Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Jede Woche stellt SPIEGEL ONLINE die wichtigsten CD-Neuveröffentlichungen vor. Heute: Die kleine, aber laute Reunion von Iggy Pop und den Stooges, Größenwahn von Rufus Wainwright, Verschrobenes von den Fiery Furnaces, Garagenrock von Ima Robot und jede Menge klangvolle Re-Issues von Bob Dylan.


Iggy Pop - "Skull Ring"
(Virgin/EMI)


Soso, es rockt also wieder - erst Bowie, jetzt Iggy: Es begab sich also zu der Zeit, als James Osterberg Lust hatte, wieder mal mit seinen alten Freunden, den Gebrüdern Ron und Scott Asheton zusammen zu jammen. Für die Nicht-Rockhistoriker unter uns: Zu dritt zettelten die drei Detroiter zwischen 1969 und 1970 als The Stooges eine kleine Revolution an. Für immerhin vier Songs des neuen Pop-Albums reichte die Reunion, so dass "Skull Ring" nun mit "Little Electric Chair" dort beginnt, wo die Stooges-Ära mit "Raw Power" endete - nur die Soundtechnik ist zeitgemäßer. Ähnlich wie bei Bowie wirkt diese neue Krachigkeit so, als wollten die alten Recken den neuen, jungen "The"-Bands mal zeigen, wo Bertel den Most holt, oder besser: geholt hat. Was an Frische fehlt - Iggy ist 56 - macht der Protopunk durch Kooperationen mit Frischlingen (Green Day, Sum 41) oder zynische Altersweisheit wett: "I'm a dead rock star" tönt er, und in dem gespenstischen Blues "Til Wrong Feels Right" würgt er seinen Epigonen rein: "I took a pounding/ From The Radio Today/ I heard the radio say/ Some piece of shit/ Was the sound of today". Doch bis auf diese paar Momente der Bitterkeit ist alles Ironie: Im Titelstück macht er sich über die Insignien der Rockstar-Coolness lustig, zusammen mit seiner neuen Seelenfreundin Peaches kehrt er ins sündhafte "Motor Inn" ein und umreißt, wie er sich eine wahre "Rock Show" vorstellt: schmutzig, rotzig und laut. So klingt "Skull Ring" dann auch über 16 angenehm kurze, ungestüme Songs. Ein Schelm, wer mehr als das erwartet hat. Andreas Borcholte


Iggy Pop - offizielle Website


Rufus Wainwright - "Want One"
(Dreamworks/Universal Music)


"I don't know why I'm a one man guy or why I'm a one man show/ But these three cubic feet of bone and blood and meat are all I love and know/ Cause I'm a one man guy in the morning, same in the afternoon". Neben dem herrlichen "Cigarettes And Chocolate Milk" waren es vor allem diese Zeilen aus "One Man Guy", einer Hymne auf den Solipsismus, die von Rufus Wainwrights letztem Album "Poses" in Erinnerung blieben. Doch der Sohn von Loudon Wainwright III wurde ebenso stiefmütterlich behandelt wie sein Vater - außer zutiefst berechtigten Kritiker-Elogen und ein paar Vergleichen mit Jeff Buckley oder Ron Sexsmith blieben nennenswerte Erfolge aus. Immerhin: Michael Stipe nannte "Foolish Love" vom Debüt "Rufus Wainwright" mal einen der schönsten Songs, die er überhaupt kenne. Jetzt folgt "Want One" mit grandiosem Cover: Rufus in Ritterrüstung. Kommerzieller Selbstmord, das mag sein, aber reizvoller kann man ihn kaum begehen. Von Wainwrights einzigartiger Stimme mal abgesehen: Die 14 kunstvoll erdachten neuen Stücke sind schillernd, berückend und manchmal fast größenwahnsinnig wie "Go Or Go Ahead". "This record is dedicated to me" schreibt Rufus im Booklet - Oh, what a world! Jan Wigger


Rufus Wainwright - offizielle Website


Bob Dylan - 11 Re-Releases auf SACD
(Columbia Legacy/Sony Music)


Costello hören sei wie das Atmen, wurde einmal zu Elvis' vorletzter Platte "When I Was Cruel" geschrieben. Doch wenn man durch Costello atmet, was leistet dann erst Dylan? Ohne Bob, so viel ist sicher, könnten wir leise zum Abschied grüßen und uns einbuddeln lassen, vielleicht mit "Bringing It All Back Home", wenn das möglich ist. "Hybrid Super Audio CD" heißt das Format, in dem Columbia Legacy nun 15 Dylan-Alben (u.a. "Blonde On Blonde", "Nashville Skyline", "Planet Waves") wiederveröffentlicht - auch kleinste Details der ursprünglichen Aufnahmen sollen durch SACD ("Super Audio CD") wieder zu entdecken sein (meint auch Keith Richards). Schwer zu sagen, ob das stimmt, aber Dylans einziges Achtziger-Meisterwerk "Oh Mercy" klingt im Vergleich zum ollen Vinyl schon kolossal. Wo ist bloß "Time Out Of Mind"? Nicht zu fassen, nicht dabei - ausgerechnet! Dafür die brillante "Planet Waves" und "Infidels", stets ein wenig unterschätzt, mit "I And I" und natürlich "Jokerman". Dem Meister selbst werden die Wiederveröffentlichungen und Soundtüfteleien eins sein: Wenn er nicht am Kartentisch sitzt, tritt er vermutlich gerade einen Fußball in die Luft. Jan Wigger


Bob Dylan - offizielle Website


The Fiery Furnaces - "Gallowsbird's Bark"
(Rough Trade/Sanctuary)


Hätte man sich ja gleich denken können, dass die Serie wunderbarer Bands und Einzelkönner auf dem legendären Rough-Trade-Label auch dann nicht abreißen wird, wenn die ersten Blätter von den Bäumen fallen. Hier läuten alle Alarmglocken, denn Vorsicht: The Fiery Furnaces sind ein Geschwisterpaar! Gerade nach New York gezogen! Und doch nicht etwa nach dem Dylan-Song "Jokerman" (siehe oben) benannt? "Friend to the martyr, a friend to the woman of shame/ You look into the fiery furnace, see the rich man without any name". Aber lassen wir das - diese Platte mit dem Zungenbrecher-Titel hier hat selbst genug zu bieten, ist ganz famos und lässt einen erst einmal verwirrt zurück, was gut ist, denn es steckt zu viel drin in "Gallowsbird's Bark" für den zweiten oder dritten Höreindruck. Die feinen Hippie-Balladen und die Siebziger-Nummern klingen wie bei Gorky's Zygotic Mynci, also wie aus einem Guss, Zappligeres wie "I'm Gonna Run" nervt ganz ausgezeichnet. Gute Drogen, womöglich.
Jan Wigger


The Fiery Furnaces - offizielle Website


Ima Robot - "Ima Robot"
(Virgin/EMI)


Ima Robot also. Werden auch immer ulkiger, diese Bandnamen. Das Aussehen der fünf Amerikaner lässt auf Garagenrock schließen, wenngleich den Haaren einiger Bandmitglieder noch die vereinbarte Länge fehlt. Auch nennt sich der Gitarrist Timmy the Terror (sic!) und das erste Konzert des Sängers war Milli Vanilli. Macht alles nichts, denn das Debüt von Ima Robot ist ganz und gar nicht übel: Musikalisch hat man in etwa dieselben Vorbilder wie Hot Hot Heat (Talking Heads, Gang Of Four, Public Image Limited und der ganze Rest), an deren grandioses Songwriting reicht "Ima Robot" allerdings noch nicht ganz heran. "Dynomite" ist trotzdem irre und das theatralische "Scream" ein recht cooler Gruß an The Ark und selbstredend David Bowie, denn dem Glam-Rock wird hier auch gedacht - mit dem einen oder anderen Augenzwinkern. Jan Wigger


Ima Robot - offizielle Website

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