Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Jens Friebe wird dem Kneipendiskurs gefährlich, die Decemberists machen Wilco neidisch, Annie ist herrlich vergänglich, Supergrass geben sich luxuriös und Black Rebel Motorcycle Club bekehren zum Blues.

Von Jan Wigger


Jens Friebe - "In Hypnose"
(ZickZack/Labels/EMI)

Zumindest in den kleinen Eck-Kneipen für Pop-Diskurs und Koma-Saufen ist der Musiker Jens Friebe nicht sonderlich beliebt: Man bezeichnet seine Songs mitunter als "gruselig", fühlt sich durch sie unangenehm berührt und wünscht sich verstohlen, Friebe wäre Musikjournalist geblieben und würde seine Lieder nurmehr für den Hausgebrauch aufnehmen. In den schummrigen Kaschemmen werden sie nun wieder aufschreien bei Textzeilen wie "XTC und Red Bull kommen gut / Dies ist mein Leib, dies ist mein Blut" oder "Wir zwei an einem Bungeeseil / Wär das nicht geil?". Den Dance-Track "Bungeeseil" musste Friebe sogar gegen die eigenen Label-Kollegen durchsetzen, vermutlich hatten sie ähnliche Probleme mit dem Song wie jene Nörgler, die schon Blumfelds "Ein Lied von zwei Menschen" und "Wellen der Liebe" für einen Schlager hielten. Die Single "Kennedy" ist rührend und "10.000 Zeichen" die erste wirklich brauchbare Betrachtung der Misslichkeiten, denen man als Lohnschreiber dauerhaft ausgesetzt ist: "Ich kann euch sehen und ich sehe T-Shirt-Stände / Und das, ach ja, sind das nicht Gitarrenwände? / Und ihr schreit / Und ich schreib / 10.000 Zeichen kalt / Deadline ist sehr sehr bald / 10.000 Zeichen kalt." Und so kommt auf "In Hypnose" alles zusammen: die Unbill des Kreativen, der sich verdingen muss; die Lust des ganz unökonomischen Begehrens und Sichhingebens, kurz alles, wovon wir reden, wenn wir von Liebe und Selbstliebe reden. (8) Jan Wigger

Jens Friebe - offizielle Website

Decemberists - "Picaresque"
(Rough Trade / Sanctuary)

Wer das seltene Glück hatte, schon vor zwei, drei Jahren auf die Decemberists zu stoßen, kennt vielleicht "Castaways And Cutouts" (2002) und "Her Majesty The Decemberists" (2003), die textlich und musikalisch in hohem Maße ungewöhnlichen ersten LPs des belesenen Wandertrupps aus Portland, Oregon. Sänger Colin Meloy sprach von Piraten, Raubzügen und Soldaten und bediente sich einer recht altertümlichen Sprache, die seiner unstillbaren Liebe zum Theater geschuldet war. "Picaresque" ist das beste der drei Decemberists-Alben, und mit "The Engine Driver" gibt es einen weiteren Song, auf den die Long Winters, ja möglicherweise sogar Of Montreal und die frühen Wilco neidisch wären: "And I am a writer, a writer of fictions / I am the heart that you call home / And I've written pages upon pages / Trying to rid you from my bones." Auch wenn er früher vielleicht lieber bei Fairport Convention gesungen oder sehr viel früher antikes Theater gespielt hätte: Colin Meloy gehört zu den erstaunlichsten Songschreibern Amerikas. (8) Jan Wigger

Decemberists - offizielle Website

Annie - "Anniemal"
(679 Recordings/Warner)

Auch Authentizitäts-Puristen, die jegliche Musik ablehnen, die auch nur ein bisschen nach Hedonismus und Reuelosigkeit im Allgemeinen und Kylie Minogue oder Madonna im Besonderen klingt, müssen zugeben: Ein Problem mit der Glaubwürdigkeit wird die Norwegerin Annie nicht bekommen. Sie veröffentlicht auf dem britischen Label "679 Recordings" (genauso wie The Streets und The Futureheads), sie ist eher unerwartet auf dem Cover der "Spex" gelandet, und ausgerechnet Maximo Park remixten Annies grandiosen Track "Heartbeat", mit Sicherheit einer der unvergesslichen Pop-Momente dieses Jahres. Zu denen zählen wir auch "Me Plus One", "Always Too Late", "Chewing Gum" und überhaupt die ganze erste Hälfte dieser reizenden Platte. Klar ist Annies Stimme dünn und fast alles auf "Anniemal" künstlich und vergänglich, doch um viel mehr geht es im Pop auch manchmal gar nicht. (7) Jan Wigger

Annie - offizielle Webiste

Supergrass - "Road To Rouen"
(Parlophone/EMI)

Die Best-Of-Zusammenstellung "Supergrass Is 10" aus dem letzten Jahr hätte das perfekte Ende sein können: Die stets furchtlosen Affenmenschen, die in ihren Videos immer wieder das Burleske streiften, ohne sich jemals lächerlich zu machen, hatten bis dahin nur famose Alben gemacht. Doch Supergrass stritten sich lieber ein bisschen, lösten die Band für ein paar Minuten auf und zogen sich dann in die Normandie zurück, um an einem neuen Werk zu arbeiten. Mit "Road to Rouen" schlagen Supergrass neue Töne an; als Referenz lässt sich allenfalls die zweite Platte "In It For The Money" anführen. Entstanden ist ein neun luxuriös produzierte Songs umfassendes Album, das weniger T.Rex, weniger Bowie, dafür aber mehr Beatles-Spätwerk und mehr John Lennon ist. Einzig der schnöde Bossa Nova "Coffee In The Pot" ist nicht gerade erste Wahl. (7) Jan Wigger

Supergrass - offizielle Website

Black Rebel Motorcycle Club - "Howl" Echo/PIAS)

Wir haben die Piano-Ballade (sic!) "Promise" gleich mehreren Probanden vorgespielt. Natürlich ist kein einziger auf die Idee gekommen, es könne sich hierbei um den Black Rebel Motorcycle Club handeln - viel zu sauber, viel zu melodieselig für die Marlon-Brando-Adepten, die bekannt waren für ihre maulfaulen und missmutigen Interviews, die klirrenden The Jesus & Mary Chain-Gitarren und den kalten Groove. Heute ist alles neu, denn "Howl" ist ein Album über Jesus, Ginsberg, Gott, Dylan und den Teufel geworden, das sich bei Blues, Country und Gospel bedient. Die Mundharmonika scheint von ganz weit her zu kommen, dazu gibt es einfache biblische Worte von Peter Hayes, Robert Leven Been und Nick Jago. Das Material auf "Howl" ist durchweg mehr als solide, die Kardinalfrage aber wird sein: Nimmt man ihnen das ab? Egal. Wenn der Club ein paar Ungläubige versehentlich zum Blues führt, ist das Soll bereits erfüllt.(6) Jan Wigger

Black Rebel Motorcycle Club - offizielle Website


Bewertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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