Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Paul Weller ist wieder obenauf, Element of Crime erheben das Gewöhnliche zur Kunst, Devandra Banhart veröffentlicht zu viele Platten, Big Star kehren nach 30 Jahren zurück, und Broken Social Scene machen Montreal alle Ehre.

Paul Weller - "As Is Now"
(V2/Rough Trade)

Das Schöne an Paul Weller ist, dass man immer genau weiß, woran man ist. "As Is Now", dieser kurze und trotzige Albumtitel, bringt das Credo des "Modfathers" auf den Punkt: Lebe für den Moment, sei immer einen Schritt voraus, blicke nicht zurück. Mit diesen Direktiven hat sich Weller durch drei Karrieren gehangelt. Vom zornigen jungen Mann (The Jam) über den stilverrückten Internationalisten (The Style Council) bis hin zum Naturburschen mit dem erdigen R&B-Sound. Nach dem letzten Album "Illumination" war es mit der Inspiration mal wieder vorbei. Schon Mitte der Neunziger, gebeutelt von Scheidung und Nagen am Hungertuch, fürchtete Weller: "Has my fire really gone out"? Damals folgte auf die bange Frage eine der erfolgreichsten und besten Phasen seiner Karriere, diesmal musste ein Album voller Coverversionen für neue Zuversicht sorgen. Die Arbeit an "Studio 150" und die zugehörige Tournee hätten ihn wieder auf die Spur gebracht, sagt der inzwischen 47-Jährige. Und so markiert "As Is Now den Eintritt Wellers in eine weitere Schaffensphase. Wie immer, wenn Weller sich neu erfindet, ist das Ergebnis grandios und von so aufrichtiger Intimität, dass es einen fast zu Tränen rührt. Gleich im ersten Song "Blink And You'll Miss It", einem ernergischen Soulrock, stellt er klar, dass er immer noch der Modernist ist, der ewige "changing man". "Come On/Let's Go" geht zurück zum rüden Sound der Jam-Jahre, "I Wanna Make It Alright" und "Roll Along Summer" greifen verloren geglaubte Jazz-Elemente wieder auf. Am Ende, nachdem das siebenminütige "Bring Back The Funk" und das rumpelnde "From The Floorboards Up" genug Energie für drei weitere Platten entfesselt haben, folgt mit "The Pebble And The Boy" noch eine ergreifende Piano-Ballade, die sich Versöhnung mit der vergangenen Jugend sehnt. Doch wer glaubt, hier tritt ein altgedienter Recke in sein mildes Spätwerk ein, der irrt. Herzstück des Albums ist die gospelartige Ballade "Fly Little Bird", mit der Weller wie mit einem Mantra immer wieder zum Davonfliegen auffordert. Sich selbst, versteht sich, wie immer. Paul Weller ist ein ekstatischer Mönch, schrieb ein Kollege unlängst. Seine Religion ist die Musik, und seine Mission ist noch lange nicht beendet. Für den Moment, as is now, ist er auf der Höhe seines Könnens. (10) Andreas Borcholte

Paul Weller - offizielle Website

Element Of Crime - "Mittelpunkt der Welt"
(Universal)

Wie der Filmemacher Christian Petzold ist auch Sven Regener vor allem an Orten interessiert und daran, was Orte aus Menschen machen können. Wer außer Regener würde schon über die 80.000-Einwohner-Stadt Delmenhorst schreiben? "Hinter Huchting ist ein Graben/ Der ist weder breit noch tief/ Und dann kommt gleich Getränke Hoffmann/ Sag Bescheid, wenn du mich liebst" ("Delmenhorst"). Regener hat das Gewöhnliche zur Kunst erhoben, er lebt wie jeder sensible Mensch in der Erinnerung, aber auch in der kargen, betrüblichen Realität. Man darf bloß nicht auf den Gedanken kommen, dass es die Privatperson Regener selbst ist, die da von den Trampelpfaden der Lüge erzählt, vom Edeka des Grauens, von der ganz alltäglichen Paranoia und von den Frauen, die einen immer wieder aufs Neue verrückt machen können: "Und siehst da hin, wo ich auf keinen Fall bin/ Und verdrehst mit den Fingern dein Haar, und nur Idioten finden das wunderbar/ Ein Vollidiot bin ich gern, der letzte Verstand, da geht er/ Die letzte U-Bahn geht später, und du bist immer noch da" ("Die letzte U-Bahn geht später"). Was ist zur Musik zu sagen? "Mittelpunkt der Welt" ist nicht so düster wie "Die schönen Rosen", auch nicht so opulent wie "Romantik", aber vielleicht die Essenz dessen, was Regener und seine längst wie selbstverständlich aufspielende Band seit vielen Jahren so erfolgreich versuchen: Dem Trivialen, dem Tristen, dem Unvermeidlichen und dem Immergleichen eine Sprache zu verleihen. "Still wird das Echo sein/ Wenn die letzte Silbe verklingt/ Und du merkst, dass der Klang deiner Stimme mir/ Keine Liebeslieder mehr singt." Bei Jochen Distelmeyers Latzhose - das kann nur Sven Regener und niemand sonst. (9) Jan Wigger

Element Of Crime - offizielle Website

Devendra Banhart - "Cripple Crow"
(XL Recordings/Beggars)

Fans und Bewunderer dieses bärtigen Schrats, der unserer Vorstellung nach nur in einer feuchten, wurmstichigen Waldhütte leben kann, wo er in einem großen, rostigen Kessel bitter schmeckende Wurmsuppe kocht, werden das nicht gerne hören, aber: Devendra Banhart macht zu viele Platten. Man kommt mit dem Hören kaum noch hinterher, zumal "Cripple Crow" ein sehr langes Album geworden ist - allerdings auch ein sehr gutes. Banhart hat sich erstmals eine Begleitband eingeladen, die den oftmals eigentümlichen Kompositionen des Vielschreibers noch einmal eine ganz neue Färbung verleiht. Bossa Nova, uralte Volkslieder, Graswurzel-Folk - zu all dem jault niemand so jenseitig wie Devendra Banhart. In Pedro Almodóvars Meisterwerk "Sprich mit ihr" gibt es immer wieder kleine Interludien, in denen Caetano Veloso auftaucht und sanftmütig das Lied "Cucurucucu Paloma" interpretiert. Und der einzige Mensch, den Almodóvar damals an Velosos Stelle mit der Akustikgitarre hätte hinsetzen können, heißt Devendra Banhart. (7) Jan Wigger

Devendra Banhart - Homepage bei Young God Records

Big Star - "In Space"
(Rykodisc/Rough Trade)

Memphis ist ja ganz zu Recht für alles Mögliche bekannt, doch leider viel zu selten für die Frühsiebziger-Heroen Big Star, die einst mit der "Ballad Of El Goodo" eine der phantastischsten Country-Folk-Balladen aller Zeiten aufnahmen. Big Star sind auch die Band, der die frühen R.E.M, die Replacements und vor allem Teenage Fanclub alles zu verdanken haben. Unglaublicherweise gibt es nun nach schlappen 30 Jahren Pause ein neues Studio-Album. War "Third" aus dem Jahre 1975 schon mehr ein Solo des Sängers und Songschreibers Alex Chilton, haben Chilton und Schlagzeuger Jody Stephens diesmal wieder eine richtige Band rekrutiert: Die beiden Posies Ken Stringfellow und Jon Auer vervollständigen das Line-Up. Nun, "In Space" ist ein zweischneidiges Schwert: "Best Chance" und "Turn My Back On The Sun" sind wundervoll inspirierte, klassische Big-Star-Songs, doch speziell in der zweiten Hälfte wird zu viel Muckertum ausgestellt ("Whole New Thing"), werden sich zu viele Belanglosigkeiten ("Do You Wanna Make It") erlaubt, die Melodienfanatiker enttäuschen werden. Aber wir stellen das Album natürlich trotzdem brav ins Regal - es ist schließlich Alex Chilton. (5) Jan Wigger

Big Star - Homepage bei Rykodisc

Broken Social Scene - "Broken Social Scene"
(City Slang/Rough Trade)

Schon geht es weiter mit dem Kollektivgedanken, mit dem unprätentiös gemeinten, aber zuweilen dann doch prätentiös klingenden Kunstschaffen und dem ganzen Wahnsinn aus Montreal: Die auf Jahre hinaus unschlagbaren Arcade Fire, die zauberhafte Leslie Feist, die schwer belehrbaren Romantiker, die sich Stars nennen und natürlich Broken Social Scene, die sich die Nächte um die Ohren schlagen, weil ein Beat, eine Bläserspur oder ein signifikantes Hintergrundgeräusch noch einmal nachgebessert werden muss. Wie schon "You Forgot It In People" ist auch "Broken Social Scene" so viel Indie-Rock und so viel Underground wie überhaupt nur möglich: Schrammelig gespielte aber dennoch virtuos klingende Gitarren, mehr als genug Raum für Kontemplation ("Bandwitch") und mit "7/4 (Shoreline)" der womöglich erste kleine Hit in der noch kurzen Historie der Band. Wer schnell ist, bekommt sicher noch die limitierte Doppel-CD mit der 7-Track-EP "EP For You And Me". (7) Jan Wigger

Broken Social Scene - offizielle Website


Bewertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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