Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Neues von Bloc Party, Antony & The Johnsons, The Frames und The Thrills sowie ein weiteres Juwel von Singer/Songwriter Cass McCombs.


Bloc Party - "Silent Alarm"
(V2 Records/Rough Trade)


Die letzten Jahrespolls von 2004 sind noch gar nicht abgedruckt, da verlangt die Medienmeute längst nach der neuen, größten Band des Jahres 2005. Diesmal sollen es Bloc Party sein: Vier im persönlichen Gespräch eher gezügelte junge Leute, über deren Maulfaulheit sich die Journalisten in England heimlich ärgerten, weil sie sich die Geschichten nun mühsam selbst ausdenken müssen. Kele Okereke, Russell Lissack, Gordon Moakes und Matt Tong wollen eigentlich nur Musik machen - die alte und vollkommen verständliche Leier halt. Über diese Musik aber stolperte man dann erst recht: Die geistreich aufs Wesentliche reduzierten, glasklaren Indie-Hits "Helicopter" und "Banquet" stimmten Anhänger von Hot Hot Heat oder The Rapture rasch enthusiastisch, doch ist der New Wave-Einfluss auf dem sehr guten Bloc-Party-Debüt "Silent Alarm" nur einer von vielen - aus den ruhelosen Songs kann man genauso gut auch Blur, The Jam und Gary Numan heraushören. "Silent Alarm" ist ein klein wenig zu lang, und das gefährlich in Richtung U2 leiernde Pathos in "So Here We Are" steht der Band nicht gut zu Gesicht. Doch allein das eindringliche Schlagzeugspiel von Matt Tong ist den Kaufpreis wert. Übrigens: Angst, die neuen Franz Ferdinand zu werden, brauchen Bloc Party nicht zu haben - das erledigen mit Sicherheit Maximo Park. (8) Jan Wigger

Bloc Party - offizielle Website

Antony & The Johnsons - "I Am A Bird Now"
(Secretly Canadian/Cargo)

Eine Warnung an die Männer: Falls sie noch nie geschminkt ausgegangen sind, also nicht einmal mit ein wenig Lidschatten und mauvefarbenen Lippenstift, und sich auch sonst wahnsinnig viel auf ihre genuine Männlichkeit einbilden, brauchen sie ab hier nicht mehr weiter zu lesen. Der Rest höre sich bitte diese brillante, feingeistige, erlesene Platte von Antony & The Johnsons an, deren grandiose Tuntigkeit ohne Beispiel ist. Rufus Wainwright, der einen ganz knappen Auftritt auf "I Am A Bird Now" hat, hält den New Yorker Antony für den "greatest singer in history", eine bescheidene Aussage, wenn man bedenkt, dass Wainwright in diesem Rennen selbst weit vorne liegt. Auch Lou Reed und Devendra Banhart sind hier zu Gast. "You Are My Sister", ein schwül-erhebendes Duett zwischen Antony und Boy George ist neben dem meisterlichen Roxy-Music-Nachhall "Man Is The Baby" der Höhepunkt dieser androgynen Stilübung. Rollenspiele, Vexierbilder, Begehrlichkeiten: Besorgen sie sich die erste Antony-LP "Antony & The Johnsons" (2000) unbedingt gleich mit! (9) Jan Wigger

Antony & The Johnsons - offizielle Website

The Frames - "Burn The Maps"
(Anti/SPV)

Wenn man aufgefordert wird, die Landkarten zu verbrennen, dann soll man ausgetretene Pfade verlassen. Ums Verlassen geht es dann auch hauptsächlich auf "Burn The Maps", dem fünften Album der irisch-amerikanischen Band The Frames. Verlassen wurde Sänger und Songwriter Glen Hansard ganz offenbar von seiner Liebsten, denn die Texte, die er für die neue Platte schrieb, handeln monothematisch von Schmerz und Desorientierung, Enttäuschung und Selbstmitleid. Und Wut. Doch der manchmal ungestüme und brachiale Sound früherer Frames-Alben ist einer milderen, fast schon somnambulen Tonart gewichen. Die Songs beginnen oft fragil und spärlich, heben dann zu dramatischer Opulenz an und taumeln am Ende trunken in Dissonanzen und Tempiwechsel, verlassen also die ursprünglich eingeschlagene Richtung. In "Ship Caught At Bay" zeigt sich das am deutlichsten: Der sanft schwingende, fast an amerikanischen Rootsrock erinnernde Gitarrensong mündet nach drei Minuten in eine instrumentale Coda im handgemachten Drum'n'Bass-Rhythmus. Selten sind die Momente, in denen die Band der Versuchung nachgibt, eine gerade Melodie zu verfolgen, die meiste Zeit mühen sich die Frames durchaus erfolgreich, die schräge Gemütslage ihres Sängers in Musik zu übersetzen. Das erinnert in den ruhigeren Momenten an Radiohead, in den stürmischeren Passagen an Therapy? und postrockende Sonic-Youth-Epigonen. Bleibt man bei diesen - natürlich völlig ungerechten - Vergleichen, könnte man den Frames zugestehen, dass sie mit "Burn The Maps" ein kleines, morbides und um sich selbst kreisendes "OK Computer" abgeliefert haben. Das ist doch was. (7) Andreas Borcholte

The Frames - offizielle Website

The Thrills - "Let's Bottle Bohemia"
(Virgin/EMI)

Wer die irische Band The Thrills einmal live gesehen hat, kennt das Problem: Völlig überraschend wohnt man einer knallharten Rock-Show bei, nach deren Ende man sich nicht mehr sicher ist, ob das gerade jetzt wirklich die fünf Typen waren, die auf Platte "One Horse Town" oder "Hollywood Kids" geschmeichelt, gesäuselt und gehaucht haben. Was uns direkt zur ziemlich einzigartigen Stimme von Conor Deasy führt: Für manche die vertonte Harmlosigkeit, für manch andere nicht weniger als eine Wohltat. Die Unterschiede zum überhaupt nicht lange zurückliegenden Debüt "So Much For The City": Das Cover ist noch unansehnlicher, das Songwriting noch durchdachter, Peter Buck hat ein bisschen Gitarre und Mandoline gespielt und Van Dyke Parks ein paar Streicher für "The Irish Keep Gate-Crashing" beigesteuert. Wir folgern: Wer ernsthaft etwas gegen "Let's Bottle Bohemia" einzuwenden hat, ist vermutlich ein böser Mensch. (7) Jan Wigger

The Thrills - offizielle Website

Cass McCombs - "Prefection"
(4AD/Beggars Group/Indigo)

Ein Blick auf die Top 5 der deutschen Album-Charts reicht aus, um zu wissen, wie man Cass McCombs womöglich helfen könnte: Ausgerechnet der wunderbare Adam Green zählt zu den großen Bewunderern des Songschreibers McCombs, dessen letztes Werk "A" sich dann auch meistens wie eine Songschreiber-Platte anhörte. "Prefection" ist nun eher ein Band-Album geworden, mit charakteristischer Farfisa-Orgel, immer etwas freudlosem, widerhallendem Gesang und einer auf angenehmen Weise gespenstischen Produktion. Oft übersehen wird bei McCombs das humoristische Element in seinen sehr schlauen Texten: "Human skull/ Human skull/ Human skull/ Without body", freut sich Cass und wirft abgeklärte Blicke in die Zukunft: "I'm looking forward to losing all my hair/ I'm looking forward to looking backward" ("Multiple Suns"). Weil die Schönheit der Songs von Cass McCombs nicht selten morbider Natur ist: Niemals beim ersten Date auflegen! (7) Jan Wigger


Cass McCombs - Homepage bei 4AD Records


Bewertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

Mehr zum Thema
Newsletter
Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.