Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Mike Skinner alias The Streets bleibt der größte Checker, die Yeah Yeah Yeahs nabeln sich ab, Schrottgrenze sind angenehm unaufdringlich, die Flaming Lips werden immer bombastischer, und Calexico setzen auf Fortschritt. Abgehört - jetzt auch zum Reinhören! 


The Streets – "The Hardest Way To Make An Easy Living"
(Warner Brothers, 7. April)

Es dauert nicht einmal fünf Sekunden und die Sucht hat einen wieder: Der stumpfe, blitzende Beat, der dir in die Magengrube fährt, der satte Soul, der alle Schmerzen einfach verschluckt und das geniale Gelaber von Mike Skinner, dem der Rolls Royce auf dem Cover seiner dritten Platte ganz allein gehört und der phrasiert wie niemand sonst in England. "The Hardest Way To Make An Easy Living" ist eine Befreiung: Kein ödes Indie-Rock-Geschrammel, keine Gleichgültigkeiten, kein Kleinmut und auch kein Bad im Lärm. Skinner alias The Streets ist der größte Checker von allen geblieben: Heute schenkt er uns den gloriosen, schmerzvollen Gospel "Never Went To Church" mit der Piano-Melodie von "Let It Be" und den Nachfolger des rührenden "Could Well Be In", der hier "All Goes Out The Window" heißt.

An Songtexten generell nicht interessierte Menschen werden es verschmerzen können, auch weiterhin nicht zu wissen, dass Skinner einer der präzisesten und komischsten Literaten unserer Zeit ist: Sein Dilemma in "War Of The Sexes": "I’m not playing hard to get/ I’m planning at not gettin’ a hard-on yet". Die Kehrseite des verdienten Ruhms in "When You Wasn’t Famous": "Ah see, right, see the thing that’s got it all fucked up now is camera phones/ How the hell am I supposed to be able to do a line in front of complete strangers/ When I know they’ve all got cameras?" Und besonders köstlich: "Memento Mori/ Memento Mori/ It’s latin and it says: We must all die." ("Memento Mori"). Die Straße als Ort der totalen Erinnerung. Ein Podest für Mike Skinner! (9) Jan Wigger

Yeah Yeah Yeahs - "Show Your Bones"
(Fiction/Polydor/Universal, bereits erschienen)

"'Show Your Bones' ist das was passiert, wenn man seine Finger in eine Steckdose hält", prahlt Sängerin Karen O. im Infoblatt der Plattenfirma. In Wahrheit reicht das zweite Album der New Yorker Art-Punks Yeah Yeah Yeahs nicht ganz an die elektrifizierende Macht der Vorgänger-LP "Fever To Tell" heran, schon gar nicht an die "Master"-EP, mit der der ganze YYY-Hype einst begann. Das ist andererseits auch ganz gut so, denn wohltuend auf "Show Your Bones" ist, dass es sich deutlich von den letzten Resten der Einflüsse Jon Spencers abgrenzt. Der New Yorker Fuzzrocker hatte das Trio vor einigen Jahren in einem Punkclub entdeckt und galt fortan als Mentor. Doch mit dem neuen Album wollen die Yeah Yeah Yeahs, die sich auch noch bei diversen Seitenprojekten und Kunst-Aktionen verdingen, offenbar noch eigenständiger werden und zeigen sich von ihrer introspektiven Seite. Das gelingt zuweilen gut ("Fancy", "Cheated Hearts") und offenbart neue, bisher ungeahnte Facetten. Manchmal driftet die Band sogar in die Psychofolk-Ecke ("Sweets"), während "Phenomena" im Refrain die HipHop-Pioniere Grandmaster Flash & The Furious Five zitiert. Es sind ohnehin diese immer wiederkehrenden Grenzüberschreitungen zur Popmusik, die eine jede Platte der Yeah Yeah Yeahs zu etwas Besonderem machen. Man sucht ja immer nach der süßen Melodie inmitten des Lärmgewitters - hier wird man fündig. Auch ohne Finger in der Steckdose. (6) Andreas Borcholte

Schrottgrenze – "Chateau Schrottgenze"
(Motor Music/Edel, 31. März)

Wenn man es nüchtern betrachtet, steht die Band Schrottgrenze  aus Hamburg zwei Problemen gegenüber: Der Bandname klingt noch immer nach verschmutztem Bierdosen-Punk. Außerdem ist es immer kompliziert, im langen Schatten der vier grandiosesten deutschsprachigen Gruppen Blumfeld, Tocotronic, Kante und Element Of Crime Musik zu machen und zu texten. Gegen das unlängst vom selben Label in die Öffentlichkeit lancierte, furchtbare Jungmänner-Beschäftigungs-Programm Dorfdisko können Schrottgrenze allerdings nur gewinnen: Der etwas verschüchterte Gitarren-Pop auf "Chateau Schrottgrenze" ist angenehm unaufdringlich und leuchtet in den guten Momenten ("Nichts ist einsamer als das", "Alaska"). "Kongress" aber ist allzu bemüht, der Chor im Mutter-Cover "Wenn du da bist" verursacht körperliches Unwohlsein. Sehr schön: Der Robert-Smith-Satz "It doesn’t matter if we all die" aus "One Hundred Years" wird im kraftlosen "Zu Staub" zitiert. (5) Jan Wigger

The Flaming Lips – "At War With The Mystics"
(Warner Brothers, 31. März)

Die Flaming Lips sind unantastbar. Das planmäßige Abfeiern einer jeden Veröffentlichung der Band aus Oklahoma City gleicht einem großen Kindergeburtstag oder einem dieser erhebenden Lips-Konzerte, bei denen sich langjährige Fans in Tierkostüme zwängen und Sänger Wayne Coyne sich mit Kunstblut beschmiert. Der über alle Maßen beliebte Sänger mag ein Wirrkopf und ein Genie sein, aber niemand, niemand kann mir erzählen, dass es sich bei "Free Radicals" um einen guten Song handelt oder dass es jetzt schon wieder lustig sein soll, den Gesang zu verfremden, Krankenwagen-Sirenen zu benutzen oder seine Stücke "The W.A.N.D" oder "Pompeii am Götterdämmerung" zu nennen und letzteres mit der deutschen Nationalhymne zu beginnen. Damit genug der Kritik: Mit dem Wizard-of-Oz-Folk von "The Sound Of Failure" befindet Coyne sich eindeutig auf dem Weg zu den Sternen, und "Vein Of Stars" erreicht durchaus das Niveau vom 1999er-Album "The Soft Bulletin". Bezeichnend ist dennoch, dass der beste Song der Platte auch der reduzierteste und bombastfreieste ist: "Goin' On", ganz zum Schluss. (6) Jan Wigger

Calexico – "Garden Ruin"
(City Slang/Rough Trade, 31. März)

Selbst heute noch verwundert es, dass Calexico in einer Zeit, in der man sich den Charteinstieg noch nicht selbst zusammenkaufen konnte, mit ihrer letzten LP "Feast Of Wire" (scheußliches Cover, großartige Musik) zur Top-10-Band wurden. Die mühevolle Zeit als Geheimtipp können Joey Burns und John Convertino getrost abhaken. Genau so kristallin und beseelt wie in "Lucky Dime" und "Cruel" (bei dem Burns einfach losspielte und dabei laut eigener Aussage an Dylan und Belle & Sebastian dachte) muss diese Band eigentlich auch klingen. Die große Leistung von "Garden Ruin": Sich nicht mehr auf Tex-Mex-Sound, Gypsy Jazz und die berüchtigten Mariachis zu verlassen, sondern Entwicklung im Wandel dokumentieren, ohne die alten Anhänger zu verprellen. Gegen Ende hin bloß nicht müde werden: "Garden Ruin" endet mit dem hitzigsten und manischsten Calexico-Stück aller Zeiten. Nach diesen sechs Minuten ist die Stille ein Geschenk. (7) Jan Wigger


Bewertung: Von "0" (absolutes Desaster bis "10" (absoluter Klassiker)
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