Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Paul McCartney präsentiert sich in Hochform, Elbow sind immer noch die besseren Coldplay, James Blunt schmachtet in Schwermut, Sigur Rós bleiben rätselhaft und The Subways üben Melodien.


Paul McCartney - "Chaos And Creation In The Backyard" (Parlophone/EMI)

Mit apodiktischen Urteilen jeglicher Art sollte man sparsam umgehen, doch bezüglich "Chaos And Creation In The Backyard" kann man es kurz machen: Die beste McCartney-Platte seit "Flowers In The Dirt" aus dem Jahr 1989! Exakt so lange, bis das Ergebnis auch wirklich perfekt war, ließ McCartney sich vom halb so alten und allerorten wohlgelittenen Produzenten Nigel Godrich (Travis, Beck, Radiohead) observieren und nahm jovial genau die richtigen Ratschläge dankend entgegen. Neben der Tatsache, dass "Chaos And Creation In The Backyard" ganz hervorragend klingt (sic!), ist es das Wehmütige und die Melancholie, das am nachhaltigsten berührt: "Jenny Wren", "At The Mercy" oder dem grandiosen "Riding To Vanity Fair" (das es beinahe nicht aufs Album geschafft hätte) wohnt eine Kümmernis inne, wie man sie auf dem mehr als akkuraten Album "Flaming Pie" und dem vorzüglichen "Driving Rain" nur selten ausmachen konnte. "You know the wheels keep turning/ Why do the tears run down your face/ We used to hide away our feelings/ But for now/ Tell yourself it won't happen again" singt Paul, und das Herz wird einem ganz schwer. Es war eben immer schon unfair und niederträchtig, die Klassenkeile einstecken zu müssen, wenn man die Frage nach dem Lieblings-Beatle nicht eilig mit "Lennon!" beantwortete. (8) Jan Wigger

Paul McCartney - offizielle Website

James Blunt - "Back To Bedlam"
(Atlantic/Warner)

Es ist natürlich erstmal kein Prädikat, wenn die eigene Ehefrau beim Anhören von James Blunts "Tears And Rain" ins Zimmer kommt und fragt, ob das nicht "Caught In The Middle" von A1 sei. Pfui Deibel! Gut, so manches ist dem Briten, der seit nunmehr acht Wochen in England die Charts dominiert, vielleicht etwas zu soft geraten, aber ihn in eine Ecke mit unsäglichen Boygroups zu stellen, wäre geradezu beleidigend, denn Blunt ist mit seinem Debüt ein wunderschön melancholisches Singer/Songwriter-Album gelungen, das eben auch oberflächliche Pop-Ansprüche befriedigt. Songs wie "You're Beautiful", "Wisemen" oder dem gespenstischen "No Bravery" hört man an, dass Blunt einige Zeit als Captain der britischen Armee im Kosovo-Krieg verbracht hat: Die Songs durchzieht eine Schwere und Traurigkeit, die vergleichbaren Newcomern oft fehlt. An euphorischen Vergleichen (mit Elton John (!), Beck und Elliott Smith) mangelt es seit Blunts Charterfolg natürlich nicht, doch natürlich greift all das (noch) zu hoch. "Back To Bedlam" ist streckenweise bezaubernd und voll von schmachtender Poesie und schwermütigen Melodien. Das ist ein Prädikat. (7) Andreas Borcholte

James Blunt - offizielle Website


Elbow - "Leaders Of The Free World"
(V2 Records/Rough Trade)

Es reichen ein, zwei lange Tage in Gesellschaft von "Leaders Of The Free World", um bescheiden die folgende, nicht ganz unberechtigte Frage zu stellen: Wieso hören eigentlich so unendlich viele Menschen Coldplay und so wenige Menschen Elbow? Wenn alles mit rechten Dingen zugeht, sollte die dritte, wieder sehr elaborierte Platte von Elbow eigentlich jedem zweiten Bewunderer von "A Rush Of Blood To The Head" gefallen: Dasselbe Pathos, dieselbe Emphase und ähnliche, durch nichts zu stillende Selbstzweifel durchziehen das jeweils erst drei Alben umfassende Werk von Chris Martin und Elbow-Sänger Guy Garvey. "Leaders Of The Free World" ist auch deshalb so gut geworden, weil die schwer greifbare Band aus Manchester ihr Songwriting gestrafft hat: Ausufernde Schlafwagen-Kompositionen, wie sie noch auf dem etwas arg vom Prog-Rock beeinflussten "A Cast Of Thousands" zu finden waren, sind verschwunden. Garvey mag die letzte Zeit wieder nur mit zu viel Alkohol und sprunghaften Mädchen verschwendet haben. Doch solange er Songs wie "The Stops", "The Everthere" und "An Imagined Affair" schreibt, wird niemand den Drang verspüren, ihn davon abhalten zu wollen. (7) Jan Wigger

Elbow - offizielle Website

Sigur Rós - "Takk"
(EMI)

Immer dann, wenn sich eine neue Sigur-Rós-Platte ankündigt, würden Hobbyschreiber und sogenannte professionelle Musikjournalisten am liebsten den scharfsinnigen Aphorismus von William S. Burroughs herauskramen, der einmal bemerkte, über Musik zu reden (und also zu schreiben) sei, wie zu Architektur zu tanzen. Man kann die Leute an den Schreibtischen gut verstehen, denn einfach ist es nicht, über eine Gruppe zu schreiben, deren Musik man nur bei den seltensten Gelegenheiten auflegt: Eine Räucherkerze anzündend, die Perserkatze beerdigend oder Halldór Laxness lesend vielleicht. Gibt es grundlegende Änderungen zur letzten Sigur-Rós-LP mit dem hübschen Titel "( )"? Durchaus: "Hoppipolla" beispielsweise ist das, was man im schwer zu durchdringenden Universum der wortkargen Isländer unter allen Umständen als "Hit" bezeichnen sollte. Auch schön: Das trostlose "Gong", dessen Spur sich ganz plötzlich und unverhofft wieder verliert. Ob das Kitsch ist? Nein! Aber so aufregend wie noch auf "Ágaetis Byrjun" (1999) ist das auch nicht mehr. (6) Jan Wigger

Sigur Ros - offizielle Website

The Subways - "Young For Eternity"
(Warner)

Bei einem überraschenderweise ganz hervorragend besuchten ersten Headliner-Konzert in Hamburg brach das noch sehr junge Trio aus dem englischen Welwyn Garden City krankheitsbedingt die beinahe seit Jahr und Tag gültigen Jesus-&-Mary-Chain-Rekorde: Ganze 25 Minuten dauerte der zielsichere Auftritt von Charlotte Cooper, Billy Lunn und Josh Morgan. Die zahlenden Gäste zürnten, die Plattenfirma kündigte Großtaten für die unmittelbare Zukunft an. Wie ist das Album? Es klingt nach den Vines, nach Ash und Nirvana. "I Want You To Hear What You've Got To Say" sowie "Mary" sind zweifelsohne großartiger Power-Pop der alten Schule: melodieselig, leichtsinnig und ganz ohne Reue. Die zweite Hälfte von "Young For Eternity" kann leider nicht mithalten und offenbart mittelschwere Probleme im Songwriting. Kann ja noch kommen. (6) Jan Wigger

The Subways - offizielle Website


Bewertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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