Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Jede Woche stellt SPIEGEL ONLINE die wichtigsten CD-Neuveröffentlichungen vor. Heute: Die neue Supergroup des Pumpkins-Bosses Billy Corgan, das erste Solo-Album von Kelly "Destiny's Child" Rowland, Zauberhaftes von Beth Gibbons & Rustin Man, Solides von Massive Attack und Erstaunliches von Calexico.


Zwan - "Mary Star Of The Sea" (Reprise/Wea)


Der Trend geht ja zur Supergroup: Während Lemonhead Evan Dando sich mit Ryan Adams, James Iha (Ex-Smashing Pumpkins) und Melissa auf der Maur (Ex-Hole) zusammengetan hat, rekrutierte Pumpkins-Sänger Billy Corgan neben seinem alten Weggefährten Jimmy Chamberlin und Paz Lenchantin (A Perfect Circle) auch den großartigen David Pajo (Slint, Papa M) sowie Matt Sweeney, damals Kopf der Indie-Hoffnung Chavez. "Mary Star Of The Sea" ist um so vieles besser als die letzte Smashing Pumpkins-Katastrophe "Machina/The Machines Of God", dass man fast ein schlechtes Gewissen bekommt, weil man mit Corgan nicht mehr gerechnet hat. "Endless Summer" und "Yeah!" sind nur zwei der gitarrengetränkten, euphorischen und gelungenen Stücke, die - man wagt kaum, es auszusprechen - an den Pumpkins-Klassiker "Siamese Dream" (1993) gemahnen. Ansonsten scheint Ihro Unpässlichkeit Billy Corgan wieder ganz der Alte zu sein: Fragen zu den Smashing Pumpkins sind strikt verboten, auf Zwan-Konzerten gibt es in der Regel nur rund fünf Album-Stücke und eine Handvoll Cover-Versionen zu hören. Gehen sie trotzdem hin!
Jan Wigger


Zwan - offizielle deutsche Website mit Video und Audio
Zwan - offizielle Website


Beth Gibbons & Rustin Man - "Out Of Season"
(Polydor/Universal Music)


Wenn ein Musikjournalist seinen Job retten oder zumindest Glaubwürdigkeit vortäuschen möchte, soll die plötzliche Nennung der beiden letzten, "experimentellen" Talk-Talk-Alben "Spirit Of Eden" (1988) und "Laughing Stock" (1991) schon mehrfach Wunder gewirkt haben. Kunststück, waren ja auch die Besten. Talk Talk jedoch sind längst Geschichte, Mark Hollis sitzt im Wald und baut Holzblasinstrumente, Paul Webb, in jenen Tagen am Bass, ist nun der Rustin Man. "A place of love and mystery/ I'll be there anytime", haucht die scheue, geheimnisumwitterte Beth Gibbons ins Mikro - und wo die Portishead-Sängerin wirkt, da bleibt für Webb nur die Nebenrolle. Ohne seine kunstvollen Arrangements wäre das Album "Out Of Season" (nebenbei ein umsichtig ausgewählter, hervorragend passender Album-Titel!) allerdings nur die Hälfte wert. "Time rolls as days go by/ And now I've figured that I ain't gonna last/ Summer skies are leaving me behind" ("Resolve"). Was für ein erlesener Schmerz.
Jan Wigger


Beth Gibbons - offizielle Website


Kelly Rowland - "Simply Deep"
(Columbia/Sony Music)


Oh nein, nicht noch eine dieser austauschbaren, gesichtslosen R&B-Girlies, die mit Hilfe milliardenschwerer HipHop-Produzenten Platten besingen dürfen, die die Welt nicht braucht. Doch Halt, bevor man Kelly Rowland vorschnell in einen Sack mit Solange, Brandy, Ashanti, Monica und Konsorten steckt, sollte man über drei Dinge hinwegsehen: die ungerechtfertigt erfolgreiche Schnarchnummer "Dilemma" (mit Pflaster-Fan Nelly), den gerechtfertigen Erfolg der Mädchen-Formation Destiny's Child (zu deren Mitgliedern Ms. Rowland zählt) und die alles überstrahlende Präsenz ihrer Kollegin Beyoncé Knowles (gegen deren Schönheit Kelly Rowland nur verlieren kann). Geht man also derart unbefangen an "Simply Deep" heran, lassen sich durchaus Qualitäten entdecken: Der elektronisch blubbernde Tanzboden-Feger "Love/Hate" etwa, oder der eindringliche Opener "Stole". Hier öffnet jemand seine Seele weit, um vom ewigen "Jemand hat mir Unrecht getan" zu singen. Zuweilen wurde auf Produzentenseite ein wenig zu sehr poliert, so dass vieles allzu gefällig daher kommt, dennoch muss man der soeben 22 Jahre alten Whitney-Houston-Verehrerin Respekt zollen. "Simply Deep" klingt als Titel vielleicht ein bisschen zu hochtrabend, "simply soul" trifft's besser.
Andreas Borcholte


Destiny's Child: Mädchen, Mähnen und Moneten
Solo-Pläne: Pause für Destiny's Child
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Destiny's Child - offizielle Homepage


Calexico - "Feast Of Wire"
(Labels/Virgin/EMI)


Alle waren sich einig und alle hatten Recht: "Feast Of Wire", mit den letzten Neuigkeiten von Joey Burns und John Convertino, ist eine Meisterleistung. Der stilgetreuen Vertonung des Mythos Arizona und seiner unergründlichen Geheimnisse schien man sich schon mit dem grandiosen "Hot Rail" (2000) genähert zu haben, "Feast Of Wire" jedoch hat neben einer geradezu unerhörten Geschlossenheit mit dem sinistren "Woven Bird" und dem kurioserweise an die Belgier dEUS erinnernden, majestätischen "Black Heart" auch noch die vielleicht besten Calexico-Stücke überhaupt auf der Habenseite. Pedal Steel, Trompeten, Vibraphon, Akkordeon, Violinen, sogar eine Song-Skizze über Stevie Nicks - diesem einmaligen Kollektiv, das dem ursprünglichen Hauptprojekt Giant Sand längst den Rang abgelaufen hat, fehlt es tatsächlich an nichts.
Jan Wigger

Calexico: Morricone und Leone aus Arizona
Calexico - offizielle Website


Massive Attack - "100th Window"
(Virgin/EMI)


Es führt kein Weg zurück für Robert Del Naja. Keiner zu "Teardrop" mit den Vocals der zauberhaften Elizabeth Fraser (Cocteau Twins), keiner zu "Protection" (1994) und erst recht keiner zum wegweisenden Massive-Attack-Debüt "Blue Lines" (1991). Fünf Jahre schon sind seit dem wunderbaren "Mezzanine" ins Land gegangen, damals beschwerten sich Hardliner über den Einsatz von E-Gitarren. Mit "100th Window" dürften die Puristen zwar weniger Probleme haben, doch ein wahrhaft großer Wurf wie jener, der zu Beginn der Neunziger ein ganzes Genre begründete, dürfte Del Naja, dem Zeremonienmeister von Massive Attack, nicht mehr gelingen. Was keinesfalls heißen soll, dass "100th Window" ein Reinfall ist: Soundscapes und atmosphärische Dichte faszinieren noch immer, Sängerin Sinead O'Connor, nach ihrem eigenen Album "Universal Mother" von allen guten Geistern verlassen, kann mehrfach überzeugen und das unterkühlte "Everywhen" ragt heraus. Wer jedoch Überraschendes aus Bristol erwartet hat, bleibt vermutlich enttäuscht zurück.
Jan Wigger


Massive Attack: Angriff der Melancholie
CD-Kritik: Massive Attack: "Mezzanine"
Massive Attack - offizielle Website


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