Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Klingt nach einer historischen Ausgabe: Jan Wigger vergibt zehn (!) Punkte für Arcade Fires Meisterwerk "Neon Bible", Andreas Borcholte enthält sich jeglicher Wertung, weil man Johnny Cash sowieso nicht auf den Punkt bringen kann.


Arcade Fire – "Neon Bible"
(City Slang/Universal, 2. März)

Die Musik von Arcade Fire kommt von nirgendwo her und will nirgendwo hin. Musik als schwarze Messe, die immer wieder ins Religiöse und Sakrale kippt, die die Schlinge um den Hals noch fester zuzieht als auf dem Klassiker "Funeral". Musik die, nunmehr folgerichtig, in einer kleinen Kirche nahe Montreal aufgenommen wurde. Beinahe alles, wozu eine halbwegs populäre Band in der heutigen Zeit überhaupt noch in der Lage sein kann, findet sich auf "Neon Bible", dem Buch mit den elf Siegeln, der heiligen, in Tränen getrockneten Schrift und den Songs von unsagbarer Schönheit. "Keep The Car Running", "Ocean Of Noise" und "Windowsill", vor allem aber das begnadete "Intervention" fassen auch ans kälteste Herz: "Working for the church while your life falls apart/ Singin’ Hallelujah with the fear in your heart/ Every spark of friendship and love will die without a home/ Hear the soldier groan, 'We’ll go at it alone'."

Dazu die Arcade-Fire-Violinen, Win Butlers seltsam erbitterte Stimme und Mauern aus Gram, niedergerissen wie Dominosteine. Man weiß nie so genau, ob es nun das dunkle Jubilieren von Butlers Frau Régine Cassagne ist, die geradezu dramatische Wendung in einem Stück wie "Black Wave", die wundervolle Neubearbeitung von "No Cars Go" oder das Konzept Arcade Fire, das funktioniert wie ein Geheimzirkel, zu dem nur Eingeweihte Zutritt haben: Was macht Arcade Fire so kostbar? Die Lösung sitzt wie immer im Kopf: "My body is a cage/ That keeps me from dancing with the one I love/ But my mind holds the key." Ein Licht im Winter, so verlässlich wie der nächste Kummer. (10) Jan Wigger

Kaiser Chiefs – "Yours Truly, Angry Mob"
(Polydor/Universal)

Falls dieses Argument jetzt kommen sollte: Wir werden das zweite Kaiser-Chiefs-Album nicht runterschreiben, weil verschiedene Geschmackspolizisten im Feuilleton beschlossen haben, dass es im Jahr 2007 uncool ist, noch immer die Kaiser Chiefs zu hören. Nein, nach fünf Tagen meist quälender Beschallung mit "Yours Truly, Angry Mob" muss man leider sagen: Als denkender Mensch ist es immer uncool, die Kaiser Chiefs zu hören. "Everything Is Average Nowadays" beschweren sich die Hobbytrinker in einem Song gleichen Namens und liefern selbst nichts als redundante Durchschnittsware fürs Bierzelt, den Autoscooter oder die Schwimmbad-Disco mit Alcopops-Besäufnis in Walsrode ab: Die Schweineriffs in "My Kind Of Guy", die trostlosen Mittneunziger-Blur-Nachbildungen, die Breaks, die mal bei den Äonen besseren Maximo Park, mal bei Franz Ferdinand geklaut wurden, und letztlich auch die Ballade ("Learnt My Lesson Well"), ein armseliger Versuch, auf Housemartins zu machen – bis auf drei, vier Stücke klingt alles auf "Yours Truly, Angry Mob" unvorstellbar kalkuliert, wahnsinnig öde und abgeschmackt. Dass man von Typen wie den Kaiser Chiefs keine sogenanntes "ernste" Platte mit Sentiment und lyrischer Tiefe erwarten kann, ist schon klar. Aber Kids, dann kauft halt doch lieber Mando Diao. (4) Jan Wigger

Rose Kemp – "A Hand Full Of Hurricanes"
(One Little Indian/Rough Trade)

Für die recht vorhersehbare Erkenntnis, dass es unzählige Mädchen und Frauen gibt, die selbst keinerlei Platten ertragen, in der ein Mädchen oder eine Frau den Gesang bestreitet (weil das so "anstrengend" ist), braucht es keine ausführliche Feldstudie. Aber wäre eine ideale Welt, in der sich schon Achtklässlerinnen Rauschebärte ankleben und Sandy Denny oder Judee Sill auf dem iPod hören, nicht auch ein bisschen langweilig? Rose Kemp, Anfang 20 und qua Geburt mit den britischen Folkies Steeleye Span verbandelt, könnte es bei der weiblichen Hörerschaft einfacher haben: Sie wimmert nicht, sie quäkt nicht und eigentlich schreit sie auch nicht. "A Hand Full Of Hurricanes" wird gern an den unwahrscheinlichsten Stellen von roh angeschlagenen, verzerrten Gitarren durchfahren, und Rose Kemp singt dazu in etwa so wie Shannon Wright, auch wie Chan Marshall in einer Zeit, in der die Klagelieder von Cat Power bei aller Stille noch explosiv und gefährlich waren. (8) Jan Wigger

Herman Dune – "Giant"
(Labels/EMI)

Wer es sich trotz Underground-Status leisten kann, abwechselnd in Berlin, New York und Paris zu wohnen und Platten unter den Monikern The Fountain Boats, Ben Haschish oder Klaus Bong veröffentlicht zu haben, der hat es gut getroffen. Auf den Vielschreiber Herman Dune (der auf der letzten, großartigen LP "Not On Top" noch Düne hieß) trifft all dies zu, auch das Klischee, dass nette Kiffer-Typen, mit denen man nach dem Konzert trotzdem keine Hasch-Zigarette rauchen möchte, inflationär als "liebenswürdig" bezeichnet werden. Trotz neuer Percussion-Sektion und sehr viel Bongo-Getrommel walzen Songs wie "No Master" oder "I'd Rather Walk Than Run" die eigene Niedlichkeit doch etwas zu deutlich aus. 16 Songs ähnlicher Textur sind etwas zu viel, "Giant" insgesamt ist nicht so toll geworden wie "Not On Top". Aber wie gut hätte "I Wish That I Could See You Soon" zu Jared Hess' Film "Napoleon Dynamite" gepasst! Vielleicht mal Jonathan Richman ein Exemplar schicken. (6) Jan Wigger

Johnny Cash – "The Sun Outtakes"
(Bear Family Records)

Etwas mehr als drei Jahre ist der Mann jetzt tot, aber man hat das Gefühl, er wäre nie von uns gegangen. Johnny Cash hat Zeit seines Lebens sehr viele Platten veröffentlicht, manchmal gab es sogar mehrmals im Jahr mehrere Veröffentlichungen. Und das ist auch so geblieben. Denn seit September 2003 werden die Archive nach und nach geleert, Tonbänder werden gesichtet auf der Suche nach Material, das sich – nun ja – zu cash machen lässt. Ein echtes Highlight im Reigen der zahlreichen Archiv-Veröffentlichungen und Best-of-Compilations ist jetzt bei der deutschen Firma Bear Family Records erschienen, die sich auch international mit opulent ausgestatteten Repertoire-Anthologien einen Namen gemacht hat. In der Reihe "Outtakes" erschienen bereits die gesammelten frühen Studio-Aufnahmen der Everly Brothers und der Rockabilly-Sängerin Janis Martin. Mit den kompletten Aufnahme-Sessions, die Johnny Cash in seiner ersten Karriere-Hochphase zwischen 1955 und 1958 in Memphis bei Sam Philips im Studio aufgenommen hat, ist den Musik-Archivaren aus Holste-Oldendorf jetzt der ganz große Wurf gelungen – für Sammler und Festischisten, versteht sich. Denn wer sich vier verschiedene Versionen von "Folsom Prison Blues" oder gar zehn von "Don’t Make Me Go" zwecks Vergleich hintereinander anhört, der muss Johnny Cash schon sehr lieben. Aber die Geste zählt: Erstmals sind die ganz frühen Klassiker des "Man in Black" hier auf drei CDs versammelt, teilweise sind "Alternative takes" enthalten, die noch nie vorher zu hören waren; als Bonus gibt es ein 20-seitiges Booklet mit bisher unveröffentlichten Bildern. Cash-Nirvana! (ohne Wertung) Andreas Borcholte


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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