Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Jede Woche stellt SPIEGEL ONLINE die wichtigsten CD-Neuveröffentlichungen vor. Heute: Neue Großartigkeiten von Blur, Lucinda Williams, Tomte und Arab Strap sowie das perfekte Sommer-Album von Athlete aus London.

Von Jan Wigger


Blur - "Think Tank"
(Parlophone/EMI)


Nerds und Hornbrillenträger werden ein wenig enttäuscht sein: "Think Tank" ist die erste Blur-Platte ohne den linkischen Gitarristen Graham Coxon und man merkt es kaum. Nur noch auf dem vorzüglichen Abschluss "Battery In Your Leg" ist er zu hören - der herrschsüchtige, geniale Damon Albarn pochte auf Disziplin, Coxon störte da nur noch. Ist das siebente Blur-Album "schwierig", wie vielerorts vorsichtshalber vermutet? Nur Menschen, die bereits das umstrittene, indes beste Blur-Album "13" als unverdaulich empfanden, werden dies denken. Die bestrickende Single "Out Of Time", die herrlichen "Good Song" und "Sweet Song" zählen fortan zu den schönsten Albarn-Momenten, "Crazy Beat" spekuliert augenzwinkernd und nicht zu aufdringlich auf die "Song 2"-Nachfolge. William Orbit und Norman Cook produzierten Teile von "Think Thank", was nicht zwingend notwendig gewesen wäre, da man der Konkurrenz ohnehin längst enteilt ist. "I ain't got nothing to be scared of" singt Albarn in "Ambulance" immer wieder. Das ist das ganze Geheimnis.


Blur - offizielle Website


Lucinda Williams - "World Without Tears"
(Lost Highway/Universal Music)


Es hilft ja alles nichts, es muss gleich zu Beginn gesagt werden: "World Without Tears" ist das großartigste Album, das Lucinda Williams jemals aufgenommen hat. In der Vergangenheit gab es für die 50-jährige Songschreiberin den einen oder anderen Grammy, "Car Wheels On A Gravel Road" wurde vor einigen Jahren einhellig gelobt, auch "Essence" geschätzt, doch die widerspenstige, spröde Meisterin des Alternative Country, die schon weit vor "Car Wheels" einige wunderbare Independent-Alben veröffentlicht hat, taugte naturgemäß nicht zum Star. "World Without Tears" ist ein einzigartiges Dokument der Niedergeschlagenheit und dennoch tröstlich in seiner Unnachgiebigkeit. Man höre hierzu nur "Over Time" oder "Those Three Days". Kann man überhaupt bessere Songs schreiben? Wer die Deutschland-Konzerte der bislang flugängstlichen Williams freiwillig verpasst, muss tatsächlich etwas Besseres vorhaben. Bloß was?


Lucinda Williams - offizielle Website


Tomte - "Hinter all diesen Fenstern"
(Grand Hotel Van Cleef/Indigo)


Sie haben es vermutlich schon bemerkt: Dieser Montag ist ein Montag mit einem Haufen fabelhafter neuer Platten und lesen konnte man in den letzten Tagen überall, dass Tomte mit "Hinter all diesen Fenstern" die bisher tollste und bestimmteste deutschsprachige LP aufgenommen haben, was übrigens auch der Wahrheit entspricht. Natürlich gab es auch andere Stimmen: "Bizarrer Hirnfick" war die witzigste, sicher nicht bös gemeinte Umschreibung für den alerten Gitarren-Pop des Hamburger Quartetts. Sänger Thees Uhlmann, selbst Musikschreiber, sah sich zudem leisen Kumpanei-Vorwürfen ausgesetzt, weil ausgerechnet sein Antlitz das Cover des Popkultur-Magazins "Spex" zierte, obwohl die Musik von Tomte, wie die Underground-Polizei gleich befand, doch nur "stinkdurchschnittlich" sei. Die vorgebliche Durchschnittlichkeit eines derart herzzerreißenden Songs wie "Von Gott verbrüht" möge man mir bei Gelegenheit jedoch noch einmal genauer erklären.


Tomte - offizielle Website


Athlete - "Vehicles & Animals"
(Parlophone/EMI)


Erst kürzlich war zu lesen, dass "Vehicles & Animals", das Debüt der Londoner Band Athlete, in diesem Jahr zur Sommerplatte avancieren könnte, auf die sich wirklich alle einigen können. Diese verheißungsvolle Prognose sollte sich bewahrheiten und ist um so vieles klüger als die bodenlose Frechheit eines Lohnschreibers von der Insel, der Athlete mit den selten dämlichen Toploader verglich, die soeben das Zeitliche segneten. In Wahrheit zelebrieren Athlete, deren Singles "You Got The Style" und vor allem das rührende "Beautiful" wache Gemüter bereits nachhaltig beeindrucken konnten, perfekten und erstaunlich ausgereiften Pop. Die angestellten Vergleiche mit den Flaming Lips oder Grandaddy hinken etwas, zumal Joel Potts Stimme alles Jenseitige abgeht. I Am Kloot, Del Amitri, zuweilen auch Pavement haben mal ähnliche Songs geschrieben, wenn das weiterhilft. "Vehicles & Animals" ist der bestmögliche Einstand.


Athlete - Minisite bei Capitol Records


Arab Strap - "Monday At The Hug & Pint"
(Chemikal Underground/Zomba)


Ja, Arab Strap sind längst zu einer verlässlichen Konstante geworden im Leben der Menschen, die gerne Platten hören, die von Sex handeln, vom Fleischlichen also, und selbstredend von der Eifersucht. An verhangene Meisterwerke der Schotten wie "Philophobia" und "Elephant Shoe", dem schöpferischsten Album von Aidan Moffat und Malcolm Middleton, erinnert man sich auch deshalb so gut, weil man nach dem Hören glaubte, nie wieder aufstehen zu können und dann auch meist bis zum nächsten Morgen liegen blieb. "Monday At The Hug & Pint" ist zwar noch immer finster und latent bedrohlich, doch irgendwie auch lauter, freundlicher, schneller sogar als vieles zuvor. "The fact is you've always been clumsy/ Be it with tables at your work or with my heart", raunt Moffat in "Act Of War". Also doch alles wie gehabt.


Arab Strap - offizielle Website

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