Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Neues von den Beastie Boys, Kings of Convenience, Jens Friebe, Jesse Malin und Re-Issues von Brian Eno.


Beastie Boys - "To The 5 Boroughs"
(Capitol/EMI)


Manchmal könnte man glatt vergessen, dass es schon vor Eminem weißhäutige Rapper gab, die den HipHop revolutioniert haben. Die Beastie Boys kehren nach sechs langen Jahren Schaffenspause zurück, um genau diesen Punkt zu machen. Eine neue Fangemeinde werden die drei New Yorker mit "To The 5 Boroughs" jedoch nicht erobern: Dem überbordenden Ideenreichtum des elegant produzierten Vorgängers "Hello Nasty" setzen sie ein schroffes und ungestüm rumpelndes Old-School-Album entgegen, das jüngeren Rap-Fans lediglich ein Schulterzucken entlocken wird. Fans jedoch, die mit den Beastie Boys aufgewachsen sind, wird ihr sechstes Album in 18 Jahren wie eine Offenbarung und ein wohltuender Schritt zurück vorkommen. Knappe 43 Minuten reimen sich Ad Rock, MCA und Mike D, inzwischen in ihren Vierzigern, durch eine Hommage nicht nur an die fünf Bezirke ihrer Heimatstadt, sondern an den HipHop der frühen Achtziger, der hauptsächlich aus schlauen Sprüchen, wenigen pointierten Samples und einfachen Beats bestand. Nicht umsonst benutzen die Beasties einige Zitate ihrer ehemaligen Label-Kollegen Run DMC, LL Cool J und Public Enemy ("Take the power back" im Song "We Got The"). In "Triple Trouble" durchziehen gleich zwei Old-School-Klassiker das ganze Stück: Sugarhill Gangs "Rapper's Delight" als Sample, Kurtis Blows "The Breaks" in der Phrasierung des Refrains. Dem brillanten Kernstück des Albums, "An Open Letter To NYC" dient ein alter Punksong der Dead Boys als Unterlage. Und um das sympathisch Rückwärtsgewandte der Platte noch deutlicher zu machen, prangt auf dem Cover, einer Zeichnung vom Matteo Pericoli, das stolze World Trade Center. Textlich variieren die Beastie Boys mittlerweile zwischen purem, mit lustigen Neworkismen gewürztem Angebertum, buddhistischer Abgeklärtheit und strikter Anti-Bush-Propaganda: "We've got a president we didn't elect", heißt es im regierungskritischen "It Takes Time To Build", doch zum "Fight for your right" rufen die drei Altersweisen nicht mehr auf. An Ghandi und Martin Luther King soll man sich stattdessen halten: "Got to change the system/ Need knowledge, power and wisdom", rappen sie zum Schluss. Wer braucht Epigonen, wenn es das Original noch gibt... (9) Andreas Borcholte

Beastie Boys - offizielle Website


Kings Of Convenience - "Riot On An Empty Street"
(Source/Virgin/EMI)


Nichts Böses will man den beiden grundsympathischen Norwegern, dem Weltkarten-Zeichner Erlend Øye und dem Therapeuten Eirik Glambek Boe, der selten spricht und zu Interviews am liebsten gar nicht erst anreist. Das kaum noch vernehmbare Duo hat, wir erinnern uns, mit dem tollen Debüt "Quiet Is The New Loud" eben diese recht groteske "Bewegung" ja geradezu erfunden. Das ist nun rund drei Jahre her, in denen Øye zum DJ-Superstar aufstieg, Boe wie immer zum Lernen daheim blieb und der Garagenrock die total süßen Jungs auf den Barhockern frontal überrollte. "Riot On An Empty Street" wagt bedauerlicherweise gar nichts, klingt es doch ganz genauso wie "Quiet Is The New Loud". Øyes Rückkehr ins Heimelige ist dabei nicht das Problem, vielmehr die in ihrer Harmlosigkeit kaum noch zu überbietenden Gesänge über die "Cayman Islands", über das Tanzen und davon, wie man sich von Ärger fernhält. Das Unverfängliche und Treuherzige von unheimlich öden Stücken wie "Know How" kann jedoch in letzter Konsequenz aggressiver machen als ein Rudolf-Schenker-Interview zur neuen Scorpions-Platte. Im Video zu "Misread" sitzen Øye und Boe im Park. Øye zeichnet Weltkarten, Boe zupft die Gitarre, die Sonne scheint. Schön. (5) Jan Wigger


Kings of Convenience - offizielle Website
Erlend Oye - offizielle Website


Jens Friebe - "Vorher Nachher Bilder"
(What's So Funny About/Indigo)


Wenn Heinz Rudolf Kunze sein "Wo warn wir stehengeblieben" vorträgt, klingt das sehr unangenehm, nämlich so: "Was hat uns aufgerieben/ Welcher Stich im Herzen gab fast den Rest/ Lenk nicht ab, komm auf den Punkt/ Jetzt wird S.O.S gefunkt/ Keiner schreibt den Preis der Freiheit fest". Wenn Jens Friebe, den "Liedermacher" zu nennen man sich scheuen sollte, "Stehen geblieben" singt, dann ist das wundervoll, so wundervoll wie fast sein ganzes erstes Album: "Aber wo waren wir stehen geblieben/ Wo waren wir stehen geblieben/ Ging es vielleicht darum, dass wir uns nicht mehr lieben?". Weil Musikschreiber selten glamourös sind und man Jens Friebe in erster Linie als solchen kennt, ist es erst recht frappant, wie schillernd, wie rotwangig Friebe seine zwölf Stücke auf "Vorher Nachher Bilder" bestreitet. Für jene, die es eilig haben: Die Bekanntschaft mit "Wenn man euch die Geräte zeigt", einer großen Pop-Ballade zwischen Morrisseys "Everyday Is Like Sunday" und "Be My Baby" von den Ronettes, reicht aus, der Rest kommt dann wie von allein. Neben "Old Nobody" stellen. (8) Jan Wigger


Jens Friebe - offizielle Website


Jesse Malin - "The Heat"
(One Little Indian)


Mit "The Fine Art Of Self Destruction" hatte die erste Sammlung von Jesse-Malin-Songs ja immerhin schon mal einen sinnfälligen Titel. "Queen Of The Underworld" und auch manch anderes gelang ihm auch, doch insgesamt schien sein Songwriting noch zu beliebig und konturlos. Leider gründete Malin in kürzester Zeit mit Freund Ryan Adams, der ihn bei eigenen Konzerten gern und oft vorsingen ließ, die schwachsinnige Black-Flag-Gedenkband The Finger und präsentierte mit "We Are Fuck You" durchaus früh in seiner Karriere eine veritable Mülltonnen-Platte. Wenn Malin sich allein vorstellte, erschienen (für deutsche Verhältnisse traditionell) rund 50 Leute. Jetzt aber "The Heat", mit den fabelhaften "Mona Lisa" und "Basement Home", mehr Linie und, ja, immer noch ein wenig Murks zwischendurch. Naturgemäß ist Malin dann am besten, wenn er die Zartheit und das Sentiment von Patrick Park oder eben Ryan Adams streift. Das Pete Yorn-Gerocke dagegen ist leidlich spannend und eigentlich verzichtbar. Aber "Buddy Holly told me you can't save Rock'n Roll/ It's only for the lonely boys and girls" ("Swinging Man") - guter Punkt! (6) Jan Wigger


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Brian Eno - "Here Come The Warm Jets"/"Another Green World"/"Taking Tiger Mountain (By Strategy)"/"Before And After Science" (Re-Issues)
(EMI)


All die obskuren Projekte, Kollaborationen, Performance-Gruppen und Avantgarde-Kollektive aufzuzählen, an denen Brian Eno sich beteiligt hat, dürfte selbst größere Rahmen sprengen. Und auch wenn sich hier zarter Protest regen sollte: Enos Mittäterschaft auf den beiden ersten, brillanten Roxy-Music-Platten "Roxy Music" und "For Your Pleasure" sowie seine später erfolgten Anstrengungen als Produzent der Talking Heads (1978 - 1980) bleiben die wichtigsten Stationen. Enos illuminierendes und verrücktes Debütalbum "Here Come The Warm Jets" (1973) wird nun gemeinsam mit der leiernden, taumelnden und ganz famosen "Taking Tiger Mountain (By Strategy)" (1974), dem größtenteils instrumentalen "Another Green World" (1975) und "Before And After Science" (1977) wieder veröffentlicht. "Discreet Music" (1975), das bereits die später folgenden Ambient-Arbeiten vorwegnehmen sollte, fehlt leider, da Eno sie damals auf seinem eigenen Label Obscure Music zugänglich machte. Die aufregendsten Momente aus fünf Jahren? Robert Wyatts herzzerreißender Background-Gesang auf "Put A Straw Under Baby", das herrliche "I'll Come Running" und nach wie vor "Needles In The Camel's Eye, der Einstieg auf "Here Come The Warm Jets". Alle CDs higebungsvoll verpackt, keine Bonustracks. (ohne Wertung) Jan Wigger



Bewertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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