiola" animiert zum fröhlichen Herumspringen auf Polka-Basis. Humppa-Jumppa heißt das übrigens in Jimis Heimatland, aber mit so einer derben Klassifizierung täte man der Eleganz des Tenor-Sounds natürlich Unrecht.
Andreas Borcholte


Jimi Tenor - offizielle Website


The Mountain Goats - "Tallahassee"
(4AD/Beggars Group)


Selbst erklärte Bewunderer des mittlerweile geradezu umtriebigen und nach wie vor ausreichend seltsamen Songwriters aus Indiana, haben es aufgegeben, das immer umfangreicher werdende Werk John Darnielles zu sichten. Seit über einem Jahrzehnt ist der Amerikaner unter dem Moniker The Mountain Goats unterwegs und liefert sich mit Ex-Blur-Musiker Graham Coxon, Will Oldham, Bill Callahan (Smog) und Jason Molina (Songs: Ohia) einen recht spannenden Wettbewerb um die meisten Plattenveröffentlichungen pro Jahr. Mit "Tallahassee", einem trotz Resignation vor allem textlich sehr lustigen Album, ist Darnielle beim altehrwürdigen Label "4AD" gelandet und noch nie klang ein Darnielle-Album so gut, niemals so wenig nach Vierspur-Gerät. Zu bedauern bleibt: Mehr Stückzahlen als oben genannte Herren verkauft Darnielle leider auch nicht.
Jan Wigger


The Mountain Goats - offizielle Website


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