Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

An die seligen Libertines fühlt sich Jan Wigger angesichts des Debüts der britischen Gassenrocker The View erinnert, während er den Hamburger Diskurspoppern Blumfeld hinterhertrauert. Andreas Borcholte lässt sich lieber von !!! und LCD Soundsystem hypnotisieren.


The View – "Hats Off To The Buskers"
(1965 Records/Red Ink/Rough Trade)

Das äußerst langweilige Lamento von moribunden Stones- oder Clash-Fans, man habe Musik wie diese ja "schon viel früher und viel besser" gehört, ergibt bezüglich einiger Tunes auf "Hats Off To The Buskers" zwar endlich einmal Sinn, dürfte sich aber ausnahmsweise eher auf die jüngere Vergangenheit beziehen: Wenn The View, vier mit hoher Wahrscheinlichkeit gerade erst der Minderjährigkeit entwachsene schottische Bahnhofskinder mit den gesetzlich vorgegebenen Indie-Haarschnitten, einen Song "Skag Trendy" nennen und es kaum einen Unterschied zu einer Libertines-B-Seite gibt, ist das schon eine Frechheit. Auch "Wasteland" schrammelt in der Strophe beinahe schon persiflierend am Chaos-Couple Doherty/Barat vorbei, doch ein beträchtlicher Teil vom Rest ist ordentlich ramponierter, erstaunlich dekadenter und insgesamt sehr guter UK-Garagen-Pop-Rock, auch mit überraschenden, sogenannten "reifen" Stücken wie "Claudia". Das Beste an The View: Sie spielen jetzt schon wie eine Band, die sich nach maximal zwei Alben wieder aufgelöst haben wird. (7) Jan Wigger

LCD Soundsystem - "Sound of Silver"
(DFA/Labels/EMI)

Punk ist nicht tot, er klingt nur anders. Es ist nach wie vor schwer in Kategorien zu fassen, was James Murphy, alter Veteran amerikanischer Punk-Combos wie Pony und Speedking, da als LCD Soundsystem zusammenbraut. Elektronica muss man es wohl mangels anderer Begriffe nennen, obwohl Rock, House, Pop und Elektroclash munter durcheinander wirbeln. War man vor zwei Jahren, als das Debüt-Album des Musikers und Produzenten erschien, noch schlichtweg überrascht von so viel Chuzpe und kongenialen Schrammelgrooves wie "Daft Punk Is Playing At My House", erwartet man vom neuen Album natürlich mehr. Murphy nimmt es offensichtlich gelassen und beginnt mit einer Geste der Harmlosigkeit: "Get innocuous", "sich unschädlich machen" auf Deutsch, wartet mit fiesem Minimal-House und gespenstischen David-Bowie-Gesängen auf, die natürlich vom Stimm-Chamäleon Murphy höchstpersönlich stammen.

In Track zwei wird es dann funky, aber der Ton bleibt sehr zeitgeistig Achtziger-Jahre-lastig. In "North American Scum" erzählt Murphy dann über einen hysterischen Elektropunk (mit geklautem "Lowdown"-Unterbau von Wire) erstmal die ganze Wahrheit über seine Landsleute. Und so geht das flirrend und mit gelegentlichen Ausflügen ins Human-League-Lager weiter, bis Murphy sich am Ende mit "New York, I Love You But You're Bringing Me Down" zum Slacker-Sinatra stilisiert. Alles nur geklaut? Schon. Aber der manische Groove, die ganze anarchische Entschlossenheit, mit der James Murphy hier versucht, alten Vorzeichen neue Bedeutungen zu geben, imponiert und geht in den Kopf. Vor allem aber in die Beine. (8) Andreas Borcholte

Hanne Hukkelberg – "Rykestrasse 68"
(Nettwerk/Soulfood)

Mit einem Album-Titel wie "Rykestrasse 68" reißt Hanne Hukkelberg natürlich nicht gerade die Wurst vom Teller. Doch der seltsam erotische, angejazzte und manchmal lähmend langsame David-Lynch-Folk der norwegischen Fellkapuzenfrau ist auch auf der zweiten LP mehr als ausgefallen: Weingläser, Geschirrspülbürsten und eine Geister-Schreibmaschine gehören zum Instrumentarium von Hanne Hukkelberg, die gerüchteweise zwei ganze Jahre lang Zeit hatte, Oslo mit dem Fahrrad zu erkunden – auf der Suche nach Ideen und Erleuchtung. "Break My Body" ist die wohl beste Coverversion eines Pixies-Songs überhaupt: Mit Horrorfilm-Akkordeon und Glockenspiel legt sie den manischen Kern des Black-Francis-Originals noch einmal frei und gibt der Zeile "I'm a building jumper/ Roof to roof/ You see me flying in the air" eine neue, schaurige Qualität. (8) Jan Wigger

!!! - "Myth Takes"
(Warp/Rough Trade)

Die drei Fragezeichen? Nee, die drei Ausrufezeichen! Ausgesprochen wird das übrigens mit drei identischen Silben freier Wahl. Also Peng Peng Peng, Piep Piep Piep - oder Chk Chk Chk, was sich inzwischen als Bezeichnung dieser merkwürdigen Band aus Sacramento, Kalifornien eingebürgert hat. Band? Kollektiv müsste man das wohl eher nennen, denn die acht Mitglieder von !!! verschanzen sich gerne mal wochenlang in einem Haus abseits von Nashville, wo es noch nicht mal eine Kaffeemaschine gibt, um über neuen Song-Ideen zu brüten. Das Ergebnis solch mönchartiger Experimente ist auf "Myth Takes", dem dritten Album der Gruppe, zu hören. Da paart sich treibender Disco-Punk mit Spaghetti-Western und Carpenter-Soundtracks, Talking Heads mit Residents, Devo, Krautrock und Pink Floyd zu einem irre verkopften Gebräu, das in Indie-Postillen von Seattle bis Köln bereits als nächstes großes Ding gefeiert wird. Tatsächlich sind die präzisen, treibenden Funkbässe von Songs wie "Heart Of Hearts" oder "Must Be The Moon" so bestechend, dass man das Artifizielle und Nerdige der ganzen Angelegenheit vor lauter Tanzen und Schwitzen glatt vergisst. Das britische Label Warp (Squarepusher, Maximo Park) zeigt sich mal wieder von seiner innovativsten Seite und wartet mit einem der faszinierenden Sounds des Jahres auf. Nach !!! kommen Anfang April aber auch noch Battles aus Brooklyn mit ihrem ersten, manisch-mathematischen Album. Bis dahin nehmen wir gerne mit dem hypnotischen Wahnsinn der drei Ausrufezeichen Vorlieb. (8) Andreas Borcholte

Blumfeld – "Ein Lied mehr – The Anthology Archives Vol.1"
(Blumfeld Tonträger/Indigo)

All die Holzköpfe, denen Jochen Distelmeyer nie hip genug war, weil er zu viel Stil hatte, zu viel wusste, zu viele Bücher gelesen hatte, mit mindestens drei Alben der Zeit vorauseilte, George Michael und einige Songs der Münchener Freiheit bewunderte, immer die richtigen Entscheidungen traf, Privates mit Politischem verband und zuletzt die wundervollsten Lieder über Flüsse, Schneelandschaften und freies Schweben verfasste, dürfen sich jetzt auf die Schenkel klopfen: Der Dichter Distelmeyer hat den Kreis geschlossen und Einsicht in die Notwendigkeit gezeigt: Blumfeld sind Geschichte. Über die revolutionären ersten drei Alben "Ich-Maschine", "L'Etat et Moi" und "Old Nobody", nun zusammengefasst auf dem Box-Set "Ein Lied mehr – The Anthology Archives Vol.1", noch viele Worte zu verlieren, hieße, Äpfel auf den Hamburger Wochenmarkt zu tragen: Distelmeyer hat Gefühle fassbar gemacht, eine Sprache gefunden, die allenfalls schwächlich imitiert werden kann, und mit der Idee und dem Kosmos Blumfeld vor allem eines deutlich gemacht: Musikalische, textliche und stilistische Begrenzungen oder Coolness-Codes hat es bei dieser Gruppe zu keiner Zeit gegeben. Zugaben: Ein Konzert-Mitschnitt aus Wien, ein paar neue Versionen sehr alter Songs und das Cohen-Cover "The Law". Das zur Fußball-WM entstandene, bittere Folk-Stück "Deutschland der Deutschen" beschließt das Werk der Gruppe Blumfeld: "Jubel ertönt, das Spiel ist vorbei/ Die Sieger, sie zieh'n durch die Straßen/ Das Volk ist versöhnt und wiedervereint/ Und friedlich solang sie nur spaßen/ Die Freude ist groß/ Woran es auch liegt/ Sie schwenken dazu ihre Fahnen/ Es geht wieder los/ Sie singen ihr Lied/ Unschuldig wie einst ihre Ahnnen." Verbrieft ist nur eines: Jochen Distelmeyer wird weiter Musik machen. "Ich-Maschine" (10), "L’Etat et Moi" (10), "Old Nobody" (10) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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