Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Rickie Lee Jones fällt aus der Zeit, Heinz Rudolf Kunze ist besser als sein Ruf, The Blood Arm kommen ganz groß raus, Polarkreis 18 harmonieren sehr hübsch, und Anna Ternheim steigert sich beängstigend - bei Abgehört zum Lesen und Hören.


Rickie Lee Jones – "The Sermon On Exposition Boulevard"
(Blue Rose/Soulfood)

Bei Wohnungsbesichtigungen und Hausbesuchen anderer Art ist es immer wieder auffallend, wie viele Musikhörer mit Liz Phair, Cat Power und Nina Nastasia in der Plattensammlung auch das erste Album von Rickie Lee Jones besitzen, auf dem die äußerst herbe Schönheit ein rotes Barrett trägt und einen Zigarillo im Mund hat. Schon vorher konnte man die Jones auf dem Cover (Rückseite!) der Tom-Waits-LP "Blue Valentine" bewundern. Natürlich hatte sie zu jener Zeit auch was mit Waits, und natürlich möchte sie, zu Recht, nicht mehr darüber sprechen. Heute hat zumindest "Tried To Be A Man" noch ein wenig von Toms Mülltonnen-Groove, dazu flüstert Rickie Lee Jones, als würde sie gerade einen Exorzismus an einer Schraubenziege durchführen. In "Road To Emmaus" ist die Stimme dann nur noch ein Jodeln, ein Wimmern, ein Verenden.

Man hätte auch nicht unbedingt damit gerechnet, dass Jones noch einmal etwas so Erhebendes (und dazu recht Simples) wie "Falling Up" oder "Circle In The Sand" gelingt. Es ist nicht so wichtig, inwieweit "The Sermon On Exposition Boulevard" nun eine Jesus-Platte ist und wo genau man sie ins Werk von Rickie Lee Jones einordnet. Man sollte bloß wissen, dass es für diese 13 Songs, die aus dem totalen Nirgendwo zu kommen scheinen, in der heutigen Zeit eigentlich gar keinen Platz gibt. Und genau deshalb sind sie so großartig. (8) Jan Wigger

Heinz Rudolf Kunze – "Klare Verhältnisse"
(Ariola/SonyBMG)

Auch in dieser Woche kann "Abgehört" nicht mit einer Andrea-Berg-Besprechung dienen. Dafür wieder einmal mit Heinz Rudolf Kunze, den nur Schlagersänger nennt, wer nichts von den tollen Alben "Reine Nervensache" (26 Jahre alt), "Eine Form von Gewalt" (25 Jahre alt) und "Der schwere Mut" (24 Jahre alt) weiß. Damals gelang Kunze das Kunststück, wortreiche und intellektuell herausfordernde Texte mit einer nicht selten anrührenden Musik zu verbinden. Später dann trat Kunze sehr gern bei Dieter Thomas Heck auf, forderte die Deutschquote fürs Radio, dozierte im Fernsehen über Tortoise und Soft Machine, biederte sich bei Blumfeld und den Sternen an und brachte noch ein paar gute ("Wunderkinder") und weniger gute ("Alter Ego") Platten heraus. Es ist wahr, dass die "Überlegungen einer reifen Frau" und "Schlaf gut" die beiden besten Kunze-Stücke seit langer, langer Zeit und so bewegend wie etwa "Man kann doch zu sich stehen wie man will" oder "Regen in Berlin" sind. Warum aber fällt Kunze auch immer wieder ins Flache und Gefällige zurück, verwendet Füllmaterial ("Biedermeier", "Die Welt ist Pop") und textet Sachen wie: "Und dann auf einmal sowas/Und dann auf einmal Du/Plötzlich geht die Sonne auf/Und ich krieg sie nicht mehr zu"? So bleibt Kunze ein weiches Ziel für die Spötter, die sich momentan über seine Teilnahme beim Grand-Prix-Vorausscheid lustig machen. Das allerdings wäre uns echt zu billig. (5) Jan Wigger

The Blood Arm – "Lie Lover Lie"
(Because/Warner)

"I'm still confused by the science of excuse", singt Nathaniel Fregoso in "Accidental Soul", dem zweiten Song auf dem Debüt-Album von The Blood Arm. Auch wenn’s eine verwirrende Wissenschaft für sich ist: Das Quartett aus Los Angeles sollte sich wirklich entschuldigen für so viel Dreistigkeit. Franz Ferdinand, die erklärte Lieblingsband der Amerikaner, trieft aus jeder Note und wird in lustig-monotonen Neo-Wave-Gassenhauern wie "Suspicious Character" ganz unsubtil zitiert. "I love all the girls/and all the girls love me", heißt es in diesem Song unbescheiden, und tatsächlich scheinen die vier das Zeug (und eine genügend große Klappe) zu haben, um in diesem Jahr aus der Masse der Retro-Bands 2.0 herauszuragen und Mädchen en Masse zu verführen. Vor allem die schnelleren Nummern, darunter das rasant dreschende "Mass Murder" und das famose "P.S. I Love You But Don't Miss You", könnten für Eruptionen auf dem Tanzboden sorgen. Wenn's langsamer wird, wie in "Angela", mischt sich eine Portion schräger Teenager-Charme Marke Adam Green in das krude Gemenge aus Wave und Glamrock, Cure und Buzzcocks. Guter Name, gute Songtitel, genügend Frechheit, coole Frau am Keyboard – der Ruhm ist nur noch Sekunden entfernt. (7) Andreas Borcholte

Polarkreis 18 – "Polarkreis 18"
(Motor/Edel)

Wenn eine noch ziemlich junge Band aus Dresden, die sich selbst den Namen Polarkreis 18 gegeben hat, nach fast vergessenen britischen Shoegazer-Gruppen, Sigur Rós, Kalkstein und Eiswüste klingt, kann das ohne Frage auch peinlich enden. Nun hat sich aber der Polarkreis-Sänger Felix Räuber (heißt wirklich so) allein schon dadurch sympathisch gemacht, dass es ausgerechnet "13" von Blur war, das ihn musikalisch endgültig auf den rechten Weg führte. Sprich: Das eine Album, für das man augenblicklich seinen Beruf aufgeben und mit den Drogen anfangen würde. "Polarkreis 18" beginnt zwar mit einem Intro, ist aber nicht prätentiös. Felix Räuber, stimmlich schon an der Grenze zum Astralleib, harmoniert sehr hübsch mit den flirrenden Streichern, den milden Beats und den hallenden Gitarren. Nur "Ursa Major", eine eher lieblose Radiohead-Kopie mit hier plötzlich nervtötendem Gesang, wäre nicht nötig gewesen. (7) Jan Wigger

Anna Ternheim – "Separation Road"
(Stockholm/Universal)

Bevor jetzt wieder die bösen Briefe kommen: Diese Zeilen hier schreibt quasi ein Feminist, der an dieser Stelle auch gar keine weiteren Worte über die äußere Erscheinung dieser schwedischen Songschreiberin verlieren sollte, außer vielleicht: Anna Ternheim sieht gut aus. Ungefähr so gut wie der leicht jazzige Acoustic-Folk auf ihrem Album-Debüt "Somebody Outside", das schon 2004 in Schweden und viel später auch in Deutschland erschien. "Separation Road" ist nun die fast schon etwas beängstigende Steigerung: Eine fragile, zuweilen dramatische und durchaus auch etwas pathetische Platte, deren Stilsicherheit einen aber buchstäblich in die Knie gehen lässt. Sicher: Ternheims Gesang ist sowieso über jeden Zweifel erhaben, doch auch alles andere an "Separation Road" ist so unglaublich taktvoll und angenehm, dass man sich ernsthaft fragen muss, ob es Menschen gibt, denen dieses Album nicht gefällt. Vielleicht meinem Cousin, der hört Hammerfall. (8) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

Mehr zum Thema
Newsletter
Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.