Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Bei Blumfeld geht man auf Zehenspitzen, der neu erfundenen Jasmin Wagner möchte man ein Blümchen schenken, The Like klingen älter als sie sind, Gregor Samsa geben sich kafkaesk, und The Zutons haben mehr als ein Saxophon zu bieten. Abgehört - jetzt auch zum Reinhören!


Blumfeld – "Verbotene Früchte"
(SonyBMG, 28. April)

Jetzt geht wieder alles von vorne los: Der mittlerweile fest im Fleisch sitzende Argwohn der Enttäuschten, die Blumfeld schon seit "Tausend Tränen Tief" nur noch für eine Schlagerband halten. Die Ernüchterung derer, die in den neuen Stücken "Der Apfelmann", "Atem und Fleisch" oder "Tiere um uns" keine politische Dimension, keinen Diskurs mehr erkennen können, obwohl schon einfachste Zeilen wie "Tiere um uns/ Sind keine besseren Menschen" oder "Tiere um uns/ Was wären wir ohne sie?" nach Reflexion und Erörterung schreien. Die allgemeine Intellektuellenfeindlichkeit und das Bedauern darüber, dass Jochen Distelmeyer kein Kumpeltyp ist und Blumfeld keine Band, mit der man sich verbrüdern, in der man sich und seine Befindlichkeiten spiegeln kann. Die irreführende Vorstellung, dass Distelmeyer in seiner Freizeit mit zwei frischen "Geheimrat Oldenburg"-Äpfeln in der linken Hand und einem Raben auf der Schulter den Hamburger Tierpark Hagenbeck durchmisst.

Man kann das nach längst nicht mehr zählbaren Hördurchgängen auch einfach mal so sagen: "Verbotene Früchte" ist das Wichtigste, das Tröstlichste und das Herrlichste, was einem in diesem Jahr passieren kann. "Strobohobo" ist so brillant und dringlich wie kein anderes Stück, das Distelmeyer seit "So lebe ich" verfasst hat. Der chansoneske, achtminütige Entwicklungsroman "Der sich dachte" ist so traurig und so wahr, dass man kalte, klare Tränen weinen möchte, und "April" ist genau der Prefab-Sprout-Song geworden, den Blumfeld vielleicht immer schon mal schreiben wollten. Wie unvergleichlich Distelmeyer in "Schnee" phrasiert, wie nah das Gitarren-Picking von "Ich fliege mit Raben" an Pentangle und der Incredible String Band liegt, und auf welch traumhafte Weise der Chor in "Atem und Fleisch" den Song in zwei Hälften unterteilt, ist ohne Beispiel. "Kleines Lied, es kommt zu mir/ Kommt und will mich tragen/ Flüstert leise: Nimm es nicht so schwer!/ Und es trägt mich durch den Tag/ Fragen über Fragen/ Kleines Lied, es winkt mich zu sich her." ("Kleines Lied"). Man geht auf Zehenspitzen, man verlässt das Zimmer nicht mehr: Man möchte keine einzige Sekunde von "Verbotene Früchte" verpassen. (10) Jan Wigger

Jasmin Wagner - "Die Versuchung"
(Polydor/Universal, 15. April)

Hallo!? Jasmin Wagner? Blümchen? In dieser Kolumne! Jaja, aber Moment mal: Immerhin war Frau Wagner in den Neunzigern die erfolgreichste deutsche Künstlerin. Das ist mal ein Fakt. Dass man ihre Musik, diesen bonbonbunten, vocoderverzerrten Kinder-Techno hasste, ist ein anderes Thema. Dass man es blöd fand, dass Blümchen dann nicht mehr Blümchen sein wollte und stattdessen eine erbärmliche Casting-Show mitmoderierte - geschenkt. Jetzt ist Jasmin Wagner ein bisschen älter, bringt ihr erstes Album unter ihrem Klarnamen heraus und hat eine zweite Chance verdient. Nicht auszudenken, wie sich das Ganze anhören würde, wäre sie nicht irgendwann in ihrer Heimatstadt Hamburg dem lässigen Liedermacher Bernd Begemann und dem geschmackssicheren Produzenten Michel van Dyke begegnet. Eine geradezu undenkbare Kombination, dieses Trio - aber - tadaa! - es funktioniert. Nur knappe 40 Minuten lang ist "Die Versuchung", und fast jeder der beschwingt nach Burt Bacharach duftenden Songs ist ein Treffer. Ein angenehmes Sixties-Gefühl breitet sich aus, wenn man Jasmin so herrlich naiv über Liebe, Lust und Leid singen hört: "Männer brauchen Liebe", "Ein zerbrechlicher Moment", "Wahrscheinlich Hallo" - kaum zu glauben, alles Hits. Passend zur Debatte über die neue Bürgerlichkeit posiert sie auf dem Cover im braven Sommerkleidchen neben einem Vespa-Roller - sehr zeitgeistig. Und sogar Selbstironie hat ihr Begemann in die neuen Lieder geschrieben: Im hinteren Teil der Platte geht es um ein "neues Gefühl" und die leise Distanzierung von der fiesen Erstkarriere ("Entschuldigen Sie"). "Komm schon, werd wütend", fordert sie kokett an anderer Stelle. Und man möchte es ja, man will Jasmin Wagner nicht lieben. Man muss aber. Für die unbeschwerteste Platte dieses Sommers. (8) Andreas Borcholte

The Like – "Are You Thinking What I'm Thinking?"
(Geffen/Universal, 14. April)

Mit Mädchenbands ist es so eine Sache. Die meisten tauchen kurz auf, haben einen kleinen Hit und vermasseln es dann komplett. Bestes Beispiel: die Donnas, die auf ihren letzten beiden Alben leider gar nicht mehr so schön ruppig klangen wie früher. The Like packen es von vornherein anders an und sparen sich die trotzige Indie-Phase. Nach einigen inzwischen vergriffenen EPs erscheint ihr Debüt gleich beim Major-Label, und statt mit lauter Riot-Grrrl-Attitüde auf sich aufmerksam zu machen, glänzen die drei hübschen Highschool-Absolventinnen lieber mit gediegenem Siebziger-Sound und verträumter Flower-Power-Nostalgie. Den Willen zur Originalität bekamen sie allerdings schon in die Wiege gelegt: The Like sind die Töchter des Plattenfirmen Talent-Scouts Tony Berg, des Star-Produzenten Mitchell Froom und des Attractions-Drummers Pete Thomas. Auch hört man durchaus einige Vorbilder heraus – Bangles und Pretenders, La's und Sundays sind offensichtliche Einflüsse. Mit Hilfe von Princes Ex-Muse Wendy Melvoin, die das Ganze produzierte, gelang dem Trio ein charakterstarkes Album voll kleiner schöner Höhepunkte. Was der Opener "June Gloom" mit seiner anschwellenden Dramatik verspricht, hält der Rest des Albums zwar nicht immer ein, aber es gibt viel frisches und erstaunlich ausgereiftes Songwritertum zu entdecken, bis man vom frechen Uptempo–Rocker "Falling Away" und der elegischen Ballade "Waves That Never Break" verabschiedet wird. Wenn man nicht wüsste, dass sie so jung sind, könnte man sie glatt für alte Hasen halten. Das nächste Album wird entweder grottenlangweilig oder eine Sensation. (6) Andreas Borcholte

Gregor Samsa – "55:12"
(Own Records/Alive, bereits erschienen)

Nicht weiter kommentiert und gerade noch vor dem Album-Debüt der Grup Tekkan im Postkasten gefunden: Die überraschenderweise nur 50 Minuten lange Platte "55:12" von Gregor Samsa. Wer seine Band ernsthaft  Gregor Samsa (für komplette Nichtleser: Kafka!) nennt, kommt entweder aus Amerika oder hat früher im Musikfachblatt "Zillo" Kontaktanzeigen geschaltet, die mit der Einleitung "Ich lausche den Klängen von Umbra et Imago und Qntal" begannen. Hier ist ersteres der Fall, und "55:12" erinnert in seinem ganzen symphonischen Wahnsinn zwischen totaler Stille und freundlichem Gitarren-Lärm an das Werk visionärer Post-Rock-Heroen wie Godspeed You Black Emperor! und A Silver Mt Zion. Man kann "Young And Old" nehmen, "These Points Balance" oder das Ende des zehnminütigen "Even Numbers": Jeder Track passt präzise zum bevorstehenden Weltuntergang. (7) Jan Wigger

The Zutons – "Tired Of Hangin' Around"
(Red Ink/Rough Trade, 15. April)

Nein, auch The Zutons machen keinen "Indie-Rock", auch wenn auf "Tired Of Hangin’ Around" manchmal eine Gitarre vorkommt und die Typen nicht so bekannt sind wie etwa Miles Davis. Die Mitglieder dieses volatilen Quintetts aus Liverpool müssen schon in ihren Kindertagen den Merseybeat geliebt haben, und ganz sicher sind ihnen auch die wichtigsten Alben von, sagen wir, Pink Floyd, Sly & The Family Stone, T.Rex und den La's nicht entgangen. Zu Zeiten der ersten LP "Who Killed... The Zutons?" wurden über die Zutons vor allem zwei Dinge geschrieben: Sie würden ein Saxophon als Instrument nutzen und ihr Sound sei jenem von The Coral doch sehr ähnlich. Richtig ist: The Coral haben auch ein Saxophon und die Zutons klingen aufgekratzter, vehementer, auch weniger melancholisch als ihre Labelkollegen aus Hoylake. Nicht nur, weil "Valerie" oder "I Know I'll Never Leave" jetzt schon klingen wie ungefähr vierzig Jahre alte Klassiker: Die Zutons wurden, Klischee hin oder her, zur falschen Zeit geboren. (7) Jan Wigger


Bewertung: Von "0" (absolutes Desaster bis "10" (absoluter Klassiker)
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