Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Eine Glückssträhne bescheinigt Andreas Borcholte dem guten Barden Grönemeyer, der sich mit seinem neuen Album "12" ganz tief in die deutsche Seele singt. Jan Wigger staunt stattdessen über Manowars neue Schlachtplatte und die Vielseitigkeit von Kante.

Herbert Grönemeyer - "12"
(EMI)

Zum neuen Grönemeyer-Album ist eigentlich schon fast wieder alles gesagt worden, obwohl es gerade mal seit ein paar Tagen erhältlich ist. Der Barde aus Bochum wurde als "Hymnendichter der Nation" gefeiert ("Die Zeit") und zum "Super-Herbert" erhoben ("Stern"). Das schlicht "12" betitelte Album ist ein Ereignis, das wichtiger als Krippenplätze und Klimawandel zu sein scheint. Und warum? Weil Herbert Grönemeyer tatsächlich wie kein anderer dem Deutschen aus dem Bauch spricht. Mit Pop und Rock, also modischer Avantgarde, überhöhtem Stilwillen und Rebellenpose hat das alles nichts zu tun. Grönemeyer betätigt sich spätestens seit seinen Flut- und WM-Hymnen als Volksdichter mit moralischem Imperativ. Da ist inzwischen sogar Kontinuität erkennbar: Im Sommer hatte er gefordert, dass sich "was drehen" soll, jetzt beklagt er in seiner Bestandsaufnahme "Flüsternde Zeit", dass die Politiker nichts aus der Fußball-Euphorie gemacht haben. Sie stehen "ohne Idee im Abseits", während "wir" die Wende wollen. Dieses "wir" ist wichtig, denn Grönemeyer spricht nicht nur zu uns und über uns, er spricht auch mit uns.

Gerade er, der einst von Wiglaf Droste gescholten wurde, nicht tanzen zu können, fordert nun "Kopf hoch, tanzen" und fragt, der zerquälten deutschen Homo-faber-Seele schmeichelnd: "Ist Ingenieur sein nicht glamourös?" Genau in dieser Affirmation des teutonischen Schwermuts liegt der Schlüssel zu Grönemeyers Erfolg: Der tickt wie genau so humorlos und uncool wir, also darf er uns auch den Spiegel vorhalten. Und uns in den Hintern treten. Und das darf ja schließlich nicht jeder. "12" ist deshalb noch lange kein Meisterwerk, eigentlich ist es sogar ein Grönemeyer-Album wie jedes andere. Es gibt die üblichen Besinnungsstücke, diesmal mit Beatles-Chören und Elton-John-Grandezza garniert ("Leb in meiner Welt", "Liebe Liegt nicht"), es gibt aber auch ein paar Überraschungen: "Ohne dich" zum Beispiel, das - sehr lustig - nicht das erfüllt, was man erwartet; und "Spur", wo der Wahl-Londoner Grönemeyer sich ganz flott dem treibenden Soulrock Paul Wellers annähert. Ansonsten nervt das zunehmend Sakrale etwas, wenn sich der Sänger nach dem "Stück vom Himmel" sehnt und warnt: "Beschütze deine Seele vor dem Ausverkauf". Aber auch das ist Zeitgeist. Und den hat er mal wieder getroffen. Unser Herbert. Die alte Glückssträhne. (7) Andreas Borcholte

Manowar – "Gods Of War"
(Magic Circle Music/SPV)

Eine sichere Sache: Wir nennen die Songtitel, Sie raten die Band: "Overture To The Hymn Of The Immortal Warriors". "King Of Kings". "The Blood Of Odin". "Army Of The Dead, Part II". "Die For Metal". Ganz recht: Es kann sich nur um Manowar handeln, deren unheilige und unsterbliche Verdienste um den sogenannten "True Metal" wir an dieser Stelle noch einmal dezidiert und ganz unironisch würdigen wollen: Mindestens "Black Wind, Fire And Steel", "The Oath", "Hail And Kill", "Wheels Of Fire", "Carry On" und natürlich "Battle Hymn" lassen noch heute alle Whimps und Poser angstbebend den Raum verlassen. Die nur sehr schwer ernst zu nehmende Botschaft des ewig die Schwerter kreuzenden, von Phänomenen wie dem Feminismus und bekleideten, gar berufstätigen Frauen gänzlich unberührten Männerordens bleibt auch mit "Gods Of War" redundant: Immer schön den Hodenschutz überstreifen, seinen riesigen Schwanz zum Einsatz bringen, das Wild erlegen, die Pferde satteln, Odin gedenken, Blut vergießen und vom Schlachtfeld aus mal eben zu Hause anrufen, ob das Essen schon fertig ist. Auch "Gods Of War" ist wieder eine unbedingt vergnügliche, teils erstaunliche, teils hochnotpeinliche Manowar-Platte mit klaren Hits wie "Sleipnir", "Blood Brothers" und "Loki God Of Fire" geworden. Sämtliche Texte sind im Booklet in Runenschrift (sic!) abgedruckt, die Legende erklärt fürs Verständnis essentielle Begriffe wie Vieh, Gott, Heil, Ritt oder Ruhm. Ende März keinesfalls verpassen: Die wie immer lauteste Deutschland-Tour der Welt. (5) Jan Wigger

Kante – "Kante Plays Rhythmus Berlin"
(Labels/EMI)

Mit jedem weiteren Kante-Album wird offensichtlicher, warum Peter Thiessen damals Blumfeld verlassen musste: Die Musik von Kante hat mit der von Blumfeld so gut wie gar nichts mehr zu tun. "Kante Plays Rhythmus Berlin" ist ein durchweg hervorragendes Album geworden, dessen überraschende Entstehungsgeschichte schnell erzählt ist: Der Operndramaturg Jan Dvorak, der schon an Kantes letzter LP "Die Tiere sind unruhig" mitarbeitete, bat Thiessen um Texte für das Revue-Theaterstück "Rhythmus Berlin", das unlängst im Berliner Friedrichstadtpalast Premiere feierte. Thiessen, der scheinbar ohne Schlaf auskommt, schrieb daraufhin traumhafte, hypnotisierende Stücke wie "Ich schlag nicht mehr im selben Takt", "Du hältst das Fieber wach" oder "Der Rhythmus einer großen Stadt". Jahrmarktmusik ("Die alten Gespenster"), Riff-Rock ("Wer hierher kommt will vor die Tür)" oder chansoneskes Liebeslied ("Trotz all der Zeit") – Kante beherrschen alles und haben zudem etwas geschafft, was zuletzt nur Tocotronic und, ähem, den Beatles gelang: Zwei großartige Platten in einem guten halben Jahr. (8) Jan Wigger

Malcolm Middleton – "A Brighter Beat"
(PIAS/Rough Trade)

Eine Platte, die genauso klingt wie die Rückseite ihres Covers: Ein feuchter Rasen im Park, ein regennasser Pfad, der genau dort enden wird, wo er anfing, und eine Spiegelung im Wasser, deren Konturen auf einen schottischen Trauerkünstler schließen lassen: Malcolm Middleton. Beim hundemüden und kürzlich aufgelösten Post-Folk-Duo Arab Strap schien er nicht ganz so deprimiert zu sein wie Sänger Aidan Moffat, für seine dritte Solo-LP "A Brighter Beat" hat er sich hübsche Songtitel wie "We’re All Going To Die", "Fuck It, I Love You" oder "Up Late At Night Again" ausgedacht. Die Musik dazu ist vielleicht zuversichtlicher, als alles, was Arab Strap je gemacht haben: "Somebody Loves You" hätte Syd Barrett gefallen, "Death Love Depression Love Death" beginnt als Akustik-Ballade und wird dann jäh von einem Metal-Riff unterbrochen. Unschlagbar: Der schottische Akzent, der nirgends so stark ist wie bei Middleton. (7) Jan Wigger

Flowerpornoes – "Wie oft musst du vor die Wand laufen bis der Himmel sich auftut?"
(V2/Rough Trade)

So kommt Geschichte zu sich, so macht der Satz, dass alles mit allem zusammenhängt, auch mal wieder Sinn: In den Momenten, in denen Tom Liwa im Song "Rock'n'Roll" die Zeilen: "Hier kommst du/ Und hier komm’ ich/ Ich sing' was ich weiß/ Sing du's für mich/ Mach dich bereit/ Du Welt voller Wunder/ Hier kommt dein Liebhaber/ Hier kommt Rock'n'Roll" singt, bekommt man noch einmal eine Ahnung davon, wie Blumfeld-Sänger Jochen Distelmeyer, Tilman Rossmy (Die Regierung) und Liwa sich Anfang der Neunziger gegenseitig beeinflusst haben könnten. Die wiedervereinigten Flowerpornoes, vor nunmehr 13 Jahren mit "...Red' nicht von Straßen, nicht von Zügen" auf dem Zenit ihres Schaffens gewesen, haben über ein Jahrzehnt nach ihrer letzten Platte "Ich & Ich" ein vehementes, gemütvolles und selbstverständlich poetisches Spätwerk aufgenommen, das frei von Szenezwängen und Diskurs-Attacken funktioniert. Lustig: Die Geschichte mit der "Zahnarzttochter" als Freundin, in deren Elternhaus sich doch tatsächlich eine Fußbodenheizung befand, hat der Rezensent selbst so erlebt. (7) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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