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Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Joanna Newsoms zweites Album ist ein Wunder, The Who klingen, als wären keine 24 Jahre vergangen, Isobel Campbell spielt Mademoiselle Windhauch, Love Is All bieten so viel mehr als Liebe, und Janka bringen Hamburger Gitarrenpop auf den Punkt.

Joanna Newsom – "Ys"
(Drag City/Rough Trade, 10. November)

Wenn man Joanna Newsoms zweites Album "Ys" in der Doppel-Vinyl-Ausgabe bemustert hätte , dann wären nach nunmehr knapp einhundert Durchläufen die Rillen so abgenutzt wie jene von "Strangeways, Here We Come" oder "After The Goldrush". Jim O'Rourke, der "Ys" abschließend mischte, kam - tief beeindruckt von der makellosen Schönheit der fünf meist sehr langen neuen Newsom-Songs - auf die glänzende Idee, die Platte nur mit einem Foto der Künstlerin zu bewerben: Über dem Foto solle "Music" stehen, darunter bloß "is back". Kann man es besser beschreiben? Verglichen mit dem bereits grandiosen Debüt "The Milk-Eyed Mender" (2004) hat Joanna Newsom den ganz großen schöpferischen Sprung gewagt: Zur Harfe und zur schönsten Stimme der Welt dirigiert Van Dyke Parks ein 30-köpfiges Orchester. Und wie die Streicher an- und wieder abschwellen, in höchsten Höhen verharren, sich im Dunkel ganz leise wieder verflüchtigen und die fantastischen, hochkomplexen und zur selben Zeit doch so einfachen Kompositionen der jungen Kalifornierin mild umspielen, ist ohne Beispiel. In Joanna Newsoms Gesang gibt es entgegen der landläufigen Ansicht keine Prätention und keine Gestelztheit: Jeder Ton, jede Silbe ist wahre Empfindung und selbstverständlich kann man "Emily", "Monkey & Bear" oder "Only Skin", falls gewünscht, auch mitsingen. "Ys" wird nicht linear, sondern mosaikförmig erzählt, ist bevölkert von Sterblichkeitsmetaphern und Betrachtungen über die Liebe und den Tod. Ein Jahr lang hat Joanna Newsom nur in diesen fünf Songs gelebt und in beinahe solipsistischer Manier an ihrem Großwerk gearbeitet und nun singt sie: "My heart is a furnace/ Full of love that is just, and earnest." Über drei, höchstens vier Platten dieses noch jungen Jahrtausends ließe sich vielleicht ähnliches sagen, nicht aber mit so großer Bestimmtheit: "Ys" ist ein Wunder. (10) Jan Wigger

The Who - "Endless Wire"
(Polydor/Universal)

Damit hätte man nicht mehr gerechnet. An die zwei Jahre ist es her, dass Pete Townsend erstmals etwas von neuen Songs murmelte. Die Band ging dann auf Tour, und man dachte: War wohl nur ein Witz, um die alten Fans neugierig zu machen. War es vielleicht auch, aber jetzt ist das erste Who-Album in 24 Jahren tatsächlich fertig - und es überrascht auf ganzer Linie. Warum? Weil es klingt, als wäre die letzte Studio-Platte "It's Hard" nicht 1982 erschienen, sondern letztes Jahr. Weil die Townsend-Riffs einen immer noch im Nacken packen, und weil Roger Daltrey sich so engagiert die Kehle wund singt, als hätte er nie im Leben Verständnisprobleme mit den inhaltlich überkomplexen Rockpoemen seines Kollegen gehabt. "Endless Wire" besteht aus zwei Teilen. Song eins bis neun sind neue Townsend-Kompositionen, die zwischen dem alten Rumpelrock ("Mike Post Theme"), der üblichen Theatralik ("It's Not Enough") und filigranem Folk variieren ("A Man In A Purple Dress"). Hier trifft also das Epochale von "Who's Next" auf das Introvertierte von "The Who By Numbers" und das Pathos von "Quadrophenia".

Teil zwei des Albums ist die Mini-Oper "Wire & Glass", die auf Charakteren aus Pete Townsends Internet-Novelle "The Boy Who Heard Music" basiert. Teile davon wurden bereits vorab als Single veröffentlicht. Allein in diesen zehn Fragmenten, die teilweise nur eine oder zwei Minuten lang sind, zeigt sich das schiere Genie des Songwriters Townsend, das sich auch nach Jahren der musikalischen Abstinenz kein bisschen erschöpft hat. In "Wire & Glass" steckt so viel Grandezza und gesellschaftspolitische Relevanz, dass man zwei Alben oder mindestens ein neues "Tommy" daraus machen könnte. Neue Musik von The Who gab es zuletzt, als wir noch keine PCs, keine Mobiltelefone und kein Internet kannten, dennoch entfachen die beiden Rock-Veteranen Townsend und Daltrey, beide über 60, zusammen immer noch mehr Energie als viele Bands, die gerade erst entdeckt haben, dass sie aus zornigen jungen Männern bestehen. Zum Abschluss so einer altknackerigen Kritik wie dieser muss natürlich noch ein Who-Kalauer her. So was wie: Die Opis sind alright. Oder: Gut, dass sie nicht gestorben sind, bevor sie alt wurden. Geschenkt. Nicht vom schaurigen Cover abschrecken lassen! (8) Andreas Borcholte

Isobel Campbell – "Milk White Sheets"
(V2/Rough Trade)

Sehr geehrte Damen und Herren! Wir melden uns in diesem Moment live von der 16. Säusel-Olympiade in Reykjavik. Soeben hat auch Cranes-Sängerin Alison Shaw ihre Sachen gepackt und somit endgültig den Weg für Isobel Campbells vierten Titel in Folge frei gemacht. Nach diesem wiederum doch sehr deutlichen Ausgang muss folgende Frage erlaubt sein: Wer kann Isobel Campbell noch stoppen? Nun, wir wissen es auch nicht. Tatsache ist: So sehr man auch an den alten Belle & Sebastian-Platten hängt, auf denen Isobel Campbell und Stuart Murdoch noch gemeinsam und schwerelos "Sleep The Clock Around" sangen, so schwer zu ertragen sind Campbells Solo-Exkursionen (das Mark Lanegan & Isobel Campbell-Album "Ballad Of The Broken Seas" ausdrücklich ausgenommen). Wenn Mademoiselle Windhauch in "Loving Hannah" a cappella tschirpt oder ihr Gezwitscher zu gediegenem Instrumentarium in "Thursday’s Child" auf acht Minuten auswalzt, wünscht man sich dringend ein Pantera-Album auf den Plattenteller. Aber wo ist "A Vulgar Display Of Power", wenn man es mal braucht? (4) Jan Wigger

Love Is All – "Nine Times That Same Song"
(Parlophone/EMI)

Bezüglich des fabelhaften Love-Is-All-Debüts "Nine Times That Same Song" sei eine Sache gleich vorausgeschickt: Uns ist keine einzige skandinavische Band bekannt, die so vollkommen unskandinavisch, so universell und so flamboyant klingt wie Love Is All. Die aufreizende, zugleich maulige Stimme von Sängerin Josephine Olausson, die entfernt an Poly Styrene von X-Ray Spex erinnert, hat genau den Sex, den Glam und das Feuer, das jemand wie Peaches gerne hätte. Und das Saxofon von Fredrik Eriksson, bei dem man ständig an 1972 und die erste Roxy-Music-LP denken muss, schlängelt sich bedrohlich und verführerisch durch zehn infektiöse Songs. Das Punk-Statement als Albumtitel ist Koketterie und gnadenlose Untertreibung zugleich: Zwischen dem Furor von "Talk Talk Talk Talk" und "Trying Too Hard" und der betäubten Schwermut in "Turn The TV Off" ist auf gut 30 Minuten Länge noch mehr versteckt. (8) Jan Wigger

Janka – "Indiearmevon"
(Decoder Records/Alive)

Platten wie "Indiearmevon" bekommt man nicht per Post geschickt, sondern zwei oder drei Stunden nach Mitternacht in einer Kneipe oder einem Club beiläufig in die Hand gedrückt. Im Jahr, in dem so viele großartige Hamburg-Alben erschienen sind, wie seit Ewigkeiten nicht mehr, haben es also auch Janka noch geschafft: "Indiearmevon" kann man ohne mit der Wimper zu zucken als liebenswürdigen Gitarren-Pop bezeichnen, der meistens den direkten Weg zur zwingenden Melodie sucht, ohne dabei vordergründig zu werden. Der Song "Punkt", der unbeabsichtigterweise genau so beginnt wie "Ich hab’s gesehen" von Kante, erzählt eine der wahrhaftigsten Geschichten über die eine, ganz besondere Frau, die man heiraten möchte, die dann aber doch lieber mit dem üblichen Motorradjacken-Langweiler durchbrennt: "Fünf Jahre auf der Warteliste und immer hätt' es werden sollen/ Und ich glaube dir ja, doch es ist auch egal/ Der Geschmack im Mund bleibt fremd/ Und die Reste schmecken schal". (6) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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