Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Neues von Prince, Josh Ritter, den Zutons, Girls on Hawaii und der Beta Band.


Prince - "Musicology"
(NPG Records/Sony Music)


Wenn der Kuchen spricht, haben die Krümel Pause: Willkommen zu einer konzentrierten Lektion in Musikalität, verabreicht durch Prince, der sich mit seinem phantastischen Konzeptalbum "The Rainbow Children" und dem Jazz-Experiment "N.E.W.S" von den Irrungen und Schwurbelungen seiner letzten Jahre im Musikbusiness kuriert zu haben scheint. Mehr als das: In Hochform gibt sich das kleine Genie auf seinem neuen Album, das ausnahmsweise von Sony vertrieben werden darf - ein großes Zugeständnis des Plattenfirmen-Hassers. Doch wer nun erwartet, es würde nach Jahren der Hitlosigkeit mal wieder zaghaft nach Kommerz geschielt, der irrt. Mit "Musicology" führt Prince in gewohnter Konsequenz seine musikalische Überlegenheit vor. Funk, Rock, Pop, Jazz und Gospel verschmelzen zu einem transparenten, perfekt produzierten, aber trotzdem erdigen Groove. Schelmisch würzt der Multiinstrumentalist neue Kompositionen mit winzigen Zitaten aus seiner eigenen Vergangenheit. Manches klingt nach "Around The World in A Day", manches erinnert an das "Black Album". Das ist kein Schwelgen in besseren Zeiten, eher schon lässig für die Fans hingeworfene Hommagen. Sogar politisch gibt sich Prince: Harsche Kritik am "god of confusion" George W. Bush äußert er in dem Gil-Scott-Heron-artigen Funkblues "Dear Mr. Man" und in der eigentlich luftigen Rocknummer "Cinnamon Girl" (die nichts mit Neil Young zu tun hat). Perfide streut er seine Bedenken auch in die schönste Ballade des Albums, "Call My Name". Nur eine einzige Geschmacklosigkeit gibt es in dieser reichhaltigen Musikmahlzeit: "A Million Days" klingt ein bisschen zu sehr nach den richtungslosen Selbstbeweihräucherungen von "Crystal Ball". Ansonsten: Niederknien und anbeten, den kleinen Prinzen, der eigentlich ein König ist. (9) Andreas Borcholte


NPG Music Club - Homepage

The Zutons - "Who Killed The Zutons?"
(Deltasonic/Sony Music)


Sie haben es auch schon gemerkt? Seit Norah Jones und Joss Stone viele der so genannten "Querbeet"- bzw. "Ich bin für alles offen"-Hörer und Hörerinnen mit total gefühlvollem Folk-Pop, Blues und Soul verzücken, kommen plötzlich immer mehr total gefühlvolle und urplötzlich im Fahrradkeller entdeckte Wunderkinder mit ähnlicher Musik um die Ecke. Im Kleinen und in einem ganz anderen, weitaus angenehmeren Genre geschieht dasselbe jetzt auch mit der Band The Zutons, die nun wirklich wie die grandiosen The Coral klingen und ebenfalls aus Liverpool kommen. Aber klangen The Coral nicht schon nach Love und Syd Barrett? Ach, es ist das alte Lied und vielleicht war es nur auf The Corals "Magic And Medicine" schöner, als in den zwei komplettesten, melodieseligsten Zutons-Stücken "Confusion" und "Remember Me". Eine Randnotiz noch, die man sich schon hätte denken können: Alle Musiker, die auf "Who Killed The Zutons?" spielen, sind selbstredend Anfang 20. (7) Jan Wigger


The Zutons - offizielle Website


Girls In Hawaii - "From Here To There"
(Hobby De Luxe/Indigo)


Wohl noch nie von dem Label "Hobby De Luxe" gehört, was? Wir auch nicht. Ebensowenig wie Bayern-Torhüter Olli Kahn, der schon die harmlosen Brit-Pop-Sampler seines Kollegen Mehmet Scholl für Teufelszeug hält, aber kürzlich in der Wartezimmer-Zeitschrift "Bunte" von Freundin Verena K. intellektuell geadelt wurde: Der Oliver lese privat sehr komplizierte Bücher, in denen er wichtige Sätze unterstreiche und, jawohl, sogar ganze Passagen herausschreibe! Der grundsympathische, ausgewogene Gitarren-Pop der Girls in Hawaii (alles Jungs!) aus Belgien bietet dem einstmaligen Tor-Titan nun feinste Lektüre: "You want to go where you never went before/ You want me to bring you to something new/ My smile is all I have to offer you/ Maybe I'm just dumb" ("Short Song For A Short Mind"). Rausschreiben, setzen. Für Fans von Pavement und Grandaddy. (Veröffentlichung wurde kurzfristig auf den 24.5 verlegt!) (7) Jan Wigger


Girls in Hawaii - offizielle Website


Josh Ritter - "Hello Starling"
(Setanta Records/Rough Trade)


Gerade noch vor ein paar Monaten wurde uns mit "Golden Age Of Radio" das zweite, schon etwas ältere Album des amerikanischen Songwriter-Talents Josh Ritter nachgereicht, nun folgt mit "Hello Starling" bereits das nächste. Irgendwo im Niemandsland zwischen (natürlich) Bob Dylan und (natürlich auch) Nick Drake schreibt dieser freundliche junge Mann seine mal originellen, mal etwas arg epigonalen, bittersüßen Lieder, die schon in geringem Alter von Einsicht und Beschlagenheit zeugen. "They try and they try but everything that they do/ Is the ghost of a trace of a pale imitation of you/ I'll be the one to drive you back home, Kathleen" ("Kathleen"), bangt Ritter noch erwartungsfroh, wo doch schon Martin Walser sagte: "Man geht auf ein Loch zu, weiß, dass man hineinfallen wird, und fällt hinein". Mit diesem Wissen singt es sich doch gleich viel leichter. (6) Jan Wigger


Josh Ritter - offizielle Website


The Beta Band - "Heroes To Zeros"
(Regal/Labels/Virgin/EMI)


Ach ja, die Beta Band. Sind irgendwie auch noch da. Anfangs ist man versucht, eher abzuwinken, was aber auch am nicht gerade hochästhetisch realisierten Cover von "Heroes To Zeros" liegen könnte. Die beinahe sagenumwobenen "3 EP's" aus dem Jahre 1998 und der darauf enthaltene Semi-Hit "Dry The Rain" sind es, wovon die Beta Band in der Erinnerung nicht Weniger zehren, doch wahre Kenner des Schlaumeier-Pops werden zu Recht sagen, dass das nur die halbe Wahrheit oder sogar noch weniger ist. Wem die deutlichere Hinzunahme elektronischer Elemente auf "Hot Shots II" (2001) missfallen hat, sollte sich nun wundervoll mit "Wonderful" anfreunden, einem, nun ja, Liebeslied, wie es auch Athlete oder I Am Kloot hätte einfallen können. Das Argument des "fehlende Zugangs", in Sachen Beta Band ja oft ins Feld geführt, es zählt nicht mehr. (7) Jan Wigger


The Beta Band - offizielle Website


Bewertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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