Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Jede Woche stellt SPIEGEL ONLINE die wichtigsten CD-Neuveröffentlichungen vor. Heute: Retro-Jazz von der Newcomerin Malia, Berliner Einsichten von Herr Nilsson, Exkursionen in die Trash-Kultur mit den Cramps, Country-Schwelgereien von Daniel Lanois und Prollrock von Joachim Deutschland.

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Malia - "Yellow Daffodils"
(Epic/Sony Classical/Jazz)


Diese Frau scheint zu wissen, was sie will: Laut einer von der Plattenfirma verbreiteten Legende hörte Malia vor ein paar Jahren in einem New Yorker Club einen Song der französischen Jazz-Sängerin Liane Foley und sagte zu ihrer Schwester, die auch dabei war: "Das ist genau das, was ich machen will". Sie fand heraus, wer der Produzent war, André Manoukian, und löcherte bei Foleys Label Virgin so lange die Mitarbeiter, bis sie die Telefonnummer herausrückten. Der Franzose war von der aus Malawi stammenden Schönheit offenbar begeistert: Er nahm die Newcomerin unter seine Fittiche und produzierte mit ihr das Album "Yellow Daffodils", das die Medien sofort in heftiges Raunen versetzte. Die neue Billie Holiday? Malias Stimme, leicht brüchig und distanziert, erinnert tatsächlich an die legendäre Sängerin, doch welche weibliche Jazz-Stimme bemüht sich nicht um jenes zittrige Timbre. Manoukian unterlegte die gemeinsam geschriebenen Songs mit einem lässigen Bossa-, Cool Jazz- und Bar-Ambiente, das angenehm an die goldene Zeit dieser Musik, die sechziger und siebziger Jahre erinnert. Modernistische Mätzchen gibt es kaum, die Instrumentierung bleibt klassisch, so dass "Yellow Daffodils" viel Zeitlosigkeit verströmt. Sollte Malia also nicht sogleich entdeckt werden, so hält dieses beeindruckende Debüt jedenfalls auch noch ein paar Jahre Dornröschenschlaf aus.


Malia - offizielle Website bei Sony Music


Herr Nilsson - "Einfacher sein"
(KOOK/Indigo)


Verfechter der "Neuen Mitte" haben es ja schon immer gewusst: Vom Prenzlauer Berg aus wird die Berliner Republik neu definiert. Aber vielleicht nicht unbedingt so, wie es sich der Kanzler und Konsorten vorgestellt haben. Wer mit schmucken Designer-Palästen, irritierender Hipster-Rhetorik und gewollt retrospektiven Latte-Macchiato-Fabriken nichts anfangen, aber trotzdem cool sein will, dem sei diese zweite CD der Wahlberliner Band Herr Nilsson ans Herz gelegt. Auch wenn es der Name suggerieren mag, geht es hier nicht um Aufgeregtes à la Pippi Langstrumpf, sondern um nachdenklichen Textpop und universelle Themen: Langeweile im Büro ("Vitamin B-Werke"), Gäste, die man nicht hereinlassen will ("Der Gast"), die alltägliche Paranoia ("Das Ende der siebziger Jahre") oder schlicht die Verunsicherung eines Verliebten in der wunderschönen End-Ballade "Ich geh heim". Dazu wird keineswegs schnöde geschrammelt, sondern mit Funk, Jazz, Rap und anderen Stilen munter experimentiert, so dass bei aller schlauen Textlastigkeit auch das Musikalische nicht zu kurz kommt. Ein kleines, aber sehr feines Ereignis deutschsprachiger Popmusik.


Herr Nilsson - offizielle Website


The Cramps - "Fiends Of Dope Island"
(Vengeance/EFA)


Fünf Jahre ist es her, seit die Cramps uns zum letzten Mal mit ihrem kruden Gemisch aus Punk, Psychobilly, Porno, Okkultismus und purer Bosheit beglückten. Seit "Big Beat From Badsville" hat sich die musikalische Rockwelt allerdings ein paar Mal weitergedreht und neue Punks wie die Hives, die Vines etc. hervor gebracht. Doch hört man den "Fiends Of Dope Island" bei ihrem lärmigen Treiben zu, fällt auf, dass der Cramps-Sounds inzwischen zeitlos geworden sind. Teuflische Titel wie "Big Black Witchcraft Rock", "Dr. F**ker M.D." oder "Elvis F**king Christ", die die Band mit fiebrigem Furor dahinrumpelt, erinnern noch einmal daran, dass sich gerade der amerikanische Punkrock bei ungünstiger Trendlage in merkwürdige Formen, Nischen und Mutationen geflüchtet hat. Ernst nehmen kann man diesen in seiner Geschmacklosigkeit perfekten Soundtrack für die große Ed-Wood-Filmnacht natürlich nicht. Aber darum ging es den Cramps in ihrer mittlerweile mehr als 20 Jahre währenden Aufarbeitung amerikanischer Trash-Kultur wahrscheinlich noch am allerwenigsten.


Daniel Lanois - "Shine"
(Anti/SPV)


Daniel Lanois, mittlerweile auch schon über Fünfzig, gehört zu den letzten der Super-Produzenten. U2 ("Achtung Baby", "All That You Can't Leave Behind"), Peter Gabriel ("Us"), Bob Dylan ("Time Out Of Mind"), die Größen der Popmusik vertrauten dem Frankokanadier ihre kritischsten Alben an und wurden im seltensten Fall enttäuscht. Doch nicht nur hinter den Reglern macht Lanois eine gute Figur, er bewies mit einer Reihe Alben, dass er durchaus auch als Musiker über Charakter verfügt. Zwar sind seit seinem letzten Studio-Werk "For The Beauty Of Wynona" satte zehn Jahre vergangen, dennoch klingt "Shine", als wären die Sessions einfach fortgesetzt worden. Das ist ausnahmsweise kein Nachteil, denn Lanois' meditativer Mix aus Country, Cajun und atmosphärischer Popmusik scheint in einer trend- und modeunabhängigen Paralleldimension zu existieren, auf die man sich allerdings einlassen können muss. Hilfestellung gibt es von Emmylou Harris, die den Opener "I Love You" ins Mikro haucht, und Bono ("Falling At Your Feet"). Den Rest singt Lanois selbst (und klingt dabei ien bisschen nach Bono) oder lässt allein die Musik sprechen, manchmal auch nur eine sehnsüchtige Country-Gitarre. Wer dem Suchtpotenzial dieser fremdartigen Musik, die nach den Sümpfen Louisianas riecht, anheim fällt, dem sei hier auch noch Lanois' instrumentaler Soundtrack zu Billy Bob Thorntons Film "Sling Blade" empfohlen.


Daniel Lanois - offizielle Website


Joachim Deutschland - "Musik wegen Frauen"
(Chet Records/Sony Music)


Für alle, die es verdrängt hatten: Der 22-jährige Münchner mit dem nationalstolzen Nachnamen lieferte im Vorwege des Vorentscheids zum Grand Prix d'Eurovision de la Chanson einen Mini-Eklat, als er bei einer Show im Hamburger "Schmidt's"-Theater sein entblößtes Hinterteil zeigte. Als dann noch eine obskure Soundfile mit dem Namen "Die Stoibers" den Zorn des bayerischen Ministerpräsidenten erregte, da in dem Song-Fragment offenbar dessen Tochter verbal verunglimpft wurde, hatten die deutschen Medien für ein paar Stunden ein neues Fressen gefunden. Wer sich jetzt, Wochen später, noch für das Debüt-Album des Rockers interessieren soll, bleibt fraglich. Man hätte sich bei BMG und den RTL-"Superstars" abgucken sollen, wie man Veröffentlichung und Medien-Event zeitlich abstimmt. Textlich hat Joachim Deutschland indes kaum mehr zu bieten als dümmliche, oberflächlich provokante Phrasen ("Ich tu was ich will", "Luder") und Gebrauchslyrik, die an den Kindergarten erinnert: "Nur eines macht mich auf dieser Welt so richtig wild/ Und das ist mein eigenes Spiegelbild", knödelt er zum Beispiel in "Perfekt". Da wird einem sogar der eigentlich wohltuend simple Rocksound des Albums verleidet. Arme(s/r) Deutschland...

Joachim Deutschland - offizielle Website

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