Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Neues von Elton John, Q And Not U, La Grande Illusion und Das Pop sowie weihnachtliche Lebenshilfe von den Pearlfishers und den Machern der "Get Easy"-Sampler.


Elton John - "Peach Tree Road"
(Universal Music)

Da zürnten die Benutzer der einschlägigen Internet-Foren für den musikalischen Diskurs: Die deutsche Ausgabe des "Rolling Stone"-Magazins hatte die "500 besten Platten aller Zeiten" gewählt. Für die Hipster und Bescheidwisser, die sich den gemeinen "Rolling Stone"-Redakteur oft als saturierten alten Sack und den Schreiber dieser Zeilen gern als frühvergreisten Vierzigjährigen vorstellen, war das Ergebnis niederschmetternd: 112 Dylan-Platten und 78 Beatles-Alben waren in der Liste dabei, doch wieder kaum Elektronik, nicht einmal Aphex Twin. Diese Menschen dürfen, bevor sie zu Tode gelangweilt zur Q-and-Not-U-Besprechung runterscrollen, nun gleich wieder die Hände über dem Kopf zusammenschlagen: Elton John hat eine neue Platte gemacht - und sie ist gut. Zeigte "Songs From The Westcoast" vor zwei Jahren schon den komplettesten Elton John seit langer Zeit, ist auch an "Peach Tree Road" kein Gramm zu viel und kein Streicherarrangement zu penetrant. Das gütliche "The Weight Of The World" oder das milde "All That I'm Allowed" - so selbstsicher hätte man sich Elton bei seinen berüchtigten Ausfällen in den neunziger Jahren gewünscht. Er wird sicher kein zweites "Goodbye Yellow Brick Road" mehr aufnehmen, doch scheint er inzwischen so weit bei sich selbst angekommen, als hätten wir wieder 1972. Have mercy on the criminal! (7) Jan Wigger

Elton John - offizielle Website

Q and Not U - "Power"
(Dischord/Southern Germany)

Angeführt von "Good News For People Who Love Bad News" von Modest Mouse und dem in Europa erst 2004 erschienenen "Chutes Too Narrow" von The Shins hat dieses Jahr schon eine beträchtliche Menge ganz hervorragender und mehr oder weniger klassischer Indie-Rock-Alben eingebracht. Recht spät, aber umso entschiedener folgt nun die dritte, grandiose LP von Q and Not U auf dem Washingtoner Dischord-Label. In virtuos zerhackten Stücken wie "Book Of Flags" ist der Einfluss von New Wave und altgedienten Dischord-Bands wie Fugazi und insbesondere Circus Lupus deutlich erkennbar, das hypernervöse "Wonderful People" führt A Certain Ratio und Prince zusammen; "7 Daughters" ist nicht weit weg von Radio 4, die mit "Stealing Of A Nation" leider eine der Enttäuschungen des Jahres ablieferten. "This is the moment where I was born slowly, harshly, violently, joyful aware" singen sie in "Beautiful Beats". Die perfekte Selbstbeschreibung. (8) Jan Wigger

Q And Not U - offizielle Website

La Grande Illusion - "La Grande Illusion"
(Popup Records/Edel Contraire)

Luke Haines ist bekanntlich der Mann, der hinter der Band The Auteurs steckt. Einmal hielt er ein Schild hoch, auf dem stand: "Art will save the world". Hat leider nicht ganz geklappt, das war ja abzusehen, aber ein Mann namens Heiko Badje, der sein Projekt nach dem Jean-Renoir-Filmklassiker "Die große Illusion" benannt hat, kommt dem Kunstverständnis von Haines schon sehr nahe, auch wenn ihm das Vitriolische, das Haines zu eigen ist, vollkommen abgeht. Im Gegenteil: "La Grande Illusion" ist eine Platte mit kristallinen, ungestreckten Pop-Songs im Stile der Magnetic Fields oder Prefab Sprout. Badje hat alles selbst komponiert und arrangiert, die Streicher, das Klavier, die schmeichelnde Akustikgitarre. Und zum Schluss covert er "Avalon" von Roxy Music so reduziert, nackt und respektvoll wie möglich. Songwriter-Pop, erstaunlich präzis und ohne Reue. (7) Jan Wigger

La Grande Illusion - offizielle Website

The Pearlfishers - "A Sunflower At Christmas"
(Marina Records/Indigo)
Diverse - "Snow Vol. 2 - The Get Easy Christmas Collection" (Star Bugs/Universal Music)

Gestern war ein schwarzer Tag: Die erste Lichterkette in einem von Rotklinker eingerahmten Fenster gesehen. Im Supermarkt stapeln sich die Lebkuchenherzen und Milka-Männer ja schon seit Wochen vor den Kassen. Weihnachten naht. Und mit dem Fest der Liebe wird auch die ewig gleiche Feiertagsbeschallung über uns hereinbrechen. Sie haben auch genug von Wham! und "White Christmas"? Zwei neue Platten bringen getrübte Christbaumkugeln garantiert wieder zum Glänzen: "A Sunflower At Christmas" ist ein Mini-Album des schottischen Ober-Pearlfishers und Beach-Boys-Fanatikers David Scott, der den Strand von Malibu kurzerhand in die Alpen verlegt ("Snowboardin'"). Hier vermählt sich gut gelaunt alles, was weihnachtliche Musik zu bieten hat ("ba-ba-ba-ba"-Choräle, Djingle Bells etc.) mit bester britischer Songwriterkunst - eine weitere Perle des kleinen, aber feinen Hamburger Marina-Labels. Wem das dann doch ein bisschen zu verschroben klingt, dem sei der zweite Weihnachts-Sampler aus der "Get Easy"-Reihe ans Herz gelegt: Marina-Macher Stefan Kassel und "Pop 2000"-Autor Frank Jastfelder haben erneut ganz tief in den Archiven gewühlt, um ein weiteres Füllhorn festlicher Raritäten auszuschütten: Ob das so gut wie unbekannte "A Time To Be Jolly" von Bing Crosby, ob Peggy Lees "Happy Holiday" oder James Browns Ballade: "It's Christmas Time (Part 1)" - viele der insgesamt 24 Soul-, Pop-, und R&B-Perlen, die auf "Snow 2" versammelt sind, erscheinen zum ersten Mal auf CD. Derart gut gerüstet lassen sich (hoffentlich) auch jene erbärmlichen Weihnachtsmänner-Puppen verkraften, die bald wieder von den Balkonen baumeln werden. Beide (7) Andreas Borcholte

The Pearlfishers - offizielle Website Marina Records - Homepage

Das Pop - "The Human Thing"
(Haldern Pop Recordings)

Wir müssen an dieser Stelle nichts über das Haldern-Festival erzählen, weil jeder, der einmal dort war, ohnehin schon weiß, dass man dort - und nur dort - von Vollproleten, Böhse-Onkelz-T-Shirts und nächtlichen Puddle-Of-Mudd-Sessions aus dem Kassettenrecorder vor den Zelten verschont bleibt. Vor einiger Zeit haben die Macher des Haldern-Festivals ihr hauseigenes Label "Haldern Pop Recordings" gegründet und jene Band gesignt, die laut verlässlichen Zeugenaussagen zu den besten Live-Acts überhaupt zählen soll. Natürlich beherrschen die Belgier den unverbindlichen Pop auch aus dem Effeff, doch auf Albumlänge klingt das Ganze schon ein wenig wie die "Nur für Jungen/ Nur für Mädchen"-Seite des viel zu früh verblichenen "Jetzt"-Magazins. Lustig: Ganz am Ende gibt es den Das-Pop-Mini-Hit "You" auf deutsch gesungen: "Du, du brichst mein Herz/ Du spaltest mich in Stücke links und rechts/ Ein Stück für dich und eins für mich/ Und das ist, wie es sein soll, eigentlich." Rettet keine Leben, aber ist für zwischendurch wirklich gut geeignet. (6) Jan Wigger

Das Pop - Homepage bei Haldern Pop Recordings


Bewertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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