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Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Von Jan Wigger

Jede Woche stellt SPIEGEL ONLINE die wichtigsten CD-Neuveröffentlichungen vor. Heute: Meisterhaftes von Radiohead, erwartbar Hochklassiges von den Tindersticks und Steely Dan, Stringentes von Grandaddy und Durchschlagendes von Metallica.

Radiohead - "Hail To The Thief"
(EMI)


Es war schon putzig, mitanzusehen, wie sich verärgerte Fans, reaktionäre Gitarrenrock-Puristen und Viva-Moderatorinnen bereits zu Zeiten von "Kid A" bitter beklagten, Radiohead würden jetzt Avantgarde, verquasten Kunstmist oder sonst was machen, bloß keine "Songs" mehr schreiben. Auch wenn solche Einlassungen bezüglich eines Albums, dessen Innovationskraft es locker mit Scott Walkers "Tilt" aufnehmen kann, schon damals der größte Blödsinn waren, ist auch bei "Hail To The Thief" wieder vereinzelt mit Gemaule zu rechnen. Obwohl ja auch hier wieder gilt: Man muss die zutiefst bewegenden Melodien gar nicht erst suchen, selbst wenn sie wie im grandiosen "The Gloaming" von Autechre-artigen, unfasslichen Effekten begleitet werden. "There There" ist eine der beeindruckendsten Singles in der Radiohead-Geschichte, " 2 + 2 = 5" ein furioser Rückgriff zum zweiten Album "The Bends". Ganz zum Schluss, bei "A Wolf At The Door" lässt einen Thom Yorke, diese verrätselte Randexistenz, dann endgültig erschaudern: "I keep the wolf from the door / but he calls me up, calls me on the phone / tells me all the ways that he's gonna mess me up / Steal all my children if I don't pay the ransom & I'll never see them again if I squeal to the cops". Klare Sache: Meisterwerk.

Radiohead - offizielle Website

Grandaddy - "Sumday"
(V2)


Um beim bevorstehenden Bruce Springsteen-Konzert alt genug auszusehen und auch sonst nicht weiter aufzufallen, ließ sich der Rezensent kürzlich erstmalig einen Vollbart Will Oldhamschen Ausmaßes wachsen und musste angewidert feststellen, dass Bärte nur sehr wenigen Menschen zum Vorteil gereichen. Einer dieser Glücklichen ist zweifelsohne Grandaddy-Sänger Jason Lytle, der sich mit dem traumhaften letzten Album "The Sophtware Slump" ein großes Problem eingehandelt hat: "Sumday", so erwarteten es nicht wenige, würde mindestens das neue "Pet Sounds" werden oder zumindest die Kategorie "Kauziger Indie-Pop mit schrottigen Electric Light Orchestra-Keyboards" von Grund auf revolutionieren. Natürlich mussten Lytle und seine kalifornischen Freunde an diesen überzogenen Forderungen scheitern, doch es ist ein schönes Scheitern geworden, ein vorsichtiges Feiern der Vergeblichkeit und eine sehr gescheite, stringente Pop-Platte.

Grandaddy - offizielle Website

Steely Dan - "Everything Must Go"
(WEA)


"So let's switch off all the lights and light up all the Luckies / Crankin' up the afterglow / Cause we're goin' out of business / Everything must go", versuchen sich Walter Becker und Donald Fagen im Titelstück davonzustehlen. Und sollten sie es dieses Mal ernst meinen - der Welt würde die schlaueste, stilvollste und geschmackssicherste Band überhaupt verloren gehen. Wer in der Vergangenheit - und die Steely Dan-Vergangenheit umfasst mittlerweile 31 Jahre - bloß die glatt polierte Oberfläche des für die Aufnahmen zu "Everything Must Go" nach Los Angeles zurückgekehrten Jazz-Pop-Duos wahrgenommen, den meisterhaften Spott und subtilen Witz aber übersehen hatte, hielt Steely Dan stets für alte Säcke und Langweiler. Aber war es nicht herrlich, wie sie nach 20 Jahren mit "Two Against Nature" zurückkehrten? Waren die Fotos, die Becker und Fagen mit ihren Grammys zeigten, nicht urkomisch? Und können Langweiler Klassiker wie "Babylon Sisters", "The Boston Rag" oder "Barrytown" geschrieben haben? Nein, das können sie nicht. Auch "Everything Must Go" klingt so wissend und zurückgelehnt, wie eine Platte von Musikern, die alles gesehen haben, nur klingen kann. Turn that heartbeat over again!

Steely Dan - offizielle Website

Tindersticks - "Waiting For The Moon"
(Beggars Banquet)


Auch mal wieder da: Die Tindersticks. Um bei den Tindersticks mitreden zu können, muss man sich beim launigen Tischgespräch eigentlich nur drei Sachen merken. Erstens: Niemals wieder werden die Tindersticks ein so großartiges Album wie ihr Debüt veröffentlichen. Zweitens: Das zweite Album war auch großartig, aber nicht ganz so großartig wie das Erste. Drittens: Auf "Simple Pleasure" konnte man sie vergessen - Stuart Staples war plötzlich halbwegs gut gelaunt, es wurde nicht mehr über Lotterbetten gesungen, die Soul-Sängerinnen im Background störten, das Geklimper nahm Überhand.

Danach wurde alles besser: Schon auf "Can Our Love..." gab Staples wieder den alten Crooner, auch seine Laune hatte sich glücklicherweise wieder verschlechtert. Jetzt "Waiting For The Moon", wieder sehr gut, stellenweise sogar brillant ("My Oblivion" und "Sometimes It Hurts", ein Duett mit Lhasa de Sela) und mit der 4-Track-EP "Don't Even Go There" als Zugabe. Möge es so weitergehen.

Tindersticks - offizielle Website

Metallica - "St. Anger"
(Island/Polydor)


Niemand, der etwas auf sich hält und Metallica für "Master Of Puppets" oder "Ride The Lightning" geschätzt hat, wird sich gerne an "Re-Load" erinnern, das letzte Studio-Album von Metallica aus dem Jahre 1997. Und doch sind James Hetfield und der Rest noch die größte existierende Metal-Band, denn keiner konnte Gegenteiliges beweisen - Pfeifen wie P.O.D oder Linkin Park, die sich während Metallicas Absenz dumm und dämlich verdienten, schon gar nicht. Der Albumtitel "St. Anger", das Cover mit der geballten Faust in Fesseln, der "Parental Advisory"-Sticker: alles spricht für einen Schlag in die Fresse. Und tatsächlich prügeln der vom Alkohol geheilte Hetfield, Bassist Rob Trujllo, Lars Ulrich und Kirk Hammett 75 Minuten lang so drauflos, wie seit "....And Justice For All" nicht mehr, der vielleicht komplettesten Metallica-LP. Da jedoch hatte man noch "Blackened" und "Dyers Eve" und was damals spannend und vertrackt war, ist nun allzu oft einseitig und stumpf geraten. Keine Frage: "St. Anger" ist absolut kompromisslos und besser als alles nach dem "schwarzen Album" - davon, zu behaupten, die Kompositionen würden wieder so stark sein wie "Battery" oder "Disposable Heroes", sollte allerdings Abstand genommen werden.

Metallica - offizielle Website

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