Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Die Sterne sind politisch wie nie, Placebo erleben seltene Momente der Klarheit, Graham Coxon reißt sich zusammen, The Kooks machen Brighton alle Ehre, und Motorpsycho lassen sich von Trends nicht beeindrucken.


Die Sterne – "Räuber und Gedärm"
(V2/Rough Trade, 17. März)

Die Tatsache, dass "Räuber und Gedärm" schon das achte Studioalbum der Sterne  ist, lässt die Gedanken irrlichtern: Diese Band, Frank Spilkers Texte, sein nicht kopierbarer, maximal indifferenter Gesang, Thomas Wenzels mal lakonisches, mal dringliches Bassspiel und das nur scheinbar Schludrige haben die Hamburger zu einer sogenannten Institution gemacht. Die Sterne sind wie selbstverständlich da, machen einfach immer weiter, können es sich sogar erlauben, ihrer neuen Platte einen wirklich miesen Titel zu geben. Zwar wurde das besorgniserregend verwahrloste Aussehen der Sterne-Mitglieder auf aktuellen Presse-Fotos beklagt, aber ein Politikum scheinen die Sterne irgendwie nicht mehr zu sein. Ob das die Wahrheit ist? Mehr Meinung, mehr Attitüde als vor zwei Jahren auf "Das Weltall ist zu weit" sind streng genommen gar nicht möglich. "Räuber und Gedärm" beleuchtet den Stand des Individuums in der Warenwelt und im Würgegriff seiner eigenen, meist nur schwer modifizierbaren Denkmuster. Frank Spilker, schon immer gut in Sachen Selbstbeobachtung, findet Auswege: "Ich hab keine Nerven/ Ich hab keine Nerven/ Ach Quatsch, jeder hat doch Nerven/ Und zu sagen, dass man keine Nerven hat/ Ist doch auch wissenschaftlich eigentlich nicht korrekt, oder?" ("Aber Andererseits:"). Unter den 14 Liedern befinden sich neben einem ausgesprochenen Nicht-Hit ("Der Tunnel") mit "Abends ausgehen", "Am Pol der Macht" und "Wenn ich realistisch bin" auch einige der inspiriertesten Gemeinschaftsleistungen seit "Von allen Gedanken schätze ich doch am meisten die interessanten" (1997). Trivial, aber ungemein wissenswert: Frank Spilkers Schnauzbart ist endlich ab, den trägt jetzt Schlagzeuger Christoph Leich.
(7) Jan Wigger

Placebo - "Meds"
(Virgin/EMI, bereits erschienen)

Eins vorweg: "Meds" ist das beste Placebo-Album seit dem vor nunmehr acht Jahren erschienenen "Without You I'm Nothing". Und das nicht nur, weil uns die Plattenfirma dies mit einem hymnischen Pressetext glauben machen möchte, sondern weil Über-Depressivo Brian Molko und seine Jungs sich tatsächlich mal wieder aufs Songwriting konzentriert haben, anstatt sich in sinnlosen Experimenten irgendwo zwischen Elektro und HipHop-Zitaten zu verlieren. Gleich das Titelstück macht klar, wo das Briten-Trio heute steht: "Meds" ist ein nervöser Uptempo-Song, der angenehm an den ewigen Placebo-Hit "Every You Every Me" erinnert und Molkos ganze Befindlichkeit auf den Punkt bringt: "I was alone, falling free/ Trying my best not to forget/ What happened to us, what happened to me", singt er und fragt dann ängstlich: "Baby, did you forget to take your meds" - hast Du etwa vergessen, deine Pillen zu nehmen!? Solche Momente der Klarheit, des plötzlichen Auftauchens aus dem Nebel der Drogen, mit denen der Sänger seinen Weltschmerz betäubt, gibt es öfter, am schönsten äußert sich das in "Follow The Cops Back Home", dem höchst originellen Protestaufruf eines von der Staatsmacht bedrängten Junkies. Das Düstere, Psychotische und Zerquälte bleibt also zunächst Programm bei Placebo, auch wenn sich die Band trotz neu gewonnener Kraft immer mehr an einen saturierten Superstar-Status heranrobbt. Wenn sogar R.E.M.-Boss Michael Stipe bei einem Song mitsingt, dann ist die Belanglosigkeit des Stadionrocks nicht mehr fern. Bis dahin: (6) Andreas Borcholte

Graham Coxon – "Love Travels At Illegal Speeds"
(Parlophone/EMI, 17. März)

Graham Coxons sechstes Solo-Album ist eine Abhandlung über die Beglückungen und Irrwege der Liebe, aber als solche nicht auf den ersten Blick zu erkennen: Gleich die ersten drei Songs, vom Punk infiziert und in etwa im Stil von "Freakin' Out" gehalten, erscheinen zu schroff für die Thematik, sind aber bei weitem besser als die kaputten, halbfertigen und noch von Coxons damaliger Alkoholsucht beeinflussten Skizzen auf "The Golden D". An die Rock-Songs gewöhnt man sich schnell, die wehmütigen Balladen, auf "Love Travels At Illegal Speeds" immer noch ausreichend vorhanden, kennt man. Besonders wundervoll: "Flights To The Sea (Lovely Rain)" erreicht fast die Schwerelosigkeit einer Nick-Drake-Komposition von "Bryter Layter". Auf eher Offensichtliches oder Griffiges wie "Bittersweet Bundle Of Misery" oder "Bottom Bunk" hat der ehemalige Blur-Gitarrist diesmal weitestgehend verzichtet. Aber wer einmal im Leben "You’re So Great" geschrieben und damit Syd Barrett und George Harrison in dreieinhalb Minuten zusammengefasst hat, der braucht sich um so etwas ohnehin nicht mehr sorgen. (7) Jan Wigger

The Kooks – "Inside In/Inside Out"
(Virgin/EMI, 17. März)

Das erstaunlich junge Alter der Musiker und die obligaten Elogen der britischen Bescheidwisser-Presse brauchen in Texten über die Brightoner Band The Kooks eigentlich gar keine Erwähnung mehr finden. Was dagegen unbedingt erwähnt werden sollte: Das bedauerlicherweise nur eineinhalb Minuten kurze Stück "Seaside", das "Inside In/Inside Out" ganz untypisch einleitet: Die einzige wirkliche Ballade der ganzen Platte, voller Emphase und songwriterischer Finesse. Sänger Luke Pritchard wollte "Seaside" nicht ausformulieren, weil er angeblich noch genügend andere Ideen hatte, die mindestens die erste Hälfte des Kooks-Debüts in Feuerfarben erstrahlen lassen: "She Moves In Her Own Way" ist vorzüglicher Pop, gespielt und gesungen, als wären die Kooks eine Bande Mittdreißiger. "Ooh La" lässt vermuten, dass Pritchard einer der wenigen Menschen ist, der mindestens eine Spookey-Ruben-Platte besitzt. Kann "Inside In/Inside Out" halten, was die tollen Singles versprachen? Bei der zweiten Platte wird man aus der angstvollen Frage einen Aussagesatz machen können. (6) Jan Wigger

Motorpsycho – "Black Hole/Black Canvas"
(Stickman Records/Indigo, 17. März)

Schon komisch, wie diese rechtschaffen altmodische, norwegische Band, die man als Hippies beschimpfen darf, ohne Prügel befürchten zu müssen, inmitten des Post-New-Wave-Infernos nach drei Jahren Pause einfach so ein neues Album auf den Markt wirft. Für Verdrängungskünstler: Motorpsycho ist exakt die Band, die unglaubliche Rock-Songs wie "The Golden Core", "Hey Jane" und "Starmelt, Lovelight" geschrieben hat. Die Band, die für die Wiedereinführung der Gitarre als heiliges Instrument genauso verantwortlich ist wie Sonic Youth oder die Melvins. Motorpsycho haben seit neuestem keinen Schlagzeuger mehr, doch die beiden verbliebenen Mitglieder haben einfach sämtliche Instrumente selbst eingespielt. Wie damals schon "Trust Us" oder das grandiose "Timothy’s Monster" ist auch die Doppel-CD "Black Hole/Black Canvas" ein gewaltiger, widerhallender und nicht weiter zerlegbarer Brocken, der dem ungezähmten Motorpsycho-Kosmos allerdings nichts Neues hinzufügt. Wir danken für alles und ganz besonders für "Hyena", den besten Motorpsycho-Song seit "Vortex Surfer". (6) Jan Wigger


Bewertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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