Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

PeterLicht nimmt ganz entspannt Abschied von der alten Bundesrepublik, Neil Young fühlt sich von George W. Bush belogen und zürnt, Phoenix entdecken die Gitarre, Grandaddy sagen leise adé, und Islands machen Kanada alle Ehre.


PeterLicht – "Lieder vom Ende des Kapitalismus"
(Motor Music/Edel, bereits erschienen)

Man hört ja wahre Wunderdinge über diese Platte und diesen Peter Licht, oder besser durchgeschrieben und -gesprochen: PeterLicht. Früher soll er sich mal Meinrad Jungblut genannt haben, Werbetexter sei er auch mal gewesen. Weiß man alles nicht so genau. Will man es wissen? Was man weiß, ist dass er vor einigen Jahren im Video als Bürostuhl auftrat und mit der zugehörigen Single "Sonnendeck" einen Untergrund-Erfolg feiern konnte. Seitdem hat es nicht so geklappt mit der öffentlichen Aufmerksamkeit. Aber jetzt ist er zurück mit diesem Album, das bereits als bestes deutschsprachiges seit ganz langer Zeit bejubelt wird, das Beste seit "Monarchie und Alltag" und "Ich-Maschine" gar. Fest steht, ein Revolutionär ist PeterLicht nicht, auch wenn er mal eben so das Ende des Kapitalismus ausruft, wo wir uns doch alle gerade daran gewöhnt hatten, dass es zu ihm keine Alternative mehr zu geben scheint. In seinen lustig-lakonischen Liedern lässt PeterLicht die "alte Tante Wohlfahrtsstaat" zur Hölle fahren und verabschiedet sich vom Wachstumsgesetz.

Aber er sagt das alles ohne Zorn und Nachdruck - launige Behauptung statt strammer Agitprop. Im Hintergrund puckern elektronische Geräte aus dem Zeitalter des Hedonismus, alles ist so nett und sauber, so en passant und eintönig frohgemut, als wäre dem Kölner Kauz selbst der Weltuntergang egal. "Das ist das Ende/ Und ab jetzt ist es so wie immer", singt er in "Das ist unsre Zeit", an anderer Stelle mokiert er sich über den zeitgeistigen Drang, immer ganz entspannt zu sein. Keine Frage, hier ist ein begabter Aphoristiker am Werk, der seine ätzende Zeitkritik in Pusteblumen-Pop verpackt. Vielleicht ist "Lieder vom Ende des Kapitalismus" also wirklich so ein Ausnahme-Album, denn an Konkurrenz in der deutschen Poplandschaft mangelt es sehr. Während sich die einen auf die Natur besinnen, die anderen brav ihren Stiefel durchziehen und wieder andere auf softe Befindlichkeitslyrik setzen, erhebt sich mit PeterLicht eine Stimme der Verantwortung. Immerhin hat hier einer erkannt, dass sich die Zeiten geändert haben. Ganz entspannt, versteht sich. Oder besser: Beipflichten Supersagen Okayfinden. (9) Andreas Borcholte

Neil Young – "Living With War"
(Reprise/Warner Brothers, bereits erschienen)

Man wird sich ja wohl noch korrigieren dürfen: Nach dem 11. September ließ der Kanadier Neil Young die patriotischen Muskeln spielen und unterstützte den kriegstreibenden US-Präsidenten mit der Hymne "Let's Roll". Andere Musiker, darunter Steve Earle und die Dixie Chicks, setzten sich derweil mit Anti-Buch-Äußerungen- und -Songs in die Nesseln. Mittlerweile nähert sich das Kriegs-Trauma Vietnam-Ausmaßen und das Bush-Bashing ist zum Mainstream geworden. Fast exakt 36 Jahre nach "Ohio", seiner hymnischen Reaktion auf die Todesschüsse auf dem Campus der Kent State University, geht der 60-jährige Young also kein Risiko ein, wenn er auf seinem neuen Album fordert, Bush aus dem Amt zu jagen. "Let's Impeach the president" fordert Young tatsächlich im gleichnamigen Song, gefolgt von dem Pamphlet "Lookin' for A Leader". Angeblich hat der Grunge-Pate das gesamte Album in wenigen Tagen zusammengehauen, nachdem er im Fernsehen die Särge einiger im Irak gefallener Soldaten gesehen hat - und so klingt es auch: Roh und direkt, oft unfreiwillig peinlich in seinen rhetorisch ungeschminkten Protestliedern. Ebenso unverstellt wird Bob Dylan zitiert ("Flags of Freedom") und am Ende "America the Beautiful" gesungen, samt wimmerndem Chor. Neil Young hat an Bush geglaubt, hat gemerkt, dass er belogen wurde, ist wütend geworden und hat seinen Zorn in zehn Songs kanalisiert, die zum Besten gehören, was er seit Ende der Siebziger veröffentlicht hat. Zugegeben, das ist nicht weiter schwer. Ebenso leicht ist es jedoch, ihm, der einst Reagan unterstützte, dann gegen Bush Senior pöbelte, um dann dessen Sohn zu feiern, Opportunismus vorzuwerfen. Man "Living With War" vielleicht einfach als das nehmen, was es ist: Die sympathisch unkalkuliert herausgerockte Momentaufnahme eines alten, unberechenbaren Grantlers. (6) Andreas Borcholte

Phoenix – "It's Never Been Like That"
(Source/Labels/EMI, 19. Mai)

Man erinnert sich noch dunkel daran, wie Depeche Mode Anfang der neunziger Jahre ankündigten, auf "Songs Of Faith And Devotion" Ernst zu machen mit den Rockgitarren. Sie wurden dadurch zwar nicht gleich zu einer besseren Band, doch das ungehobeltere Gewand schadete dem Album auch nicht und war obendrein songdienlich. Dreizehn Jahre später haben Phoenix keine Lust mehr auf das Geschmackvolle und Luxuriöse, das speziell "Alphabetical" auszeichnete: Wenn bei "Consolation Prizes" oder "Rally" gerade einmal keiner singt und man im richtigen Moment das Zimmer betritt, glaubt man da, wo man früher an Supertramp dachte, nun einen Strokes- Remix zu hören. Die "Brutalität", die Phoenix-Sänger Thomas Mars beim neuen Material ausmacht, ist natürlich keine Pantera-Brutalität, sondern nur eine mittelschwere Modifizierung des bekannten Sounds, und sollte kaum einen Fan unwiederbringlich verschrecken. Nüchtern betrachtet ist kein Track auf "It's Never Been Like That" so gut wie die früheren Phoenix-Höhepunkte "Too Young" oder "Run Run Run", doch spielt man homogener zusammen als bisher. Sind Phoenix nun zu einer gewöhnlicheren Band geworden? Nein, sie klingen jetzt nur noch weniger französisch. (6) Jan Wigger

Grandaddy – "Just Like The Fambly Cat"
(V2/Rough Trade, bereits erschienen)

Es gibt Menschen, und vielleicht darf man sie sogar Zyniker schimpfen, die behaupten: Die amerikanische, unrasierte Indie-Institution Grandaddy hätte sich nach "The Sophtware Slump" besser auflösen sollen. Man kann diese Menschen verstehen, denn etwas Schwereloseres, Rührenderes als "He's Simple, He's Dumb, He's The Pilot" hat Grandaddy-Chef Jason Lytle später nie wieder geschrieben. Doch auch "Sumday" hatte noch tolle Momente, und nun, mit "Just Like The Fambly Cat", nimmt die hochverehrte, letztlich aber relativ erfolglos gebliebene Gruppe Abschied: Keine bittersüßen Elegien mehr, keine lustig-schrottigen Casio-Keyboards, auch nicht mehr der niedergeschlagene Gesang von Lytle, der in "Disconnecty" nicht nur seiner Mutter Lebewohl sagt: "Dearest Mom, your yearling son has sent a message through/ He's disconnected, but he still loves you...". Es bleibt diese letzte LP, die ungefähr so klingt, wie man erwarten konnte, und die Erinnerung an den in "Jed, The Humanoid" besungenen Roboter, der genau wie Grandaddy mit der Zeit immer weniger beachtet wurde, sich schließlich zu Tode trank und einfach auseinander fiel. (7) Jan Wigger

Islands – "Return To The Sea"
(Rough Trade/Sanctuary, 19. Mai)

Auf die Gefahr hin, einfach nur belächelt oder der maßlosen Übertreibung bezichtigt zu werden, muss man es in dieser Deutlichkeit aussprechen: Die Trennung von Pavement war einer der größten Verluste der letzten 20 Jahre Rockmusik. Schon die ersten zwei, drei Minuten des Islands-Stückes "Swans (Life After Death)" ruft diesen Verlust noch einmal ins Gedächtnis zurück. Das schlampige, trickreiche und erfinderische Spiel mit Popmelodien und deren Brüchen beherrschen heute nur noch eine Handvoll Bands. Islands, deren Köpfe Nick Diamonds und Jaime Tambeur noch vor zwei Jahren unter dem Namen The Unicorns die Platte "Who Will Cut Our Hair When We're Gone?" veröffentlichten, gehören in jedem Fall dazu. Aufmerksame Hörer werden nach nur wenigen Takten erkennen, dass wir es hier mit einem weiteren Kollektiv aus Montreal zu tun haben, und überdies mit von allen guten Geistern verlassenen Musikern, die ihre Songs "Where There's A Will, There's A Whalebone" oder "Don't Call Me Whitney, Bobby" nennen und neben Mitgliedern von Arcade Fire auf einem Stück auch zwei L.A.-Rapper einbinden. Und wenn Diamonds dann auf "Rough Gem" die Worte "Dig deep, but don't dig too deep/ When it's late, you'll see the whole is empty/ And oh so deadly" singt, ist dies die allerschönste Stelle auf "Return To The Sea". (7) Jan Wigger


Bewertung: Von "0" (absolute Katastrophe) bis "10" (absoluter Klassiker)

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