Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Jack Johnson singt Schlaflieder für kleine Äffchen, We Are Scientists rennen dem Trend hinterher, Laura Lopez Castro entdeckt Brasilien im Schwäbischen, Jason Collett schwelgt in den Siebzigern, und Josh Ritter kann es mit Ryan Adams aufnehmen.


Jack Johnson - "Sing-a-Longs and Lullabies for the Film Curious George"
(Brushfire Records/Universal, bereits erschienen)

Der Soundtrack zu einem Film, der gleichzeitig das neue Album eines Künstlers ist, dieses eigentlich schöne Konzept ist ein bisschen aus der Mode gekommen. Vielleicht, weil Elvis es in den Sechzigern mit "Blue Hawaii" und Konsorten zu Grabe getragen hat. Dass es aber immer noch funktionieren kann, zeigte vor kurzem Badly Drawn Boy mit seinem Album zum Film "About a Boy" - und nun beweist es auch der singende Surfer Jack Johnson mit seinen "Sing-a-Longs and Lullabies", die er für den Animationsfilm "Curious George" geschrieben hat. Die Geschichte des aus Afrika nach Amerika verschleppten Äffchens, dass sich die wundersame neue Welt mit großen Augen anschaut, ist in den USA ein Kinderbuchklassiker, bei uns allerdings eher unbekannt, obwohl die Cartoon-Figur in den dreißiger Jahren von einem Deutschen, dem Hamburger Hans Augusto Rey, erfunden wurde. Hans Rey und seine Frau Margret flüchteten vor den Nazis über Umwege nach New York. Jack Johnson, jener braungebrannte Hawaiianer, der selbst immer noch darüber zu staunen scheint, dass er über Nacht zum Popstar wurde, ist natürlich die beste Wahl für diesen Soundtrack. Sein sanft schunkelnder Folk-Pop ist so sonnig und wonnig wie gewohnt. Harmlos, klar, aber so sympathisch und gutherzig, dass man sich dagegen einfach nicht wehren kann. Selbst das White-Stripes-Stück ""We're Going To Be Friends" wird bei Johnson zum Schmusesong; den Klassiker "Three Is The Magic Number" deutet der Naturbursche kurzerhand zum Öko-Manifest um. Am besten aber ist Johnson, wenn er ganz auf sich und seine kleinen, kostbaren Melodien vertraut. Vor allem am Anfang des Albums knüpfen "Broken", "Upside Down" und "Wrong Turn" an den einlullenden Johnson-Sound der Alben "In Between Dreams" und "On And On" an. Ob man jetzt den Film kennt oder nicht - mit diesen Gute-Nacht-Liedern möchte man gerne in den Schlaf gesungen werden.
(7) Andreas Borcholte

We Are Scientists - "With Love And Squalor"
(Virgin/EMI, 3. März)

Das wenig gebräuchliche Wort "Squalor" im Albumtitel der We-Are-Scientists-LP bedeutet übersetzt soviel wie Schmutz oder Elend. Das wird den drei Amerikanern, denen viel an Intellekt, doppelten Böden und guter Kleidung liegt, herzlich egal sein, denn "With Love And Squalor" wird es an Erfolg nicht mangeln. We Are Scientists kommen mindestens zwei Jahre zu spät, werden aber Erfolg haben mit diesem gleichsam wissenschaftlich ausgeklügelten, gefühlsarmen Aufguss der Neo-New Wave-Welle. Doch keine Vorwürfe, denn das Reißbrett-Konzept greift: Schon die Single "Nobody Move, Nobody Get Hurt", auch nach mehrfachem Hören der ganzen Platte noch immer der beste Track, geizt nicht mit hirnlosen Sätzlein: "My body is your body/ I won't tell anybody/ If you want to use my body, go for it!". Falls wir hier keine Meta-Ebene übersehen haben, ist das Lyrik auf dem Niveau von The Bravery oder den Killers - nur dass die Typen besser aussehen. Weil Songtexte auf Indie-Tanzabenden aber eher von sekundärem Interesse sein sollen, beleuchten wir lieber mal den Kern der Sache: Die Musik erreicht reguläres Post-Post-Punk-Niveau, mechanisch wummerndes Schlagzeug, schlau gesetzte Hooks, unsteter Quengel-Gesang - sicherlich Resultate der richtigen Plattensammlung und also der richtigen Eltern. We Are Scientists machen nichts falsch, aber Seele haben sie nicht. "With Love And Squalor" ist das ganz große, keimfreie Déjà-Vu-Erlebnis für die, die noch immer nicht genug haben. Vielleicht ein knappes Jahr Spaß, und das Ding verschwindet wieder im Schrank. (5) Jan Wigger


Laura Lopez Castro - "Mi Libro Abierto"

(Soulguerilla/Four Music/SonyBMG, 3. März)

Brasilianische Klänge aus Stuttgart? Das Wunder vollbringt die Sängerin Laura Lopez Castro auf ihrem Debüt-Album "Mi Libro Abierto", was so viel heißt wie "mein offenes Buch". Zu erahnen, wovon die junge Newcomerin singt, ist indes schwer, alle Texte sind spanisch oder portugiesisch. Aber die Sprachbarriere war bei dieser Art Musik, dem sanft schwingenden Bossa Nova, noch nie ein Problem. Wie eine moderne Astrud Gilberto schwelgt Lopez Castro in den weichen Klängen, die ihr musikalischer Partner Don Philippe für sie ausbreitet. Das klingt jetzt vielleicht etwas schwülstig, aber anders ist dieser für heimische Verhältnisse geradezu exotischen Platte kaum beizukommen, die den Zuhörer tatsächlich dem tristen Februar-Grau entreißt und in eine Welt der süßen sommerlichen Melancholie entführt. Don Philippe dürfte einigen wenigen noch als Gitarrist der weltmusikalischen HipHop-Combo Freundeskreis in Erinnerung sein. Auch dessen Kopf und Sänger Max Herre hat sich bereits als eifriger Unterstützer Laura Lopez Castros betätigt, indem er einen ihrer Songs auf sein Solo-Album nahm. Das offene Buch "Mi Libro Abierto" kann man also auch als jüngsten Geniestreich des Freundeskreis- und Fanta-Vier-Labels Four Music lesen, die sich mit TempEau und Gods of Blitz nicht nur in den Pop- und Rockbereich vorwagen, sondern nun auch seelenvollen Bossa und Jazz ins Portfolio nehmen. Respekt vor soviel schwäbischer Schaffenskraft. (6) Andreas Borcholte


Jason Collett - "Idols Of Exile"
(Arts & Crafts/Rough Trade, 3. März)

Irgendwo auf dem Weg zur perfekten Komposition muss Jason Collett unbeabsichtigt oder willentlich auf "We All Lose One Another" gestoßen sein: die hohe Schule des klassischen Songwritings in gut vier Minuten. Wie von selbst erklingt bald auch noch die Mundharmonika. "Idols Of Exile" ist ein weiteres kleines Signal für die gewachsene Bedeutung kunstvoller Musik aus Kanada und erscheint auf dem unabhängigen Arts & Crafts-Label, auf dem auch Broken Social Scene zu Hause sind, bei denen Collett Gitarre spielt. Der abgezehrt wirkende Melancholiker hat Humor: Am Schluss von "Pink Night" phrasiert er wie Dylan, auf der Bühne trägt er gerne mal Admiralsjackett und Kapitänsmütze. Mit dem komplexen, luftigen Art-Pop von Broken Social Scene hat sein Album nichts zu tun: Dies hier ist eine tief in den Siebzigern verwurzelte, gut durchdachte Singer/Songwriter-Platte. (7) Jan Wigger

Josh Ritter - "The Animal Years"
(V2/Rough Trade, 10. März)

Es ist noch gar nicht so lange her, als der noch immer sehr junge, aber bereits sehr ältlich erzählende Songschreiber Josh Ritter davon sang, dass er der einzige sein wird, der jenes Mädchen nach Hause fahren wird, gegen die alle anderen Frauen nur blasse Kopien sind. Wer die Gelegenheit hatte, "Kathleen" zu hören, erhielt schon einen Hinweis auf das große Talent des literarisch versierten Cash- und Cohen-Fans aus Idaho. Auf dem liebevoll instrumentierten Country-Folk-Album "The Animal Years" gibt es Lieder, die "Wolves" heißen oder "Monster Ballads" - doch auch die handeln von kaum etwas anderem als von der Liebe. Menschen, denen beim Hören von "In The Dark" oder "One More Mouth" die unschöne Vokabel "Trauerkloß" auf der Zunge liegt, werden mit Ritter nur wenig anfangen können. Dagegen gibt es keinen Grund, warum ihn Anhänger von Ryan Adams nicht mögen sollten. Immerhin würde Josh Ritter niemals eine so alberne Brille tragen.
(7) Jan Wigger


Bewertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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