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Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Die Stars singen bittersüße Utopien, Finn bietet Pop-Miniaturen, Bob Mould ist besser als man denkt, Joyce Hotel suchen ihren eigenen Stil und The Rakes verfolgen einen bis in den Schlaf.

Stars - "Set Yourself On Fire"
(City Slang/Rough Trade)

Bevor das verdiente und ein volles Jahr lang ohne Lebenszeichen gebliebene Indie-Label City Slang Anfang September die fantastische neue LP von Nada Surf herausbringt, gibt es bittersüße Utopien von den Stars aus Montreal: "Live through this and you won't look back/ There's one thing I have to say so I'll be brave/ You were what I wanted/ I gave what I gave/ I'm not sorry I met you/ I'm not sorry it's over/ I'm not sorry, there's nothing to save" ("Your Ex-Lover Is Dead"). Und natürlich: Gerade weil man weiß, wie unmöglich eine derartige Reaktion auf den Verlust der Liebe ist, zerreißt es einem fast das Herz. Dazu die Stimmen von Amy Millan und Torquil Campbell, die Trompeten, die Streicher und das Glockenspiel: Fast alles gelingt auf "Set Yourself On Fire". Nur die Manierismen werden zuweilen etwas zu aufdringlich ausgestellt: Das Free-Jazz-Getröte am Ende von "He Lied About Death" ist nur schwer zu ertragen. (7) Jan Wigger

Achtung: Veröffentlichung erst am 15. August!

Stars - offizielle Website

Finn - "The Ayes Will Have It!"
(Sunday Service/Hausmusik/Indigo)

Wenn einem im Hamburger Schanzenviertel ein gut aussehender junger Mann mit Dreitagebart und einem Eimer voll Kleister entgegenkommt, ist die Wahrscheinlichkeit nicht niedrig, dass es sich dabei um Patrick Zimmer handelt. Zimmer ist Melancholiker und klebt weite Teile der Stadt mit Plakaten voll, auf denen ein etwas trübseliger Junge mit großen Augen zu sehen ist: Das Erkennungsmerkmal seines Projekts Finn. Die Texte zum zweiten Finn-Album "The Ayes Will Have It!" waren leider nicht zu bekommen, doch wenn Zimmer mit irrlichternder Thom-Yorke-Stimme Sachen wie "I'm on the wrong side/ You will fall down" singt, dann ist das fast immer gut. Im schönsten Stück "Speculate, Speculate" trifft Zimmer sogar die meditative Stimmung des Wong-Kar-Wai-Films "Chungking Express", in dem ein namenloser Cop bis zur totalen Erschöpfung Joggen geht, um schon vorab die Körperflüssigkeit auszuschwitzen, die er sonst als Tränen vergießen müsste. 11 Pop-Miniaturen, elaboriert und ohne Reue. (6) Jan Wigger

Finn - Homepage bei Sunday Service

Bob Mould - "Body Of Song"
(Cooking Vinyl/Indigo)

Grund zur Klage gab es allein in den letzten Tagen zur Genüge: Über das aktuelle Album der seit vielen Jahren wundervollen Gruppe Of Montreal war irgendwo zu lesen, es handele sich um "halbgare Hippiekacke". Schlimmer noch: "Bin-Jip", für den südkoreanischen Regisseur Kim Ki-Duk schon das vierte Meisterwerk in Folge, wird in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" auf unverständlichste Art und Weise verrissen. Also überhaupt keine guten Nachrichten? Nun, eine vielleicht doch: Bob Mould, der eine Reunion von Hüsker Dü für die nächsten 100 Jahre kategorisch ausschließt, hat eine Platte gemacht, die bei weitem nicht so katastrophal ist wie das sinnlos mit Elektronik zugekleisterte "Modulate" (2002) und sogar Hoffnungen weckt, dass Mould eines Tages wieder ein Album wie "Workbook" aus dem Jahr 1989 hinbekommt. "Body Of Song" hat, so ist man es mittlerweile von Mould gewöhnt, Licht und Schatten: "(Shine Your) Light Love Hope" ist grausam, "High Fidelity" und "Paralysed" immerhin mehr als man erwarten durfte. (5) Jan Wigger

Bob Mould - offizielle Homepage bei Granary Music

Joyce Hotel - "Joyce Hotel"
(Make My Day Records/Alive)

Ein Blödsinn, diese Platte im Sommer zu veröffentlichen. Man sieht ja schon am Comic auf dem Cover, dass bei den vier Kopenhagenern von Joyce Hotel dauerhaft die herbstliche Depression herrscht. Aber so richtig clever ist die Plattenfirma ohnehin nicht, denn den Journalisten gleich vorzusagen, dass man die Band auch "dänische Radiohead" nennen könnte, ist unfair. Was soll man den jetzt noch schreiben? Abgesehen davon stimmt es natürlich nicht. Die Band, die sich übrigens samt besagter Comics und einem ambitionierten Videokonzept als Gesamtkunstwerk versteht, klingt neben den zahlreichen Anleihen bei Radiohead mindestens einmal nach den späten Depeche Mode ("Blood Monsters") und ziemlich oft nach dEUS. Der eigene Stil fehlt den Dänen also noch. Macht nichts, dafür kann man sich mit dieser Platte - ganz gemäß dem Song "Come Back To Bed" - gemütlich mit seinen trübsten Gedanken zusammenrollen und auf den ersten Schnee warten. (5) Andreas Borcholte

Joyce Hotel - offizielle Website

The Rakes - "Capture/Release"
(V2/Rough Trade)

Wenn man doch nur wüsste, welche Drogen man nehmen müsste, um so herrliche Gaga-Besprechungen zu schreiben, wie sie in der ersten deutschen Ausgabe des "Vice"-Magazins zu finden sind: "Ich überlasse diese Knochen hier nicht dem Museum. Ich werde hier im Schnee sitzen und nagen" lauten dort die beiden letzten Sätze zur neuen Platte von Obituary, und gar so viel mehr lässt sich auch über das Rakes-Debüt "Capture/Release" nicht sagen: London bebt mal wieder, Paul Epworth (Bloc Party, The Futureheads u.a.) hat produziert. Der Stimme Alan Donohoes fehlt noch das Charisma und die Dezidiertheit eines Paul Smith (Maximo Park), doch die mal wieder an den Punk-und Wave-Helden der späten Siebziger orientierten Songs der Rakes liegen mit wenig Ausnahmen über dem Durchschnitt. Am erstaunlichsten bleibt das Gitarren-Riff des schon als Single bekannten "Strasbourg": Ein Mal gehört, nimmt man es noch mit in den tiefsten Schlaf. (6) Jan Wigger

The Rakes - offizielle Website


Bewertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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