Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Die Arctic Monkeys schreiben brillante Songs, Richard Ashcroft muss noch ein bisschen üben, Geka verbessert das deutsche Chanson-Renommee, Film School schauen auf ihre Schuhe, und ein Gitarrenpop-Sampler macht Lust auf neue deutsche Bands.


Arctic Monkeys - "Whatever People Say I Am, That's What I'm Not"
(Domino/Rough Trade, bereits erschienen)

Bevor wir hier wieder mal mit den Sex Pistols, The Clash, The Jam und den Smiths anfangen müssen, sagen wir es ganz schmucklos: Die Arctic Monkeys spielen Rock'n'Roll. Schade, dass der "NME" für das Debüt der pickligen, kurzhaarigen Lads tatsächlich die Höchstpunktzahl zückte und es somit auf eine Stufe mit dem Strokes-Erstling "Is This It" stellt. "Whatever People Say I Am, That's What I'm Not" ist sehr, sehr gut, aber monumental ist es nicht. Allzu rührend und beispiellos war wohl die Geschichte der extrem jungen Band aus Sheffield, die ihre Demos selbst an die Zuschauer verteilte, deren messerscharfe Songs seit Ewigkeiten im Internet zu finden sind und deren Fans, hysterisch, textsicher und beseelt, den Arctic Monkeys nachreisten, beinahe überall hin. Die Single "I Bet You Look Good On The Dancefloor" - dreist, knochentrocken großartig komponiert - wurde Nummer Eins in Großbritannien. Dennoch sollte man in Bezug auf die Arctic Monkeys eines niemals vergessen: Alex Turners Texte sind brillant! Die Kleinstadt beschreibt er im besten Song "A Certain Romance" als Vorhölle: "Well oh they might wear classic Reeboks or knackered Converse/Or tracky bottoms tucked in socks/ But all of that's what the point is not/ The point's that there's no romance around there". Alex Turner über die Seltsamkeit des Nachtlebens: "That girl's a different girl today/ Said that girl's a different girl to her you kissed last night/ You couldn't have done that on a sunday" ("From The Ritz To The Rubble"). Alex Turner über Selbstbehauptung: "Cause all you people are vampires/ And all your stories are stale" ("Perhaps Vampires Is A Bit Strong But..."). Und dann die letzten 40 Sekunden von "Fake Tales Of San Francisco": Nichts als der kurze Atem der Jugend. Und das Herz geht so lange zum Messer, bis es sticht. (8) Jan Wigger

Arctic Monkeys - offizielle Website

Richard Ashcroft - "Keys To The World"
(Parlophone/EMI, bereits erschienen)

Schon ganz gut, dass im Booklet der neuen CD von Richard Ashcroft keine Texte abgedruckt sind. Der ehemalige Verve-Sänger ist ein cooler Typ und manchmal auch ein großer Komponist, aber seine geistesschlichte Erbauungslyrik ist meistens so abgeschmackt wie ein Roman von Paulo Coelho oder Nicholas Sparks. Lauter Quark wie "I know I will survive", "Sing it to me now" oder "World keeps turning/ Everybody's learning" durchzieht Ashcrofts dritte Solo-Platte. Der Dichter selbst konzediert in "Words Just Get In The Way" einsichtig: "Since I was a child/ Words they drive me wild". Natürlich muss einer der Songs dann auch noch "Music Is Power" heißen, doch die Musik auf "Keys To The World" ist immerhin erquicklich: "Break The Night With Colour" ist Ashcrofts beste Single seit "A Song For The Lovers", auch "Sweet Brother Malcolm" und "Cry Til The Morning" erreichen planmäßiges Niveau. Die Streicher schwelgen, es gibt ein paar Schunkler, einen mediokren Rocksong ("Why Not Nothing") und Ashcrofts beseelte, biegsame Stimme. Ein harmloses Vergnügen. (5) Jan Wigger

Richard Ashcroft - offizielle Website

Geka - "Station"
(LePop/Groove Attack, 27. Januar)

Selbst Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow freut sich, "dass endlich diese schöne Platte rauskommt". Wenn das kein Qualitätsprädikat ist. Mit dem Rock des Hamburger Trios hat die 32-jährige Sängerin Geka allerdings nicht viel zu tun. Zwar war sie schon auf dem zweiten Album der ebenfalls hanseatischen Gitarrenpop-Band Go Plus zu hören (sie ist mit deren Sänger und Songschreiber Pit Przygodda verbandelt), mit ihrem Solo-Debüt geht sie jedoch ganz eigene Wege. Noch ein Gütesiegel gefällig? "Station" ist die erste nichtfranzösische Veröffentlichung auf dem kleinen Label LePop, das sich den neuen Chanson-Helden Frankreichs verschrieben hat. Gekas Debüt erscheint hier also neben Alben von Françoiz Breut oder Mathieu Boogaerts - und kann durchaus mithalten. In nur 30 Minuten werden wir auf eine zauberhaft verträumte Reise in eine Welt entführt, die mit dem nasskalten Hamburg und der Langeweile der niedersächsischen Provinz (dort wuchs Geka auf) nichts gemein hat: "Excursion Through Summerheat" heißt der ätherische erste Song, danach geht es leicht "homesick" weiter zu einem nächtlichen Halt ("Night-Stop"), bevor wir unser "Eye on the Island" werfen und schließlich dem "Superman" in die Arme fallen. Vorbilder wie Françoise Hardy und Keren Ann klingen dabei immer durch, aber die lässige Selbstverständlichkeit, mit der sich diese zarte Person hier als deutsche Chansonnière präsentiert, das macht schon Eindruck. (7) Andreas Borcholte

LePop - offizielle Website des Labels

Film School - "Film School"
(Beggars/Indigo, bereits erschienen)

Die sogenannte Shoegazer-Musik (schlechte Frisuren, Wall of Sound, beim Zeitlupentanz immer auf die eigenen Schuhe gucken) hat hierzulande nie funktioniert und wird hier auch nie funktionieren. Die Bands, die sich ganz zu Recht nicht daran stören und stattdessen den britischen Markt ins Auge fassen, kommen komischerweise aus Schweden (The Radio Dept.) oder, im Fall von Film School, sogar aus San Francisco. Das zweite Album der Amerikaner ist in Sound, Attitüde und seinem Hang zum Eskapismus ein einigermaßen naturgetreuer Nachbau von unerreichbaren Genre-Klassikern wie "Isn't Anything" (My Bloody Valentine) oder "Nowhere" (Ride). Mit "On & On", "He's A Deep Deep Lake" und der fast schon unerhörten Robert-Smith-Hommage "11:11" verzeichnen wir drei famose Stücke, aber auch Skizzenhaftes und allzu Epigonales. Um noch einmal auf The Radio Dept. zurückzukommen: Die haben den sehr viel besseren Songwriter. (6) Jan Wigger

Film School - offizielle Website

Diverse Interpreten - "Stromundgitarre. Folge 1: Let's Go Away For A While"
(Popappeal/Broken Silence, 27. Januar)

Wenn dieser Sampler zukünftig, wie im Infoschreiben zu lesen, "sicherlich in vielen WG-Wohnzimmern, Fahrgemeinschaften zum 'Immergut-Festival' und Indie-DJ-Plattenkisten zu finden" sein wird, wäre das Klischee vom eher leichtlebigen und letztlich doch recht durchschaubaren Schrammelgitarren-Nerd bestätigt. Doch "Stromundgitarre: Let's Go Away For A While" ist kaum tadelnswert: Hund am Strand, Monta, Kettcar und der olle Tilman Rossmy steuern seltene und ganz neue Stücke bei; die guten Locas In Love, The Sealevel, The Legends, die Figurines und Magnapop sind mit von der Partie. Die Idee hinter dem Projekt, für das extra die kleine Plattenfirma Popappeal gegründet wurde, war, unbekannten Bands, die per Wettbewerb auf den Sampler gelangt sind, eine Plattform zu geben. Auch eine eigene Konzertreihe wurde bereits absolviert (bereits im Januar gab es eine Festivaltour mit Hund am Strand, The Legends unter anderen). (ohne Wertung) Jan Wigger

Stromundgitarre - offizielle Website


Bewertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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