Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Belle & Sebastian werden fröhlich, Anna Ternheim ist traurig, Tilly & The Wall klingen schön schrottig, Two Gallants erzählen Geschichten, und die Talking Heads werden wiederveröffentlicht.


Belle & Sebastian - "The Life Pursuit"
(Rough Trade/Sanctuary, 10. Februar)

Prophetische Fähigkeiten braucht es da nicht: Ob nun das berückende "Funny Little Frog" oder das ganz und gar perfekte "Another Sunny Day" - der längst verdiente Welthit wird keines der beiden Lieder vom neuen Belle-&-Sebastian-Album. Auch wenn "Jonathan David", damals schlau zusammengesetzt aus der Piano-Melodie des Zombies-Songs "I'll Call You Mine", wohl auf ewig ihr schönstes Lied bleiben wird, haben die gar nicht mehr verhuschten Pop-Eklektiker aus Glasgow aber auch auf "The Life Pursuit" wieder Songs zum Niederknien verfasst: Von ermatteter Eleganz ist das wundervolle "Dress Up In You", erstaunlich vergnügt erfreuen "We Are The Sleepyheads", "Song For Sunshine" oder "Sukie In The Graveyard" alle Herzen, die gleichermaßen am Sixties-Pop wie am Motown Soul hängen. Wer hätte vor knapp zehn Jahren, als die Band gegründet wurde, an eine solche Entwicklung geglaubt? Stuart Murdoch, einst ein Meister des Verschwindens, findet inzwischen sogar Freude daran, mit Journalisten zu sprechen. (8) Jan Wigger

Belle & Sebastian - offizielle Website

Anna Ternheim - "Somebody Outside"
(Stockholm Records/Universal, bereits erschienen)

Warum werden wir eigentlich überschwemmt mit schwedischer Popmusik? Als wenn es nicht genug heimische, tschechische, holländische oder gar belgische Bands und Künstler gäbe, die international genug klingen, um sie uns um die Ohren zu hauen. Aber nein: Schweden. Gut, wenn man Anna Ternheim gehört hat, ist man darüber dann wieder gar nicht so böse. Die (natürlich) blonde Sängerin klingt so angenehm brüchig wie eine TripHop-Chanteuse aus Bristol, manchmal sogar wie Aimee Mann, freilich an einem schlechten Tag. Einige Songs dieses Debüt-Albums lagen schon eine Weile herum und warteten auf den richtigen Zeitpunkt (oder die Entdeckung durch die Plattenfirma). In diesem Fall hat sich das Cardigans-Label Stockholm Records des neuen Talents angenommen. In ihrer Heimat hat Ternheim für ihre spröde-melancholischen Popweisen, die von Sehnsucht und Einsamkeit erzählen, bereits den schwedischen "Grammy" bekommen. Und vielleicht braucht man tatsächlich diese kurzen Wintertage, dieses blasse Licht und die klare Kälte des Nordens, um so bezaubernd traurige Lieder zu schreiben. Abseits aller Schwedenschwemme: Anna Ternheim verdient es, mehr als nur Geheimtipp zu sein. (7) Andreas Borcholte

Anna Ternheim - offizielle Website

Tilly And The Wall - "Wild Like Children"
(Moshi Moshi Records/Cooperative, 17. Februar)

Das Debütalbum von Tilly And The Wall, deren Mitglieder genau die richtigen Vornamen tragen (Neeley, Jamie, Derek, Nick, Kianna), erscheint bei der kleinen Plattenfirma Moshi Moshi Records. Das muss dem ansonsten eher mit Pornos und Kampftrinken beschäftigtem "Vice"-Magazin so gut gefallen haben, dass es "Wild Like Children" mit 0 von 10 Punkten bewertete und zum "schlimmsten Album des Monats" kürte. Die Vermutung: Tilly And The Wall verursachen Ohrenkrebs. In Wirklichkeit aber sind die putzigen und schön schrottig klingenden Stücke dieses Anarcho-Quintetts durchaus angenehm und kaum gesundheitsgefährdend. Folgendes dürfte in der Zukunft beim Sprechen über Tilly And The Wall mehr als einmal festgestellt werden: Sie klingen wie Adam Greens alte Band The Moldy Peaches. Weil Tilly And The Wall aber gar nicht aus New York, sondern aus Omaha kommen, hat sogar Conor Oberst (Bright Eyes) ein bisschen mitproduziert. (6) Jan Wigger

Tilly & The Wall - offizielle Website

Two Gallants - "What The Toll Tells"
(Saddle Creek/Indigo, 17. Februar)

Eine scheinbar wirksame Methode: Wer überhaupt keine Probleme hat, macht sich selbst welche und sperrt sich zwei Wochen lang in seinem Zimmer ein, um den kompletten Backkatalog des Saddle-Creek-Labels an einem Stück durchzuhören. Hier wird gelitten, geheult, gejammert, geschluchzt und gezetert, bis die Kühe nach Hause kommen und der Krankenwagen schon die Auffahrt hochbrettert. Die Two Gallants, Adam Stephens und Tyson Vogel, gehen da noch viel weiter, vermischen auf ihrer zweiten LP "What The Toll Tells" Delta-Blues, Folk, Punk, Country, urplötzliche Lärm-Ausbrüche und unerhörte Geschichten von Zechtouren, leichten Mädchen und der Flucht vor dem Sheriff. Stephens und Vogel sind Storyteller der uralten Schule, denen der Schmutz an den Stiefeln haftet wie Erinnerungen, die man einfach nicht mehr los wird. Ein Hinweis auch an die, die sich durch jahrelangen Bright-Eyes-Konsum abgehärtet glauben: Es geht immer noch dunkler. (7) Jan Wigger

Two Gallants - offizielle Website

Talking Heads - Re-Issues
(Rhino/Warner Brothers, bereits erschienen)

Noch am geisterhaften "Cool Water", dem allerletzten Talking Heads-Song auf der letzten Talking-Heads-Platte "Naked", war die Brillanz David Byrnes abzulesen. Was für ein Leben: Vom zickigen, paranoiden und argwöhnischen Weltstadt-Intellektuellen zum scheinbar milde gewordenen Privatier, der in "Mommy Daddy You And I", ebenfalls auf "Naked", von einer Busfahrt mit der Familie erzählt. Nachdem vor gar nicht allzu langer Zeit das Box-Set "Once In A Lifetime" recht erschöpfend Auskunft über die Heads-Karriere erteilte, gibt es Byrne, Tina Weymouth, Jerry Harrison und Chris Frantz nun überarbeitet und komplett: Die unglaublichen Alben "Talking Heads: 77", "More Songs About Buildings And Food" und "Fear Of Music", der polyrhythmische und unerreichte Groove von "Remain In Light", das selbstreferentielle "Speaking In Tongues", das gloriose "Little Creatures", die kaum mehr als respektable Film-Beigabe "True Stories" und schließlich der Schwanengesang "Naked". Für Statistiker, Vernarrte und Menschen mit viel Geld und noch mehr Zeit sind folgende Informationen unerlässlich: Den acht remasterten Re-Issues wurden (teils bisher unveröffentlichte) Bonustracks sowie jeweils eine DVD mit Live-und Videomaterial hinzugefügt, auf der man das jeweilige Album auch im 5.1 Surround Sound hören kann. Doch was ist schon Technik gegen Songs wie "Crosseyed And Painless", gegen "Cities", "Uh-Oh, Love Comes To Town" und natürlich "Heaven"? Wenn David Byrne in den Himmel kommt, spielen sie dort immer noch sein Lieblingslied. (ohne Wertung) Jan Wigger

David Byrne - offizielle Website


Bewertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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