Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Über die Mühelosigkeit, mit der sich Rufus Wainwright auf seinem neuen Album in höchste Höhen schwingt, kann Jan Wigger nur staunen. Andreas Borcholte tanzt zu Von Südenfed und bescheinigt dem neuen Linkin-Park-Produzenten eine diabolische Ader.

Rufus Wainwright – "Release The Stars"
(Geffen/Universal, 1. Juni)

Wer nicht nur die erhebenden Platten von Rufus Wainwright, sondern auch die von ihm zusammengestellte aktuelle "Yellow Lounge"-Compilation gehört hat, weiß um Wainwrights ungebrochene Faszination für die "Deutsche Grammophon", für Strauss und Mahler, für Schuberts bekümmerte "Winterreise" und für Schostakowitschs umwerfende fünfte Sinfonie. Das exzessive Hören von klassischem Material habe ihn in Bezug auf U-Musik zuweilen etwas abgestumpft, klagt der Songschreiber. Es würde dem angenehm schnöseligen Wainwright ganz bestimmt gefallen, wenn man ihm als Remedur seine eigene, fünfte LP "Release The Stars" verabreichen würde. Hier sind Prunk und Pathos, Dekadenz und Größenwahn, Sentiment und Sex, Intellekt und Eitelkeit zu Hause, hier spielt das Orchester ähnlich unwiderstehlich auf wie in Scott Walkers "The Girls From The Streets", hier wird schon im ersten Stück die einzig wichtige und alles entscheidende Frage gestellt: "Do I dissapoint you in just being human?".

Bei "Sanssouci" scheint im Hintergrund der Beach-Boys-Klassiker "Sloop John B" mitzuklingen, "Going To A Town" ist eine von Wainwrights berührendsten Kompositionen überhaupt, und "Slideshow" schwingt sich so unmerklich in höchste Höhen auf wie "Go Or Go Ahead" auf seinem nach wie vor besten Album "Want One". Vollkommen mühelos strömt diese einmalige Stimme durch "Nobody's Off The Hook", durch "Rules And Regulations" und durch den "Tiergarten", den der Kanadier während der Aufnahmen in Berlin erkundete. Ganz am Schluss, im lässig-virtuosen Spiel des Titelstücks, fließt noch einmal alles zusammen: "Release the stars/ Release your love/ Cause Hollywood is over". Und alle Sterne tanzen. (9) Jan Wigger

Von Südenfed – "Tromatic Reflexxions"
(Domino/Rough Trade, 18. Mai)

Dieser Name, dieser Albumtitel – das klingt alles erstmal wie ein typischer Fall für die Ramschkiste. Hinter der etwas bemühten Camp-Fassade versteckt sich mit Andi Thoma und Jan Werner jedoch die Hälfte der inzwischen recht bekannten Elektronica-Band Mouse on Mars sowie Mark Edward Smith, Sänger und Songwriter der zu Recht legendären Underground-Combo The Fall. Manchester meets Düsseldorf auf einer Platte, wie konnte das denn bloß passieren? Kenner wissen natürlich, dass alles vor knapp zwei Jahren mit einer Variation des Mouse-on-Mars-Stückes "Wipe That Sound" anfing, die – mehrmals kräftig durch den Wolf gedreht – nun als "That Sound Wiped" auch auf dem Von-Südenfed-Debüt zu finden ist. Der stampfende Clubsound, der die Füße in die Disco-Stellung zwingt und die Hüften kreisen lässt, wird auf "Tromatic Reflexxions" kräftig variiert, am schönsten am Anfang der Platte, wenn sich der hässliche alte Grantler Smith mit missgelaunt klingendem Sprechgesang durch die phantastischen Stücke "Fledermaus Can’t Get It", "The Rhinohead", "Flooded" und "Family Feud" knödelt, während Thoma und Werner ihr Bestes an hypnotischen Dance-Beats geben. Am Ende der Platte fasert es dann leider etwas aus und endet in hysterischem Hühner-Gackern ("Duckrog", "Chicken Ylamas") und einer seltsam peinlichen Paul-Simon-Juju-Gitarre ("Dearest Friends"). Aber egal: Ausgerechnet die unwahrscheinlichste aller Elektro/Punk-Paarungen bringt eines der coolsten Club-Alben des Jahres hervor: Von Südenfed rockt das Camp. (7) Andreas Borcholte

Linkin Park – "Minutes To Midnight"
(Warner Bros, bereits erschienen)

Es gab nur einen einzigen Grund, sich diese Platte überhaupt anzuhören: Rick Rubin. Dem Hit-Produzenten diverser Rock-Acts (Slayer, Red Hot Chili Peppers, System of a Down) und Neu-Erfinder vergessener Helden (Johnny Cash, Neil Diamond) sind immer noch magische Kräfte zuzutrauen. Nicht umsonst arbeitet er gerade mit Metallica am fälligen Comeback-Album. Doch zunächst waren die von der Jugend verehrten NuMetal-Buben Linkin Park dran. Problem: Einen Nachfolger für zwei Multi-Platin-Alben aufnehmen. Lösung: Rick wird's schon richten. Das Ergebnis wird in den Fan-Foren bereits heftig diskutiert. Tenor: Dreck, weil zu kommerziell. Als wenn das nicht bereits für die beiden Megaseller "Hybrid Theory" und "Meteora" sowie die Kollaboration mit dem HipHop-Star Jay-Z galt. Der Weg, den die Kalifornier nun gemeinsam mit ihrem neuen Produzenten beschritten, ist also nur konsequent, jedes Klagen darüber unfair: In "Shadow Of The Day" klingen sie schon fast wie U2 und heben in Songs wie "Hands Held High" erstmals den politisch-moralischen Zeigefinger. Ja Leute, es ist so: Die Wut ist raus, die Platte ist länger als 30 Minuten, der Punk geht nicht mehr ab, die Band wird "erwachsen", wie es so schön heißt. Deshalb gibt es jetzt mehr in die Länge gezogenen Pathos-Gesang als überkippendes Gebrüll und die Gitarren wabern dazu schön radio- und kinderzimmertauglich. Wird sich millionenfach verkaufen, die Scheibe, gibt’s auch schon als Sonder-Edition mit DVD und Extra-Booklet. Und Rick Rubin? Hat mal wieder das gemacht, was er am besten kann: Die Seele einer Band freilegen. Ein Teufelskerl, der Mann. (2) Andreas Borcholte

The National – "Boxer"
(Beggars/Indigo, 18. Mai)

Wen man auch trifft in diesen Tagen: Fast alle überschlagen sich mit Lob und Wertschätzung für das vierte National-Album "Boxer": Schon wird hymnisch rezensiert, denn es soll mindestens die Platte des Jahres sein, die man hier in Händen hält. Etwas verwunderlich, wenn man allein die letzte LP der New Yorker zum Maßstab nimmt: "Alligator" hatte Furor und Wahnsinn, Brüche und plötzliche Explosionen, hatte "Karen", "Looking For Astronauts" und "Mr. November". "Boxer" dagegen taumelt, stets vom sonoren Chardonnay-Brummeln Matt Berningers zusammengehalten, im immergleichen Tempo dem abschließenden "Gospel" entgegen. Messerscharf und ans Herz greifend war die Lyrik auf "Alligator", im neuen Song "Slow Show" hingegen möchte man sich eher an den Kopf fassen, wenn Berninger in seichten Gewässern fischt: "You know I dreamed about you for 29 years before I saw you/ You know I dreamed about you, I missed you for 29 years." Nicht die einzige Exkursion Berningers ins Flache und Rührselige. Insgesamt immer noch über dem Durchschnitt, doch der Zauber von "Boxer" hat sich zumindest dieser Redaktion nicht vollends erschlossen. (6) Jan Wigger

Charlotte Hatherley – "The Deep Blue"
(Little Sister Records/Rough Trade)

Für David Bowie kann der Tag quälend lang werden, wenn er einmal keine zeitgenössischen Künstler findet, die er protegieren kann. Diesmal schrieb er einen kleinen Aufsatz über Charlotte Hatherleys Single "Behave", in dem er ihr Aussehen lobt und bedauert, dass die vormalige Ash-Gitarristin ihm vor fünf Jahren einmal backstage aus dem Weg ging. "Behave" erinnert ihn an die genialen Spinnereien Brian Enos. Nun, uns erinnert "The Deep Blue" als Ganzes ein wenig an Belly und irritierenderweise sogar an das späte XTC-Meisterwerk "Apple Venus Vol.1". Diese auf den ersten Blick wenig eingängigen Lieder sind größtenteils eine Abkehr vom recht gewöhnlichen Power-Pop auf Hatherleys erstem Solo-Album "Grey Will Fade". Ja, so wie auf Hatherleys "Again" könnten Veruca Salt oder Susanna Hoffs heute klingen, wenn sie nicht zu früh in Richtung Kommerz geschielt hätten. "The Deep Blue" ist ein Wagnis und das Gegenteil dessen, womit man heutzutage Geld verdienen kann. Investieren sie jetzt! (6) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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