Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Neue Alben von Conor Oberst alias Bright Eyes, Tocotronic, Nic Armstrong und Bonnie "Prince" Billy sowie die neue Identität des US-Songwriters Jason Molina.


Bright Eyes - "I'm Wide Awake, It's Morning"/ "Digital Ash In A Digital Urn"
(Saddle Creek/Indigo)

Wir sind uns keinesfalls zu schade, ihn auch im Jahr 2005 und trotz maximaler Titelblatt-Präsenz noch einmal vorzustellen: Conor Oberst wurde im Jahr 1980 geboren, war maßgeblich am Erfolg des Saddle-Creek-Kollektivs aus Omaha/ Nebraska (Cursive, The Good Life, Son, Ambulance u.a.) beteiligt, ernährt sich hauptsächlich von Rotwein, gilt unter unsensiblen Menschen als wehleidig, hat Omaha kürzlich in Richtung New York verlassen, wird von den Deppen unablässig gefragt, ob er denn wirklich der "Sprecher seiner Generation" sei und ist Amerikas größtes Songschreiber-Talent. War der Begriff "Talent" aber schon zu Zeiten des letzten Bright Eyes-Meisterwerks "Lifted...." ein Hohn, wird er angesichts des zu Tränen rührenden Folk-Albums "I'm Wide Awake, It's Morning", auf dem nicht eine einzige Sekunde entbehrlich ist, gänzlich hinfällig. Alles beginnt mit "At The Bottom Of Everything", einer luziden Betrachtung über Leben und Tod, getragen von Obersts kindlichem Utopismus: "We must stare into a christal ball and only see the past/ Into the caverns of tomorrow with just our flashlight and our love we must plunge, we must plunge, we must plunge". Die Stimme von Emmylou Harris greift ans Herz im grandios galoppierenden "Travelin' Song" und natürlich auch im neu eingespielten "Landlocked Blues", jenem fantastischen Stück, das früher "One Foot In Front Of The Other" hieß und Oberst zu gnadenlosen Zeilen hinriß: "You'll be free child once you have died/ From the shackles of language and measurable time/ Then we can trade places, play musical graves/ Til then walk away, walk away, walk away". Schließlich noch "Lua", vielleicht der unverhüllteste, wahrhaftigste Song, den Conor Oberst je geschrieben hat: "But me I'm not a gamble, you can count on me to split/ The love I sell you in the evening by the morning will be gone". Die schmerzlich-tröstlichen Erkenntnisse dieser Platte, sie sind unbezahlbar und ohne jede Konkurrenz.

Songwriter Oberst: Kindlicher Utopismus

Songwriter Oberst: Kindlicher Utopismus

Zeitgleich mit "I'm Wide Awake, It's Morning" erscheint "Digital Ash In A Digital Urn", formal tatsächlich ein tendenziell elektronisches Album, jedoch mit Tracks wie "I Believe In Symmetry" oder "Devil In The Details", die auch als Rock- bzw. Folksongs bestens funktionieren würden. Überhaupt sollten geräuschempfindliche Hörer ganz unvoreingenommen an diese Platte herantreten, denn das schon von der Single "Take It Easy (Love Nothing)" bekannte Pochen und Knistern stört die exzellenten Songs auf "Digital Ash In A Digital Urn" nicht, sondern verleiht ihnen eine zweite, reizvolle Färbung. So ist es dann auch ganz erstaunlich, wie viele Kleinigkeiten sich noch in der Rückschau unverzichtbar machen: Nate Walcotts Trompete in "Ship In A Bottle" etwa oder Maria Taylors empfindsamer Background-Gesang in "Theme From Pinata": "Winter came to Omaha and left us looking like a bride/ A million perfect snowflakes now and no two are alike/ So it's hard for me imagining the flaws in this design/ I know debris, it covers everything, but still I am in love with this life". Das Leben und nichts anderes - Conor Oberst hat den Gipfel erklommen. "I'm Wide Awake, It's Morning": (10); "Digital Ash In A Digital Urn": (9) Jan Wigger

US-Songwriter: Britneys Kampf mit der Kobra
Bright Eyes - Homepage bei Saddle Creek Records

Tocotronic - "Pure Vernunft darf niemals siegen"
(L'Age d'Or/Rough Trade)

Man hat langsam begonnen, sich daran zu gewöhnen: Wann immer eine neue Tocotronic-Platte erscheint, sind neben einigen klarsichtigen Analysen immer wieder kleine Aufsätze zu lesen, die, als Rezension getarnt, scheinbar eher humoristischen Ansprüchen genügen wollen. So war auch die gut gemeinte Sekundärliteratur zu "Pure Vernunft darf niemals siegen" schon für mehr als zwei Lacher gut: Nicht nur von Schunkelchören und verbalen Verrenkungen war die Rede, auch haarsträubende Vergleiche mit Blumfeld und U2 wussten zu erfreuen - und wer bar jeder Ahnung war, faselte natürlich irgendetwas von "deutscher Pop-Identität" und Tocotronic als deren "Gewissen". Dabei hat es das siebte Tocotronic-Album doch gar nicht auf Überforderung angelegt: Der Zauber von Dirk von Lowtzows Traumlyrik liegt ja nach wie vor im Unnennbaren, in den Leerstellen und namenlosen Orten - wer immer bloß darauf aus ist, alles verstehen zu wollen, interessiert sich womöglich auch für die gesammelten Interpretationen von David-Lynch-Filmen. Zur Musik nur folgendes: "Mein Prinz", "Aber hier leben, nein danke" oder "In höchsten Höhen" sind sicherlich Rock-Songs, doch mit einem Rock-Album haben wir es hier eben nicht zu tun: "Gegen den Strich", entfernt an Huysmans höchst exzentrischen Roman gleichen Namens angelehnt, ist betörender Pop mit feinen Felt-und Go-Betweens-Momenten, das wunderbar schiefe Titelstück ist Folk mit derangiertem Chor, der leicht an Leonard Cohens frühes "One Of Us Cannot Be Wrong" erinnert. Und ganz ans Ende wurde mit "Ich habe Stimmen gehört" ein Song gepackt, der in seiner visionären Schönheit sogar "Schatten werfen keine Schatten" als vollkommenstes Tocotronic-Stück ablöst: "Ich habe Stimmen gehört/ Ich habe Dinge gesehen/ Die waren so schön/ Wie nichts auf der Welt/ Ich hab die Schwelle gekreuzt in die Unendlichkeit/ Der Weg war weit/ Ich war wie Treibholz der Zeit." Großartig! (8) Jan Wigger

Rockband Tocotronic: "Verweigerung als Prinzip"
Tocotronic - offizielle Website

Nic Armstrong - "The Greatest White Liar"
(One Little Indian(Rough Trade)

Zu sehen war Nic Armstrong aus Nottingham bereits im vergangenen Herbst, als er als Support von Paul Weller deutsche Lande bereiste. Der Kontext passte gut: Weller als "Darocker" und Bewahrer des Soul und R&B der sechziger Jahre hatte sich einen weiteren Retro-Freak eingeladen. Denn Armstrong, gerade mal 24 Jahre alt, liebt nichts mehr als den rumpelig-rüpeligen Rocksound der Swinging Sixties. So klingt auch sein Debüt-Album "The Greatest White Liar" (etwa: Der größte aller Schwindler) wie eine Lektion in Sachen British Invasion: Beatles, Kinks, Animals. Zugute kommt Armstrong, dass seine Stimme zuweilen arg nach Eric Burdon (in jungen Jahren!) klingt, so dass er das richtige Timbre für die schurgeraden Popsongs mitbringt. Zu den Highlights der Platte zählen die krachigen "Can't Stand It" und "Natural Flair" sowie das eher psychedelisch anmutende "She Changes Like The Weather", wo Armstrong auch Talent für leisere Töne beweist. Ein herausragender Songwriter vom Schlage eines Noel Gallagher ist er freilich nicht, aber immerhin verweist Armstrong in Interviews gerne darauf, dass ihn die Musik vor dem Durchdrehen bewahrt hat. Und dass sich hier einer richtig austobt und um sein Leben singt, das hört man in der Tat. (6) Andreas Borcholte

Nic Armstrong - Homepage bei One Little Indian

Matt Sweeney & Bonnie "Prince" Billy - "Superwolf"
(Domino/Rough Trade)

Will Oldham alias Bonnie "Prince" Billy hat für sein Schaffen schon immer die tollsten Pseudonyme erfunden: Palace Brothers, Palace Songs, Palace Music, Bonnie "Blue" Billy usw.. Aber wie das erst zusammen mit den Titeln der Alben klang: "Get On Jolly" zum Beispiel, damals eingespielt von Bonnie "Prince" Billy & The Marquis de Tren. Nun kommt "Superwolf" zu Oldhams unglaublich breiten Platten-Katalog hinzu, und dieses Mal ist Matt Sweeney von den fast vergessenen Indie-Rockern Chavez dabei, der zuletzt bei Billy Corgans inzwischen aufgelöster All-Star-Band Zwan spielte. Sweeney spielt die Gitarre und übernimmt zeitweise den Background-Gesang, Oldham bleibt halt Oldham, mit seiner ungeheuer beruhigenden Stimme, ein Mann, der von jeher an der Peripherie der Katastrophe lebt und doch immer weiter macht. "Superwolf" endet mit dem absolut großartigen "I Gave You", das selbst auf den genialsten Oldham-Platten zu den Highlights gehört hätte: "I gave you ten lives and you wasted twenty/ Now I'm standing empty, helpless and bare/ And you, you have vanished into the air/ The air in which I must go". Will Oldhams Trauer bleibt universal. Es gehe mit, wer kann. (7) Jan Wigger

Palace Records - offizielle Website für Bonnie "Prince" Billy

Magnolia Electric Co. - "Trials & Errors"
(Secretly Canadian/Cargo)

Bevor Jason Molina zu einem Wiedergänger Neil Youngs wurde, war auch er ein Seelenverwandter von Will Oldham: Kleine, sehr ruhige Alben wie "The Lioness" oder "Didn't It Rain", die Molina unter dem Moniker Songs: Ohia veröffentlichen ließ, standen in der Tradition großer amerikanischer Songschreiber und Autoren. Vor gar nicht langer Zeit legte Molina Songs: Ohia zu den Akten und gründete die Band Magnolia Electric Co., deren selbstbetiteltes Debüt viele Anhänger verwirrte, weil sie die plötzlich unbändige und quecksilbrige Musik für Altherrenrock hielten. "Trials & Errors" dokumentiert ein Konzert, das die damals frisch gegründete Band 2003 in Brüssel gab. Gespielt wurde nur wenig von "Magnolia Electric Co." und "Didn't It Rain", dafür aber eine Handvoll Stücke, die nur auf "Trials & Errors" bzw. auf der kommenden Studio-LP zu finden sein werden. Auch wenn der Vergleich sich langsam abnutzt: Wenn man die Augen schließt, hört man immer noch die Burschen von Crazy Horse um die Wette spielen. (7) Jan Wigger

Songs: Ohia - offizielle Website


Bewertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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