Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Mars Volta geben Rätsel auf, Andrew Bird erfindet ein grünes Tier, JaKönigJa glänzen mit Ortlosigkeit, The Wedding Present kombinieren Gram und Überschwang, und Absynthe Minded sind tatsächlich belgisch.


The Mars Volta - "Frances The Mute"
(GSL/Universal)


Es gab Menschen, die hatten Angst vor dieser Platte. Angst vor der Überforderung, der eigenen Ratlosigkeit und Angst davor, "Frances The Mute" nach sechs, sieben Durchläufen ganz nach hinten ins Regal stellen zu müssen, ganz nach dem Motto: Sicher ein Meisterwerk und womöglich sogar zeitlos, sagen ja alle - kann man also auch in zwei oder drei Jahren nochmal herauskramen. Selbstverständlich kann man The Mars Volta nicht mehr mit der phantastischen Vorgängerband At The Drive-In vergleichen: Einen Ersatz für diese Wahnsinnigen, die immerzu Stimmen in ihren Köpfen hörten, wird es nicht mehr geben, genauso wie die Queens Of The Stone Age zu keinem Zeitpunkt Kyuss ersetzen konnten, auch wenn das immer gern behauptet wurde. The Mars Volta, im Kern die spillerigen Omar A Rodriguez-Lopez und Cedric Bixler Zavala, hatten sich schon mit "De-Loused In The Comatorium" viel weiter vom At The Drive-In-Sound entfernt, als man es je für möglich gehalten hätte, doch mit "Frances The Mute" erreicht die Entgrenzung eine neue Dimension. Die maximale Länge einer CD wird ausgereizt, einzelne Tracks sind weit über zehn Minuten lang, andere kaum sechzig Sekunden. Man hört Tuba, Cello, Rockgitarren, Posaunen, Klavier und das Quaken von Fröschen. Dazu kleine Latin- und Free-Jazz-Exkurse, Kunstanstrengung, Gemucke, Gegniedel, Geplätscher und mit "The Widow" lediglich einen einzigen, jedoch fabelhaften Song, der noch auf die ATDI-Vergangenheit hinweist. Es macht nicht wirklich Freude, "Frances The Mute" zu hören, auch nicht beim achten Mal. Es ist Arbeit, es ist anstrengend. Vielleicht führt dieses Album, auf dem zwischendurch auch schon mal auf Spanisch gesungen wird, ein paar junge Menschen zum Jazz, zum Krautrock oder zur obskuren französischen Band Gong, die von Bixler Zavala und Rodriguez Lopez verehrt wird. Vielleicht bleibt sie ein ewiges Rätsel. Vielleicht wird sie die "Platte des Jahres 2005" in der Rock-Zeitschrift "Visions". Wer hier noch Fragen stellt, hat schon verloren. (7) Jan Wigger (Veröffentlichung am 21. Februar)

The Mars Volta - offizielle Website

Andrew Bird - "Andrew Bird & The Mysterious Production of Eggs"
(Fargo/Rough Trade)

Es spricht für das letzte Andrew-Bird-Album "Weather Systems", dass man gleich die ersten Worte auf "The Mysterious Production Of Eggs" auf Anhieb wieder erkennt: "I was getting ready to be a threat / I was getting set for my / Accidental suicide / The kind where no one dies / No one looks too surprised". "Sovay" heißt dieser schon aus dem Jahr 2003 bekannte Song, einer von Andrew Birds besten, weshalb der verhaltene Sänger, Gitarrist und Violinist ihn nun noch einmal aufgenommen hat. Der Rest ist ganz neu, auch weiß bislang niemand, was das für ein grünes Tier auf dem Cover ist, doch Bird, ein Freund verstiegener Ideen, hat es vermutlich irgendwann selbst erfunden. Gleich geblieben ist Andrew Birds betörender Stilmix aus Folk, Jazz, Pop und Swing, sein schwereloses Pfeifen und die verspielte, unwirkliche Lyrik: "Though the words we speak are banal/ Not one of them's a lie/ You're what happens when two substances collide/ And by all acounts/ You really should've died." Dieses Lied heißt "A Nervous Tic Motion Of The Head To The Left": eigentlich eine schöne Beschreibung für diese ganze, schüchterne, romantische, verdrehte Platte. (7) Jan Wigger

Andrew Bird - offizielle Website von Fargo Records

JaKönigJa - "Ebba"
(Buback/Indigo)

Wenn eine Musikgruppe, die man nicht einmal in sanftmütigster Laune und in Aufrechung aller bisherigen Verdienste als "etabliert" bezeichnen kann, sich geschlagene sechs Jahre Zeit lässt, um mit einem neuen Album urplötzlich wieder aufzutauchen, haben wir es hier wohl mit ganz und gar furchtlosen und wagemutigen Menschen zu tun. Noch immer bilden die Hamburger Ebba Durstewitz und Jakobus Siebels das Herzstück von JaKönigJa und alle Prätention, alle Beflissenheit, die man in der Vergangenheit leicht als Vorwurf gegen JaKönigJa vorbringen konnte, haben nun zu der großartigen Platte "Ebba" geführt. "Wenn sich die Gräber öffnen, stellt sich ein feierliches Fühlen ein/ Und ich preise die Seltsamkeit allgemein", singt Durstewitz in "Aus meinem Haus" - Zeilen, die auch von Dirk von Lowtzow stammen könnten. Doch die anfangs befremdliche und gerade deshalb faszinierende Musik von JaKönigJa hat weder etwas mit Tocotronic, noch mit irgendeiner anderen Band aus der unmittelbaren Nachbarschaft gemein: Wenn Klavier, Cello, Banjo, Glockenspiel und Posaune erklingen, befindet man sich nirgendwo anders als zwischen den Orten. (8) Jan Wigger

JaKönigJa - offizielle Website von Buback Records

The Wedding Present - "Take Fountain"
(Stickman Records)

David Gedge, einer der ganz großen Helden des schrammeligen Indie-Pops, kennt von Elvis Costello nur die allererste Platte. Und auch wenn man Costellos Album "North" nie im Leben musikalisch mit The Wedding Presents Arbeit vergleichen würde, hat Gedge sich auf "Take Fountain" textlich gesehen genau mit denselben universellen Themen beschäftigt: Dem Werden und Vergehen einer alten Liebe, der darauf folgenden Verzweiflung und dem Beginn einer neuen Liebe. Sally Murrell, jahrelang auch in Gedges Zweitband Cinerama seine Partnerin, verließ den Melancholiker; Gedge zog verbittert nach Seattle, schrieb viele Stücke und kehrte dann nach England zurück, um "Take Fountain" zusammenzubasteln. Natürlich leben all die neuen Lieder, das herrliche "Mars Sparkles Down On Me" oder das mächtige "Interstate 5" vor allem von der eigenen Erinnerung, doch ist es auch für Spätgeborene, die nur noch Cinerama mitbekamen, ein wirklich idealer Einstieg in David Gedges Welt. Eine Welt aus Eifersucht, Gram und Überschwang. (7) Jan Wigger

The Wedding Present - offizielle Website von Stickman Records

Absynthe Minded - "Acquired Taste"
(Keremos Records/Alive)

Alle paar Wochen aufs Neue dieser Schock: Was für ein unglaublich häßliches Cover! Man darf von Glück reden, dass die Musik auf "Acquired Taste" um Längen besser ist. "She's the queen of the artsy scene/ You'd swear she was an actor/ But she plays piano sheet music/ She's prepared/ All that stuff in her head" versucht Sänger Bert Ostyn im Song "In Her Head" die Anziehungskraft einer ganz besonderen Frau aus der Intellektuellen-Szene zu beschreiben. Um Frauen geht es dann auf "Acquired Taste" so einige Male, Ostyns Stimme ist angenehm, die Musik; die Blues, Jazz und Swing zitiert, ganz klar belgisch, weshalb es auch nicht weiter überrascht, dass Absynthe Minded aus Belgien kommen. "Das Versprechen für die Zukunft", sagt dEUS-Sänger Tom Barman. Das sagt er oft über belgische Bands, doch dieses Mal könnte er Recht behalten. (6) Jan Wigger

Absynthe Minded - offizielle Website


Bewertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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