Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Pete Doherty und die Babyshambles experimentieren mit Lebensbrüchen, die Paddingtons liefern Punk für die Jetztzeit, A-ha geben sich gereift, Rogue Wave praktizieren soliden Indie-Pop, Gravenhurst zelebrieren die Angst.


Babyshambles - "Down In Albion"
(Rough Trade/Sanctuary, 18. November)

Wer einst die Libertines und heute Pete Doherty und seine wenig bruchfeste Band Babyshambles zu den einzig wahren Heilsbringern erklärt, muss sich unablässig entschuldigen und darlegen, warum Dohertys Junkietum, seine sprichwörtliche Unzuverlässigkeit und die Unfähigkeit, sein Leben auch nur ansatzweise auf die Reihe zu bekommen, mit seiner Genialität als Songschreiber nicht das Geringste zu tun haben. Konfrontiert mit "Down In Albion" wird der gemeine Mucker natürlich die Schlampigkeit und das Ungenaue von Dohertys skizzenhaften Aufnahmen beklagen, zuallererst wahrscheinlich den brüchigen und kränkelnden Gesang. Das soll uns hier nicht weiter stören, denn das Babyshambles-Debüt ist, bis auf den unpassenden Ragga-Track "Pentonville", wirklich großartig : So wie sich Dohertys Musik von jeher durch die Leerstellen definierte und durch das, was fehlte, lässt sich auch "Down In Albion" begreifen: Der froschäugige Kerl, den man im Indie-Volksmund nur noch "der ille Shamble" nennt, hat es nicht einmal nötig, vorzügliche Songs wie "Gang Of Gin" oder "Babyshambles" mit aufs Album zu nehmen, weil kein Mangel besteht an ruhelosen, gemütvollen und kaputten Momenten: Wie "Pipedown" losscheppert, wie der "Loyalty Song" sich selbst leicht umspielt und zwanglos die Mundharmonika erklingen lässt, und wie "Fuck Forever" umkippt und losbricht, genau in dem Moment, in dem Pete singt: "And to make you toe the line/ Sever the ties/ Because I'm so clever/ But clever ain't wise" - das finden sie momentan auf keiner anderen Platte. "Down In Albion" ist auch ein Akt der Selbstzerstörung und eine Tragödie, doch in diesen 16 schludrigen, verlebten Songs manifestiert sich auch noch etwas ganz Anderes: Die unzerstörbare Liebe zur Musik, die man Doherty durch nichts und niemanden nehmen kann. Außer durch den Tod. (9) Jan Wigger

Babyshambles - offizielle Website

The Paddingtons - "First Comes First"
(Poptones/Mercury/Universal, bereits erschienen)

Das Cover von "First Comes First" sieht aus wie eine Platte der New York Dolls, doch die Paddingtons kommen aus dem britischen Hull und haben mit Glanz und Glamour nichts zu schaffen: Schon kurz nach dem Aufstehen trinkt man nicht ungern literweise Bier und lässt nach Auftritten bis zu 30 Fans in den eigenen Hotelzimmern nächtigen. Der britischen Klatschpresse entnehmen wir, dass der dürre Paddingtons-Sänger Tom Atkin ein amüsantes Scharmützel mit Liam Gallagher hatte, der die Jungsbande nach dem ersten Hören erwartungsgemäß als "fucking awful" bezeichnete. Andererseits nahm Pete Doherty die Paddingtons mit auf Tour und erschien sogar zu den Konzerten. Was ist also dran am heißblütigen Debüt der unscheinbaren Bürschchen? "Some Old Girl", "Tommy's Disease", "Panic Attack" und "Stop Breathing" sind grandiose Sauflieder zwischen Buzzcocks, Clash und Undertones. Punk für die Jetztzeit mit der idealen Album-Länge: 33 Minuten. (7) Jan Wigger

The Paddingtons - offizielle Website

A-ha - "Analogue"
(Polydor/Universal, bereits erschienen)

Wer hätte damals gedacht, dass man sich im Jahre 2005 immer noch mit Morten Harket, Magne Furuholmen and Paul Waaktaar-Savoy beschäftigen würde. Vor genau 20 Jahren eroberten die drei Norweger mit ihrer leidenschaftlich dahingeschmetterten Single "Take On Me" die europäischen Charts - und setzten an, die skandinavischen Beatles zu werden. Immerhin: Länger als die Fab Four haben es die drei zusammen ausgehalten, wenngleich es in den Neunzigern eine längere Pause gab. 2000 folgte das große Comeback mit "Minor Earth, Major Sky", seitdem müht sich die Band redlich, an alte Erfolge anzuknüpfen. Mit "Analogue" wird es nicht gelingen, aber das schmälert die Qualität der Platte kein bisschen. Zwar nervt das offenkundige Heranrobben an britische Schmalzbrocken wie Coldplay oder Starsailor, doch wenn man den Bombast der Single "Celice" erst einmal überwunden hat, offenbaren sich Songperlen und Stillagen, die man zuvor bei Harket & Co. nicht finden konnte. Hervorstechend im schönen, ruhigen Fluss der Melancholie in der zweiten Albumhälfte: das ätherische "Over The Treetops". Radio-Hits sucht man hier vergeblich, dennoch sollte man sich dieses Albums unbedingt annehmen. Es lohnt sich. (6) Andreas Borcholte

A-ha - offizielle Website

Rogue Wave - "Descended Like Vultures"
(Sub Pop Records/Cargo, bereits erschienen)

Diese Entwicklung muss man ja auch einmal gutheißen: Noch vor ungefähr zehn Jahren war man an Schule und Universität ein Außenseiter und Sonderling, wenn man mit der neuen Built-To-Spill-Platte im Lehrgebäude erschien. Da wurde verbal auf einen eingeprügelt, zu einem akkuraten Haarschnitt geraten oder zum Besuch der "Ten Summoners Tales"-Tour von Sting. Heute hat sich das längst geändert: Auch städtische Angestellte erwarten im nächsten Jahr nichts sehnlicher als das dritte Shins-Album. "Descended Like Vultures" von Rogue Wave wird ihnen diese Wartezeit aufs Trefflichste verkürzen: Die erste Hälfte dieser Platte, besonders die drei ersten Stücke "Bird On A Wire", "Publish My Love" und "Salesman At The Day Of The Parade", sind melodieverliebter, verhallter und ganz wundervoller Indie-Pop mit Drang zum Folk, fabriziert von Zach Rogue und seiner kleinen Band aus Oakland. Zu bemängeln bleibt lediglich, dass das Album ab der Mitte ausfranst und das Songwriting nicht ganz so famos bleibt wie am Anfang - das war auf dem Debüt "Out Of The Shadow" dann doch etwas anders. (6) Jan Wigger

Rogue Wave - offizielle Website

Gravenhurst - "Fires In Distant Buildings"
(Warp/Rough Trade, bereits erschienen)

An vielen Albumtiteln lässt sich die Verzweiflung der Musiker ablesen, einem Album überhaupt einen Titel geben zu müssen. Hier könnte man nun problemlos eine Menge nationale wie internationale Negativbeispiele angeben oder aber Nick Talbots Projekt Gravenhurst ein ehrliches Lob zollen: Die hatten eigentlich immer gute Albumtitel, und besonders "Fires In Distant Buildings" klingt über sehr weite Strecken genauso, wie es heißt. Hier ist alles entzündet: Herzen, Menschen, Straßen, eingerissene Brücken und jeder Gedanke, der den Weg nach draußen findet. Mit einem Song wie "Animals", der entfernt an Pink Floyd erinnert und sogar an ein Jahrhundertstück wie "Washer" von Slint, kann Gravenhurst-Kopf Talbot tatsächlich zu Tränen rühren: Weil man die eigene Vergangenheit aufgehoben sieht in diesen zart psychedelischen, gespenstischen und lyrischen Angstliedern. So ganz nebenbei waren Gravenhurst ein Grund dafür, dass Maximo Park beim Warp-Label unterschrieben haben: Auch die Band des Jahres liebt Nick Talbot. (8) Jan Wigger

Gravenhurst - offizielle Website


Bewertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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