Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Mark Kozelek schwelgt mit Sun Kil Moon im Trübsinn, System Of A Down ziehen in den Krieg, The Chalets sind netter, als man denkt, Louis XIV treiben es zu bunt, und Elton Johns "Captain Fantastic" sollte man noch mal hören.


Sun Kil Moon - "Tiny Cities"
(Rough Trade/Sanctuary, 25. November)

Das Gefühl, dass einen beim Hören von "Tiny Cities" beschleicht, ist von Mark Kozelek durchaus beabsichtigt: Man schaut noch einmal nach, ob man wirklich alle Modest-Mouse-Platten hat und ob es vielleicht sein kann, dass man sie damals nicht aufmerksam genug gehört hat. Der Songschreiber der unvergessenen Red House Painters covert hier Modest-Mouse-Songs in einer Art und Weise, wie Chan Marshall (Cat Power) auf "The Covers Record" den Stones-Klassiker "(I Can't Get No) Satisfaction" covert: Er skelettiert, er lässt weg, er moduliert, er verändert die Melodie, er macht sich die Songs von Isaac Brocks ganz zu Eigen. Aus "Convenient Parking", einem der hysterischsten Stücke von Modest Mouses Meisterwerk "The Lonesome Crowded West", macht Kozelek einen Folk-Song mit filigranem Gitarren-Picking. Kozelek war schon immer der Meister des Trübsinns, selbst dann, als er auf "What's Next To The Moon" Songs der frühen AC/DC vollkommen neu interpretierte. Dennoch gab es bei ihm es immer auch Hoffnung und Aussicht - so auch auf "Tiny Cities". (8) Jan Wigger

Sun Kil Moon - offizielle Website

System Of A Down - "Hypnotize"
(American/Columbia/Universal, bereits erschienen)

Diese Band ungewöhnlich zu nennen, wäre stark untertrieben: System Of A Down sind nicht nur eine der wenigen verbliebenen Rockbands, die nicht zu träge sind, sich politisch zu engagieren, sie verfügen auch noch über einen einzigartigen Sound. Es ist inzwischen schon eine Weile her, dass die aus Armenien stammenden Kalifornier Serj Tankian und Daron Malakian ihren Stakkato-Metal mit dem operettenhaften Gesang erstmals einem geschockten und faszinierten Publikum präsentierten, aber die schiere Wucht, mit der diese radikale Mischung aus harten Riffs und sanftem Pop aufschäumt und brodelt, verblüfft auch auf dem inzwischen vierten Album. Die Originalität der Musik mag darüber hinwegtäuschen, dass "Hypnotize" zu den schwächeren Werken der Amerikaner zählt. Ein halbes Jahr nach dem hervorragenden Album "Mezmerize" veröffentlicht, wirkt es fast wie ein Ausschusspaket, obwohl die Band behauptet, alle Songs seien in einer Session entstanden und sollten lediglich in Häppchen verabreicht werden. Muskulöse Momente wie "B.Y.O.P." fehlen auf "Hypnotize" dennoch, gnadenlose Attacken auf Trommelfell und Gewissen sind indes vorhanden: das albtraumhafte "Dreaming" zum Beispiel oder das sozialkritische "Stealing Society", in dem es von Crackpfeifen, elternlosen Kids und dysfunktionalen Beziehungen nur so wimmelt. Das in "Mezmerize" etablierte Militär-Motiv ("Soldier Side") zieht sich wie ein roter Faden durch beide Alben. Man merkt, diese Band ist im ständigen Krieg mit der Welt. Das ist unbequem und erinnert (auch musikalisch) angenehm an die Dead Kennedys. Bei denen war es auch immer egal, wenn ein Album mal weniger aufregend war. Die Attitüde zählt. (6) Andreas Borcholte

System Of A Down - offizielle Website

The Chalets - "Check In"
(Setanta/V2/Rough Trade, bereits erschienen)

Wenn es einmal so weit ist, wenn man also diese Erde verlassen muss und über einen gesagt wird, dass man ja so ein netter Typ gewesen sei, hat man zweifellos alles falsch gemacht, was falsch zu machen ist. Wenn andererseits Art Bruts Sänger Eddie Argos sagt, die Chalets seien irrsinnig toll und man wolle unbedingt wieder mit ihnen touren, dann sollte man dieser Einschätzung unbedingt Glauben schenken. Eigentlich. Aber hier haben wir es offenbar mit einem dieser seltenen Widersprüche zu tun, denn The Chalets aus Dublin sind in Wahrheit kaum mehr als nett. Zwei Mädchen, die sich Pee Pee und Pony nennen, flöten über sehr sympathische, gefällige und fast immer harmlose Songs, die zwischen den B-52's und einer milden Ausgabe von Le Tigre oszillieren. Drei Jungs singen auch noch mit, die Gitarren schrammeln und selbstverständlich gibt es Handclaps. "Check In" ist eine dieser Platten, die man hört und sich dabei noch einmal, nur noch ein einziges Mal, ein Debüt-Album wie "Elastica" zurückwünscht. (5) Jan Wigger

The Chalets - offizielle Website

Louis XIV - "The Best Little Secrets Are Kept"
(Inkubator/Soulfood, bereits erschienen)

Eine Band wie Louis XIV, die so schlecht gekleidet, so schlecht geschminkt und so schlecht frisiert durch die Gegend läuft und dennoch in der Lage ist, ein paar Frauen aufzureißen, hat bestimmt Respekt verdient. Unglücklicherweise verspürten Louis XIV dann auch recht schnell den Drang, ihre feuchtfröhlichen Erlebnisse zu Papier zu bringen, denn Texte wollte man schon haben, sonst singt ja keiner auf dem Debüt-Album. "Finding Out True Love Is Blind", noch nicht einmal das schillerndste Beispiel der Textkunst, geht so: "Hey, carrot juice, I wanna squeeze you away until you bleed/ And your vanilla friend, well she looks like something I need/ I want miss little smart girl with your glasses and all your books/ And I want the stupid girl who gives me all those dirty looks/ Wind you up and make you crawl to me". Noch dümmlicher, noch entwürdigender ist "Paper Doll": "I said sing, sing me a song/ And bang me like the girls in Hong Kong/ I know, I know I ain't correct/ But politics are so much better when there's sex.". Natürlich ist das alles "bewusst überzogen" und alten Glamrock-Traditionen verpflichtet, alles "ironisch überspitzt", "einfach Party-Mucke" und überhaupt "alles nicht so bierernst zu nehmen". Doch der keineswegs humorlose Rezensent nimmt sich seinerseits das Recht heraus, "The Best Little Secrets Are Kept" misogyn und widerlich zu finden. Die vier Punkte gibt es übrigens für das wasserstoffblonde Louis-XIV-Mitglied, das aussieht wie eine Kreuzung aus Münchener-Freiheit-Gitarrist Aron Strobel und einem Einhorn. Und für die im Überfluss vorhandenen T.-Rex- und Rolling-Stones-Zitate. (4) Jan Wigger

Louis XIV - offizielle Website

Elton John - "Captain Fantastic And The Dirt Brown Cowboy" (Deluxe Edition)
(Mercury/Universal, bereits erschienen)

Hitparaden und Charts sind eigentlich nicht aussagekräftig, wenn es um die Qualität der Musik geht, aber als "Captain Fantastic And The Brown Dirt Cowboy" 1975 erschien, setzte es sich auf Anhieb an die Spitze der amerikanischen Billboard Charts. Was heute beinahe allwöchentlich geschieht, galt damals als Sensation: Selbst Supergroups wie Led Zeppelin brauchten ein paar Wochen in den Niederungen der Notierungen, bis sie es auf Nummer eins schafften. Elton John schaffte den Sprung an die Spitze 1975 gleich zweimal, später im selben Jahr mit dem Album "Rock Of The Westies". Aber da war eine entscheidende Phase in der Karriere des britischen Sängers Reginald Kenneth Dwight bereits zu Ende. "Captain Fantastic", ein Konzeptalbum über die frühen Tage der Songwriter-Partnerschaft zwischen Elton John und Bernie Taupin, markierte den glorreichen Endpunkt einer fünfjährigen Erfolgsserie, die 1969 mit Johns Debüt "Empty Sky" begonnen hatte. Ausgestattet mit einer Band, die die Clownerien des Sängers auf der Bühne mit stoischer Perfektion abfederte, entstanden in dieser Zeit immens erfolgreiche Meilensteine des Siebziger-Jahre-Pops und legten den Grundstein für eine inzwischen 35 Jahre andauernde Karriere. Leider stand "Captain Fantastic" stets im Schatten des opulenten Albums "Goodbye Yellow Brick Road" (1973), das gemeinhin als Elton Johns Meisterwerk gilt. Jon Landau mäkelte damals im "Rolling Stone", dass John wohl doch nur ein guter Entertainer sei, aber kein Künstler, und dass mit Songschreiber Taupin der religiöse Furor durchgehe (im Song "Tower of Babel"). Mag all das stimmen, so finden sich mit der berühmten Selbstmord-Ballade "Someone Saved My Life Tonight", dem Titelsong und dem beschwingten "Writing" dennoch einige der besten und musikalisch ausgereiftesten Taupin/John-Kompositionen auf dem Album, das nun als "Deluxe-Edition" auf 2 CDs wiederveröffentlicht wurde. Auf der zweiten CD ist erstmals der komplette Auftritt im Londoner Wembley-Stadion dokumentiert, den Elton John 1975 anlässlich der Veröffentlichung absolvierte. Der Nachteil: Booklet und Artwork wurden zwar akribisch reproduziert, doch leider ist die Schrift durch die Reduzierung auf das CD-Format so klein geraten, dass man zum Lesen der Texte und des zugehörigen Comics eine Lupe benötigt. Trotzdem lohnt sich die Revision dieser reichhaltigen Portion Bombast-Rock. Immerhin wurden die Träume von einst wahr: "Cowboy" Bernie Taupin, immer noch Elton Johns Schreiberling, hat heute eine Ranch in den USA, und "Captain" Elton ist ein schillernder Superstar geworden und bis heute geblieben. Nur von Null auf Eins, das schafft er heute wohl nicht mehr. (ohne Wertung) Andreas Borcholte

Elton John - offizielle Website


Bewertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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