Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Neues von Destroyer, Samba, 2Raumwohnung, Dogs Die in Hot Cars und Kathryn Williams.


Destroyer - "Your Blues"
(Talitres Records/Rough Trade)


Wie jede Platte, die sich am äußersten noch wahrnehmbaren Rand der Popkultur befindet und ständig droht, hinunter zu fallen; wie jede Platte, deren Kern unergründlich bleibt und die das Sublime feiert, hat auch "Your Blues" von Destroyer seine absurden Momente: Einen zum Beispiel, wenn Daniel Bejar (der eigentlich das einzige richtige Destroyer-Mitglied ist und ansonsten bei den New Pornographers mitspielt) in "New Ways Of Living" zuerst "Always On My Mind" ansingt und ein anderes Mal zu Synthesizern und Fanfaren greint, mit dieser unvergleichlich beleidigten Stimme: "And someone's got to fall/ before someone goes free!" ("Notorious Lightning"). Schon "Streethawk: A Seduction" und "This Night" waren überwältigende und absonderliche Alben, doch mit "Your Blues" kehrt Bejar sämtlichen schon erkundeten Wegen, sämtlichen Möglichkeiten, die für ihn noch in Betracht kämen, den Rücken zu. Folk ist das nicht mehr und ganz sicher auch keine Pop-Musik, aber Schwarm und Schwerkraft, Wahn und Widerhall. "You lost your serve/ You lost your swing/ You thought you'd heard of everything... hell, no!" ("From Oakland To Warsaw"). Wer sich ein bisschen bemüht, kann selbst diese Lieder ganz schnell mitsingen. (8) Jan Wigger


Destroyer - Homepage bei Talitres Records


Samba - "Aus den Kolonien"
(Tapete Records/Indigo)


Nur sehr ungern machen wir dem Hamburger Label Tapete Records einen Vorwurf, aber fest steht, dass dort viel zu viele Platten herausgebracht werden. Neben allerlei Gewöhnlichem veröffentlichen dort zum Glück auch die Paul Dimmer Band, die außergewöhnliche Gruppe Erdmöbel und nun auch Samba mit ihrer fünften LP "Aus den Kolonien". Für so manchen Fanzine-Schreiber und für zahllose Indie-Spießer machte sich die Band aus Münster vor einigen Jahren ausgerechnet mit ihren schönsten Alben "Zuckerkick" und "T.B.A" unmöglich, weil sie gleich zu Karrierebeginn unverschämterweise einen Vertrag bei der Sony besaßen. Doch Sänger Knut Stenert war schon damals ein berüchtigter Wortakrobat, und so gut wie zu Zeiten von "Bundeswehrschlafsack" oder "Sommerhit" wurden Samba dann auch nie wieder. Der immer etwas bedrückt wirkende Gitarrenpop auf "Aus den Kolonien" macht da zwar keine große Ausnahme, aber der späte Triumph sei ihnen hiermit ausdrücklich gewünscht. Und wenn es nur dafür ist, dass der Schlagzeuger Hirzel Hirzelnsen heißt. (6) Jan Wigger


Samba - offizielle Website


2Raumwohnung - "Es wird Morgen"
(BMG)


Das Achtziger-Jahre-Revival ist noch lange nicht vorbei, bedenkt man den Hype, der - mal wieder - um das neue Album von 2Raumwohnung gemacht wird. Wer's absolut noch nicht mitgekriegt hat: Das Berliner Duo besteht aus den NDW-Veteranen Inga Humpe (Neonbabies, DÖF) und Tommi Eckart (Andreas Dorau). Als 2Raumwohnung verrühren sie seit vier Jahren Krautrock, Neue Deutsche Welle und Elektro-Klänge zu gefälligem Pop. Dagegen ist erst mal nichts zu sagen, zumal "Es wird Morgen" gegenüber dem Erstling ("Kommt zusammen", 2001) mit musikalischer Reife beeindruckt. In transparent dahinpuckernden Dreieinhalbminütern treffen sich Kraftwerk, Rheingold, Easy Listening und Dancefloor-Beats in sommerlich entspannter Atmosphäre zum Stelldichein. Dazu haucht Humpe ihre lasziven Textbausteine, die schon auf dem ersten Album zusammenhanglos waren, hier aber noch erratischer werden. Irgendwie fahren wir alle auf derselben Autobahn, heißt es in "Jemand fährt". Wie schön. Aber leider ist immer einer vor uns und man kommt überhaupt nicht voran. Aha. Das ist aber auch total egal, denn "Glück verbreitet sich in Wellen, an ganz wunderbaren Stellen" und "links und rechts sind nur Begriffe ("Wolken ziehen vorbei"). Bloß nicht aufregen, cool bleiben, läuft schon, sagt uns also diese Musik, die offenbar als Soundtrack für den entspannten Latte Macchiato nach dem Bummel durch die neue "Habitat"-Filiale dienen soll: belanglos dahinplätschernd, einlullend wie ein Chloroform-getränkter Wattebausch. So liefern 2Raumwohnung den letzten verbliebenen Hardcore-Hedonisten der Generation Golf das schmerzfreie Hintergrundrauschen für die tägliche Nabelschau, während die Republik sich in der Hartz-Krise zerfleischt und existenzielle Fragen stellt. So wenig Verantwortung war selten. Aber das passt ja zum Achtziger-Jahre-Revival.
(5) Andreas Borcholte

Neue BMG-Preispolitik: Die CD erscheint in drei Versionen: "Basic" ohne Booklet für 9,99 Euro, "Standard" (normales Booklet) für 12,99 Euro und "Premium" (Dickes Booklet und Bonus-Material) für 16,99 Euro


2Raumwohnung - offizielle Website


Dogs Die In Hot Cars - "Please Describe Yourself"
(V2 Records/Rough Trade)


Erst neulich saß ein guter Freund bei mir daheim auf dem Fußboden und verzog zur ersten Hälfte von "Please Describe Yourself" keine Miene. Die Begründung: Er habe bereits alle Platten von Squeeze, XTC, Madness und den Dexys Midnight Runners zu Hause. Aber ja doch, trotz eines so unvorteilhaften Bandnamens wie Dogs Die In Hot Cars habe ihm das selbstverständlich ganz gut gefallen. Man könnte es auch gleich dabei belassen, beim nervösen Disco-Funk, beim blitzgescheiten Power-Pop und den unüberhörbaren Ehrfurchtsbezeugungen an die späten Talking Heads ("Godhopping"). Man könnte aber auch hinzufügen, dass Dogs Die In Hot Cars aus Schottland stammen, und es nicht ganz und gar abwegig wäre, dass noch etwas übrig ist vom großen Zuspruch, der Franz Ferdinand noch bis in die abgelegenste Seitenstraße verfolgte. "Please Describe Yourself" jedenfalls ist zuweilen etwas geschmäcklerischer, aber immer scharfblickender Pop, den nur die Böswilligen kalkuliert nennen werden. (7) Jan Wigger (Veröffentlichung wurde kurzfristig auf den 20.9.2004 verschoben!)


Dogs Die In Hot Cars - offizielle Website


Kathryn Williams - "Relations"
(Caw Records/Warner Music)


Eine Handvoll Alben hat die britische Songschreiberin Kathryn Williams nun schon veröffentlicht, allen voran das erstaunliche "Little Black Numbers" (2000), das dereinst zwar für den "Mercury Music Prize" nominiert war, aber wohl zu leise und zu unspektakulär erschien, um zu reüssieren. "Relations" ist, auffällig früh für so eine junge Karriere, eine Platte, die ausschließlich Cover-Versionen versammelt, deren Wahl mal glücklich, mal sehr unglücklich erscheint: Jackson Brownes "These Days" sollte bitte niemand außer Nico singen dürfen, Pavements "Spit On A Stranger" überrascht und enttäuscht, und zu "All Apologies" von Nirvana würde man liebend gerne einmal Kurt Cobains Gesicht sehen - vermutlich hätte er Williams' gezähmte und arglose Version gehasst. Manch anderes gelingt, selbst Tim Hardins "How Can We Hang On To A Dream" ist ordentlich, doch das schon bekannte Dilemma der Kathryn Williams bleibt: Auf Dauer ist ihre Stimme einfach zu eintönig. (5) Jan Wigger


Kathryn Williams - offizielle Website



Bewertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

Mehr zum Thema
Newsletter
Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.