Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Neues von Sparta, The (International) Noise Conspiracy und dem Cowboy Kollektiv sowie ein Boxset von Low und der Soundtrack des Blockbusters "Spider-Man 2".


The (International) Noise Conspiracy - "Armed Love"
(Burning Heart/SPV)


Die kommunistische Botschaft und die Spitzen gegen den kapitalistischen Grundgedanken hat die (International) Noise Conspiracy aus Schweden immer rührend und glaubhaft zu vermitteln gewusst. Zwar helfen in Interviews getätigte Verallgemeinerungen wie "Amerika ist ein fürchterliches Land" niemandem so recht weiter, doch das Wissen um die Notwendigkeit und Richtigkeit des Anliegens der Noise Conspiracy lässt so etwas verschmerzen. Auf "Armed Love" soll nicht nur die Welt gerettet, sondern auch die Frau gehalten werden: "There is talk about dancing on the barricades/ But someone special is on my mind/ Sure enough seems simple but what can I say/ There's a million things worth fighting for/ Like making you stay". Als Gast orgelt Billy Preston, und ja: Der Zausel Rick Rubin hat die Platte wirklich produziert. Die relative Gleichförmigkeit der Kampflieder bleibt ein Problem, doch komponiert hat man seit "Survival Sickness" nicht besser. (7) Jan Wigger


The (International) Noise Conspiracy - Homepage bei Burning Heart


Sparta - "Porcelain"
(Geffen/Universal Music)


Das Dilemma von Jim Ward im Speziellen und seiner Band Sparta im Allgemeinen bleibt auch mit der zweiten LP "Porcelain" bestehen: Angesichts des Irrwitzes und des Größenwahns von The Mars Volta wirken Sparta als zweite At-The-Drive-In-Nachfolger irgendwie klein und gewöhnlich. Womöglich beabsichtigt greift Ward in "Hiss The Villain" mit "This is forever" die zentrale Textzeile aus dem ATDI-Stück "Napoleon Solo" auf, doch dieser wie andere Songs klingen längst mehr nach Sparta, als man noch nach dem Debüt-Album "Wiretap Scars" vermuten durfte. "While this city burns/ These wounds will heal/ You'll find your way though lines in sand/ Become a proving ground", lärmt Ward in "Lines In The Sand", auf- und abschwingende sechs Minuten, die bislang ungewöhnlichsten im noch schmalen Sparta-Katalog. Der Rest ist wenig ausgefallener Post-Hardcore, den die Band außergewöhnlich gut beherrscht. Bloß: Neue Erkenntnisse bringt das nicht. (6) Jan Wigger


Abgehört: Sparta - "Wiretap Scars"
Sparta - offizielle Website


Cowboy Kollektiv - "Cowboy Kollektiv"
(Trikont/Indigo)


Hört man diese Platte, glaubt man zunächst nicht, dass sie in Berlin Friedrichshain entstanden ist. Cowboy Kollektiv, das klingt nach Ländlichem, nach beschaulicher Provinz fernab der pulsierenden Großstadt. Doch Steffen Krueger und Oliver Gimbel haben es geschafft, ihrem in zahlreichen Hauptstadtkneipen erprobtes Country-Derivat eine urbane Anmutung zu verleihen. Allein mit zwei Gitarren und jeder Menge musikalischer Hausaufgaben bewaffnet singen die Berliner von der Einsamkeit des Individuums in Zeiten der neoliberalen Marktherrschaft. Der Cowboy ist hier nicht mehr der Outlaw, der sein Heil in der Weite der Prärie sucht, sondern ein veritabler Großstadtindianer. Ein Alien und Träumer in einer rasenden, kalten Welt. In "Geht ein Ruck" zitieren sie melancholisch den früheren Bundespräsidenten und brechen die große Geste auf die karge Realität herunter: "Ich hab' noch Kraft und Elan, ich lerne Taxis zu fahr'n". Das ist der Ruck, den man sich angesichts von Hartz IV und Kopfpauschale geben muss. Ausgestattet mit solcherlei Sinn für die Melancholie der Überlebenskünstler der Berliner Republik beackern Krueger und Gimbel gekonnt den einst von Fink bestellten Boden. Am Ende wird sogar gejodelt, allerdings in Zeitlupe, sozusagen als Gegenbewegung zum Turbokapitalismus. (8) Andreas Borcholte


Diverse - "Music From And Inspired By Spider-Man 2"
(Columbia/Sony Music)


Wer das ganze Elend der amerikanischen Rock-Szene besichtigen will, braucht sich nur einen der zahlreichen Blockbuster-Soundtracks zuzulegen. Gerade Comic-Verfilmungen werden von den Plattenfirmen gerne und oft dazu genutzt, ihre kleineren Bands einmal einem richtigen Massenpublikum schmackhaft zu machen. Zum ersten "Spider-Man"-Film gab's einen Rundumschlag in Sachen Alternative Rock, zum zweiten Teil werden die industriellen Neuerwerbungen aus der wuchernden Emo-Core-Szene serviert. Bekannte Schmerzens-Combos wie Dashboard Confessional, Hoobastank und Maroon 5 (die natürlich nichts mit Emo am Hut haben) gesellen sich zu hierzulande (noch) unbekannten Gruppen wie Yellowcard, Switchfoot und Smile Empty Soul. Schön und gut, dass Soundtracks zu Rock-Samplern umfunktioniert werden, schade nur, dass dabei kein Wert darauf gelegt wird, gute Songs auszuwählen. Aber vielleicht gibt es die ja gar nicht mehr: Radio-kompatibel, weichgespült und brav pflügen sich die Bands durch ihren ewig gleichen Soundbrei - dieselben Melodie-Bögen, dieselben Arrangements, die verblassende Kopie einer Kopie einer Kopie. Charakterliche Unterschiede sind hier längst nicht mehr auszumachen, Symptom der immer gleichen Plattenfirmen-Politik der Trendvereinnahmung. In diesem Fall: Schnapp' Dir alles, was eine Gitarre halten kann, halblaut herumjammert und nach Jimmy Eat World klingt - nur sanfter. Einziges Highlight auf diesem schalen Showcase: Die Australier Jet mit einem hervorragenden neuen Song. (4) Andreas Borcholte


Abgehört: Soundtrack "Spider-Man"

Low - "A Lifetime Of Temporary Relief"
(Sanctuary/Rough Trade)


In der letzten Woche wagte es der Rezensent im Selbstversuch, bereits zum Frühstück drei komplette Low-Alben hintereinander weg zu hören. Man führt danach für Stunden sämtliche Bewegungen nurmehr in Zeitlupe aus, doch weitere negative Auswirkungen schlugen nicht zu Buche. Und dennoch: Die Zeitpunkte, zu denen man die spärliche, zeremonielle Andachtsmusik dieser amerikanischen Langsamkeitskünstler, die noch etwas schleichender agieren als etwa Souled American oder Codeine, genießen kann, bleiben so begrenzt wie wertvoll. "10 Years Of B-Sides & Rarities" ist dieses hübsche Box-Set untertitelt und enthält drei sehr lange CDs, randvoll mit Schwermut, sowie eine DVD mit Live-Auftritten, einer Dokumentation und den Videos der Band. Neben all den B-Seiten, den Demo-Fassungen und den raren Stücken sind auch die oftmals obskur anmutenden Cover-Versionen interessant, die Mimi Parker, Alan Sparhawk und Zak Sally ausgewählt haben: "Blue-Eyed Devil" von Soul Coughing, "Last Night I Dreamt That Somebody Loved Me" von den Smiths oder das "Surfer Girl" der Beach Boys werden durch die Neubearbeitung natürlich gemächlicher, aber auch gespenstischer. (ohne Wertung) Jan Wigger


Low - offizielle Website



Bewertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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