Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Jede Woche stellt SPIEGEL ONLINE die wichtigsten CD-Neuveröffentlichungen vor. Heute: Das Comeback der Bangles, die Neuerfindung der Folk Implosion, das Revival der Deutsch-Amerikanischen Freundschaft, das Debüt der Raveonettes und der gestelzte Britpop von Clearlake.

Von Jan Wigger


The Bangles - "Doll Revolution"
(Liberty/EMI)

Für RTL-Allesmoderierer Oliver Geissen sind die Bangles natürlich eine typische "Achtziger-Band", was daran liegen mag, dass immer nur "Manic Monday" und "Eternal Flame" im Radio liefen und nicht "Hero Takes A Fall" vom vorzüglichen Album "All Over The Place" (1984). Wahrscheinlich ist auch, dass Band-Darling Susanna Hoffs einfach zu rehäugig war, um als Songschreiberin ernst genommen zu werden. Die Neunziger verstrichen ohne eine Platte der zwischenzeitlich aufgelösten Girl-Band, "Doll Revolution" ist das erste Studio-Album seit 15 Jahren und beginnt unglaublicherweise mit einer Interpretation von Elvis Costellos "When I Was Cruel"-Klopfer "Tear Off Your Own Head (It's A Doll Revolution) - nichts hätte der Glaubwürdigkeit eines Bangles-Comebacks zuträglicher sein können. Die restlichen 14 Songs klingen übrigens, als sei das Quartett aus Los Angeles nie weg gewesen: Grundsympathischer, zeitloser Gitarren-Pop, akkurates Songwriting.

The Bangles - offizielle Website


The Raveonettes - "Whip It On"
(Columbia/Sony Music)


Ähnlich wie ihre Landsleute, die dänischen Dogma-Filmer Lars von Trier, Thomas Vinterberg oder Susanne Bier, haben sich auch die Raveonettes aus Kopenhagen für ihre EP "Whip It On" selbst gemaßregelt: Kein Song sollte die Drei-Minuten-Grenze überschreiten, alle Stücke wurden in der gleichen Tonart aufgenommen, mehr als drei Akkorde waren ohnehin nicht erlaubt. Trotz dieser vermeintlichen Fesseln ist der sinister strahlenden Sharin Foo und dem hinreichend coolen Sune RoseWagner ein außerordentlich geschlossenes und höchst erstaunliches Debüt gelungen: Den "Wall of sound" vom legendären "Psychocandy"-Album der Jesus & Mary Chain, die willkommene Melancholie der Shangri-La's und die Zügellosigkeit von Suicide hat in den letzten Jahren kaum jemand so gekonnt vereint. Bitte jetzt gähnen: Neben dem kanadischen Irrsinn Hot Hot Heat werden auch The Raveonettes das nächste große Ding!

The Raveonettes - offizielle Website


The Folk Implosion - "The New Folk Implosion"
(Domino/Zomba)


Der gute Lou Barlow. Wenn einer das Slackertum unter Rockmusikern und dazu noch die Lo-Fi-Bewegung erfunden hat, dann ja wohl er. Zudem war Barlow stets verlässlich: Immer wenn man glaubte, seine zahlreichen Projekte hätten ihn endgültig schachmatt gesetzt, tauchte er mit einer Platte von Sentridoh, Sebadoh oder der Folk Implosion wieder auf. Gemeinsam mit den neuen Folk-Implosion-Mitgliedern Imaad Wasif und Russ Pollard hat Lou nun ein Album aufgenommen, das in seinen besten Momenten sogar an die Sebadoh-Glanztat "Harmacy" (1996) heranreicht. "Pearl" und "Coral" sind nur zwei der seltsam erwachsen klingenden, wunderbaren Indie-Pop-Songs auf "The New Folk Implosion", dessen Käuferschicht sich hoffentlich nicht wie gehabt auf alte Dinosaur-Jr.-Fans und passionierte Rumhänger (oder beides) beschränken wird.

The Folk Implosion - offizielle Website


DAF - "15 neue DAF Lieder"
(Superstar/Universal Music)


"In meinem schönen Kinderzimmer/ damals noch im Ruhrgebiet/ herrschte immer die Guerilla/ Guerilla ist der kleine Krieg/ Ulrike Meinhof war für mich als Kind ein echter Superstar/ an meinem Heldenfirmament/ mit Valentina Tereschkova, Emma Peel und Raquel Welch" ("Kinderzimmer"). Da bleiben wenig Zweifel - auch die Deutsch Amerikanische Freundschaft (DAF) wurde durch das deutsche Punk/NDW-Revival wieder an die Oberfläche gespült und mit diesem Namen ergibt sich die tagespolitische Relevanz von ganz allein. In Jürgen Teipels mittlerweile unerhört erfolgreichem Doku-Roman "Verschwende deine Jugend" kommt DAF-Mitglied Gabi Delgado-Lopez (zur Erinnerung: Der andere heißt Robert Görl) nicht gerade als boy next door rüber, doch es brauchte einen solchen Verrückten, denn DAF waren zu Beginn der achtziger Jahre die gefährlichste deutsche Band. Die 15 neuen, wie erwartet tanzbaren DAF-Lieder hinterlassen einen zwiespältigen Eindruck: Manches funktioniert verblüffenderweise wie früher ("Der Sheriff"), für leidlich Provokantes wie "Rock hoch" gibt es heutzutage leider Rammstein.

Elektro-Pioniere DAF: Anti-amerikanische Freundschaft
DAF - offizielle Website


Clearlake - "Cedars"
(Domino/Zomba)


Weil keine der jungen britischen Bands jemals so gut werden kann wie The Smiths, haben es die Musikschreiber von der Insel längst aufgegeben, das etwas manierierte Organ des Clearlake-Sängers Jason Pegg mit Morrissey zu vergleichen. Bald schon versuchte man es mit Syd Barrett, doch Pegg hat nicht mal "The Madcap Laughs" gehört. Wie schon beim durchaus imponierenden Debüt "Lido" hinken alle Analogien auch beim schwelgerischen, zuweilen gestelzten Britpop von "Cedars". Mit dem Gedanken, ihre Heimatstadt Brighton zu verlassen, spielen Clearlake nicht: Es ist ein guter Ort, um Titel wie "The Mind Is Evil" zu schreiben, die größer als das Leben sein wollen und es manchmal sogar schaffen.

Clearlake - offizielle Website

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