Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Jede Woche stellt SPIEGEL ONLINE die wichtigsten CD-Neuveröffentlichungen vor. Heute: Geniales von Guided By Voices, Uninspiriertes von Neil Young & The Crazy Horse, Einfallsloses von The Wannadies, sinnlos Lärmendes von Elbow und ein grandioses Best-of-Album von Helge Schneider.

Von Jan Wigger


Guided By Voices - "Earthquake Glue"
(Matador)

In besonders schlecht geschriebenen Plattenrezensionen liest man oftmals die treuherzige und blöde Bemerkung, diese oder jene Platte sei "wie ein guter Freund". Dann und wann kehrt dieser gute Freund "nach langer Zeit" der Absenz zum Plattenhörer zurück und legt ihm "tröstend den Arm um die Schulter", was besonders misslich ist. Davon abgesehen also, dass gute Freunde gute Freunde und Platten lediglich Platten sind, mit denen man im Übrigen auch keinen Sex haben kann, kommt dem genialen und hyperproduktiven Songschreiber und Sixpack-Vernichter Robert Pollard tatsächlich so etwas wie eine therapeutische Funktion unter Eingeweihten zu. Im letztjährigen Suizid-Drama "On The Edge" kam dann auch gleich ein Nervenarzt vor, der exakt so aussah wie Pollard, doch der Film kam aus Europa. Mit "Earthquake Glue" schreibt die Sixties-infizierte Indie-Rock-Band aus Dayton/Ohio ihre eigentlich traurige Geschichte eindrucksvoll fort: Tausend Songs, mindestens die Hälfte davon super, und immer noch kein Hit. Was früher "The Official Ironmen Rally Song" oder "Hold On Hope" waren, sind heute "The Best Of Jill Hives", auch "Useless Inventions" und vieles mehr. Die Songtitel sind wie immer egal, vermutlich ist Schauspieler Robert Stadlober der einzige Mensch, der alle tausend auswendig aufsagen kann. Und Robert Pollard? Ach was, nicht Robert - nennt ihn Bob!


Guided By Voices - offizielle Website


Neil Young & Crazy Horse - "Greendale"
(Reprise / WEA)

Wenn ein sehr relevanter und wichtiger Künstler, den man über die Maßen schätzt, ein nur wenig relevantes Album gemacht hat, tut einem das in der Seele weh. Bei Neil Young wies schon alles nach "Sleeps With Angels" darauf hin, dass hier jemand ernsthaft dabei ist, nur mehr von der Vergangenheit zu zehren - "Broken Arrow" war größtenteils lieblos, "Are You Passionate?" nur zur Hälfte gelungen. Das kleine Städtchen "Greendale" hat der alte Haudegen liebevoll erdacht und konzipiert, vom Großpapa und dem Polizisten Carmichael über das hübsche Landkärtchen auf dem Cover. Aber was ist nur mit den Songs passiert, die vor kurzem auf Youngs Akustik-Tour noch Großes erhoffen ließen? Auf "Greendale" werden sie plattgewalzt von den diesmal seltsam pomadig und uninspiriert aufspielenden Crazy Horse. Gemächlich schleppen sich weit über zehnminütige Songs wie "Carmichael" dahin, bloß wenn es in "Bandit" und "Bringin' Down Dinner" stiller wird, blitzt der alte Zauber noch einmal auf. Was soll's: Hören wir eben noch einmal "On The Beach".


Neil Young - weitere Informationen


Elbow - "Cast Of Thousands"
((V2)


Wenn eine Band sich "auf die Suche nach neuen Klängen" macht, wie Elbow es im Infoschreiben ihres zweiten Albums "Cast Of Thousands" postulieren, ist entweder mit dem Allerhöchsten zu rechnen (Radiohead!) oder mit bloßer, obendrein störender Effekthascherei. "Asleep In The Back" war damals ein erstaunliches Debütalbum, dazu mit bleibenden, ausgereiften Songs wie "Powder Blue", "Red" oder "Newborn". Leider wollen die Briten nun nicht nur nach neuen Klängen suchen, nein - diesmal soll es schon Kunst sein, denn drunter machen sie es nicht mehr. So werden dann vor allem Prätention und Anmaßung zum großen Problem dieser Platte: Das sinnlos lärmende "Snooks (Progress Report)" ist einfach furchtbar, "I've Got Your Number" dagegen immerhin noch langweilig. "Ribcage", mit Gospel-Einsatz, geht in Ordnung und "Fugitive Motel" ist fast wieder so empfindsam wie in alten Tagen. Alles in allem: Zu viel Bemühen, zu wenig Leichtigkeit - und hoffentlich nur ein Ausrutscher.




Elbow - offizielle Website


Helge Schneider - "22 sehr, sehr gute Lieder (aber auch Erzählungen) - The Best Of
(EMI)


Na bitte, das war aber auch mal fällig! 22 sehr, sehr gute Lieder plus eine zweite CD mit philosophischen Betrachtungen, grandiosem Quatsch und absurder Schwafelei vom weltbesten Komiker und Jazz-Virtuosen Helge Schneider. Nicht nur die denkwürdigen Lieder "Meisenmann", "Telefonmann" und "Ich drück die Maus" sind mit dabei (auch das "Mörchen Lied"), sondern eben auch zu jeder Tages-und Nachtzeit gern genommene Klassiker wie "24. Dezember, 16:00 Uhr bei van den Bergs", "Auf dem Arbeitsamt 1998" und die fantastischen "Verlorenen Worte". Einziger Kritikpunkt: Schneiders bester, doch mit zwölf Minuten wohl zu langer Track "Katzenoma" (im Franz-Josef Degenhardt-Stil) fehlt. Nichtsdestotrotz: Viel Spaß beim bekloppt werden.




Helge Schneider - offizielle Website


The Wannadies - "Before And After"
(Cooking Vinyl)


The Wannadies. Fast eine Überraschung, dass die noch da sind, wo uns doch aus Schweden in letzter Zeit vornehmlich hohler Streicher-Pop für knapp 18-jährige Mädchen zugeliefert wurde oder superschrille Glam-Reminiszenzen, die so fad waren wie die miesesten Stücke von Queen. Trotz dem auch schon recht feinen "Be A Girl", denken kluge Menschen beim Stichwort Wannadies nicht zuerst an "Romeo und Julia" und den zu diesem Zeitpunkt ja schon ziemlich alten "You And Me Song", sondern an das großartige Power-Pop-Album "Bagsy Me", auf dem nicht nur "Shorty" und "Friends" drauf waren, sondern auch sonst praktisch nur potentielle Hit-Singles. "Before And After" fällt dagegen weit ab: Okay, Wannadies-Texte waren schon früher naiv und zu vernachlässigen, doch auch den Kompositionen mangelt es neuerdings an der alten Originalität. Obwohl: Einen Song über Uri Geller hat es bislang wohl noch nicht gegeben.


The Wannadies - offizielle Website


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