Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Fiona Apple ist eine außergewöhnliche Maschine, Michael Penn verkauft seine CDs aus dem Pappkarton, die Hansen Band ist besser als ihr Ruf, Vashti Bunyan kehrt nach 35 Jahren zurück und The Cardigans erfinden sich mal wieder neu.


Fiona Apple - "Extraordinary Machine"
(Epic/SonyBMG)

Schade, dass dieses Album schon fast drei Jahre bei der Plattenfirma auf Halde lag, bevor man sich nun endlich traute, es zu veröffentlichen. Dabei ist an den kunstvoll in sich verdrehten Kompositionen der New Yorker Songwriterin Fiona Apple eigentlich nichts Radikales - wenn man mal davon absieht, dass ihre Lieder in kaum ein gängiges Pop-Muster passen. Vielleicht war gerade das die Angst der Firma: etwas auf den Markt zu bringen, was nicht konform ist. Es gibt auch noch eine andere Variante dieser Geschichte, die aber nur auf Gerüchten basiert. Demzufolge war Miss Apple selbst Schuld an der ganzen Misere, weil sie mit den Aufnahmen, die sie wie immer mit dem Filmmusik-Komponisten Jon Brion gemacht hatte, nicht gut genug fand. Oder besser: Sie stellte fest, dass die Songs zu sehr nach Brion, und nicht genug nach Apple klangen. Also habe sie einfach - mit Hilfe des HipHop-Produzenten Mike Elizondo - wieder von vorne angefangen. Wie auch immer es war, man freut sich, nach "Tidal" (1996) und "When The Pawn..." (1999) endlich neues Material zu hören. Der bis auf zwei Songs (die von Brion übrigblieben) renovierte Apple-Sound klingt allerdings nicht unbedingt bahnbrechend neu: Ein paar moderne Rythmen hier, ein Klirren und Knacken da - ansonsten dominiert der gewohnte, Piano-getriebene Groove, über den die Sängerin ihre dunkel-kratzige, immer leicht überkippende Stimme legt. Fiona Apple, das war schon immer die coole Variante von Tori Amos, also geht es auch in den sarkastischen Texten erneut um die Fährnisse zwischenmenschlicher Beziehungen. Auch wenn sie sich in Songs wie "Window" oder "Get Him Back" wieder über die Männer und den immer gleichen Frust erbost, so ist Fiona Apple doch ein bisschen ruhiger geworden. Vielleicht hat sie aber auch nur resigniert: "Be kind to me, or treat me mean/ I'll make the most of it/ I'm an extraordinary machine", singt sie im Titelstück. Wie gut, dass dieses Album so gar nicht maschinell gefertigt klingt. (8) Andreas Borcholte

Fiona Apple - offizielle Website

Michael Penn - "Mr. Hollywood Jr., 1947"
(Mimeograph Records/Import)

Die Tatsache, dass der Autor dieser Zeilen die neue Michael-Penn-Platte vom Künstler selbst kaufen musste, spricht Bände. Michael Penn, Ehemann der spröden Aimee Mann und Bruder von Sean Penn, verkaufte "Mr. Hollywood Jr., 1947" nach einem zu Tränen rührenden Konzert in New York höchstselbst aus einem alten, rissigen Pappkarton. Wer alle fünf Penn-LPs verinnerlicht hat (und die neue ist das beste von allen), der weiß: Dieser gefühlstiefe, empfindsame und auch zynische Songschreiber mit seinen Liedern zwischen Paul McCartney, Neil Finn, Ron Sexsmith und Elvis Costello, gehört zu den Allerbesten. Man könnte "Mr. Hollywood Jr., 1947" durchaus als Konzeptalbum bezeichnen, denn Penn beschreibt hier das Los Angeles der Nachkriegsära und erdenkt Charaktere zwischen Hoffnung und Selbstaufgabe. Mit "Beautiful", "Out Of My Hands" und seinem einzigen wirklichen Hit "No Myth" hat Penn bereits Höchstes geleistet, doch nun fügt er noch "O.K." hinzu: "Trouble is that there's really not a lot of options open/ For another kind of aftermath you're hoping/ But there's nothing else that you can do to make it come true/ Make it perfect/ Make it O.K." Beschämend, aber wahr: Erhältlich bis auf weiteres nur als Import. (8) Jan Wigger

Michael Penn - offizielle Website

Hansen Band - "Keine Lieder über Liebe"
(Grand Hotel van Cleef/Universal)

Es wird aufschlussreich sein, zu sehen, wie man die Hansen Band im Gesamtkontext des Labels Grand Hotel van Cleef wahrnehmen wird: Schon Tomte und Kettcar wies man arglos dieselbe Schublade zu, weil sie zufällig beide deutsch singen, befreundet sind und bei derselben Plattenfirma veröffentlichen. Die Hansen Band nun, bekannt aus dem sehr guten, semi-dokumentarischen Independent-Film "Keine Lieder über Liebe", besteht in weiten Teilen aus Mitgliedern von Tomte und Kettcar und dem Schauspieler Jürgen Vogel. Es ist keineswegs eine Herabwürdigung, wenn man sagt, dass diese Platte auch genau so klingt. Man hört unverzüglich, dass "Frankreich" von Thees Uhlmann (Tomte) komponiert wurde und "Strand" von Marcus Wiebusch (Kettcar). "Junger Hund", das beste der zehn Stücke, stammt von Max Martin Schröder, sonst bekannt als "Der Hund Marie" beim elegischen Liedermacher Olli Schulz. Das vielleicht Erstaunlichste: Jürgen Vogel kann wirklich singen. Nicht so gut wie etwa Klaus Nomi, aber gut genug, um "Keine Lieder über Liebe" souverän über die Zeit zu retten. (6) Jan Wigger

Hansen Band - offizielle Website

Vashti Bunyan - "Lookaftering"
(Fat Cat/Pias/Rough Trade)

Immer noch schwer zu glauben, wer in den letzten Wochen und Monaten so alles zurückgekommen ist: Big Stars Comeback nach knapp 30 Jahren war schon eine mittlere Sensation, und nun folgt also die Wiederkunft der kultisch verehrten, aber wenig bekannten Folksängerin Vashti Bunyan. "Lookaftering" erscheint 35 Jahre nach ihrer nun nicht mehr länger einzigen LP "Just Another Diamond Day", die möglicherweise nur Menschen besitzen, die auch Tim Buckleys "Starsailor" oder ein Solo-Album des Beach Boys-Schlagzeugers Dennis Wilson ihr Eigen nennen. Das Album ist nicht nur eine Songsammlung von unsagbarer Schönheit, sondern auch die Rückkehr des Jenseitigen, des Unzeitgemäßen und des vollkommen Körperlosen in die Musik von heute. Wenn man "Lookaftering" hört, mit all den Streichern und Flöten und den überhaupt nicht störenden Hippie-Reminiszenzen, fallen einem lediglich zwei weibliche Stimmen ein, die mit Vashti Bunyan mithalten können: Kate Bush und Nico. Und das ist weit mehr als nur ein einfaches Kompliment. (8) Jan Wigger

Vashti Bunyan - Homepage bei Fat Cat Records

The Cardigans - "Super Extra Gravity"
(Universal)

Jetzt geht wieder alles von vorne los: Die Beteuerungen der Band, man habe sich diesmal auf die eine oder andere Art und Weise nun wirklich "neu erfunden", und die meistens zum Scheitern verurteilten Versuche der Kritiker, den Cardigans mit ihrem sechsten Album "Super Extra Gravity" noch irgendetwas Revolutionäres abzugewinnen. Besonders unangenehm, ja blamabel, wird es immer dann, wenn man in Ermangelung musikalischer Neuerungen auf die weiblichen Vorzüge von Nina Persson verweist: Lasziv, sexy, begehrenswert, sich auf dem schlimmen Cover von "Super Extra Gravity" lustvoll, wiewohl immer elegant räkelnd - inwiefern bitte ist das relevant? Wen interessiert das? Was zählt, sind die guten Songs einer guten Platte: "Losing Your Friend", "Godspell", "Don't Blame Your Daughter (Diamonds)" oder "Good Morning Joan". Aber bei aller Liebe: Geändert hat sich, auch nach dem siebten oder achten Hören wenig bis gar nichts. (6) Jan Wigger

The Cardigans - offizielle Website


Bewertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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