Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Wenn bloß der Anspruch nicht so hoch wäre, dann könnte man mit einem neuen Album von Wir sind Helden auch mal gnädiger umgehen, meint Andreas Borcholte, während Jan Wigger in den wiederveröffentlichten Alben Leonard Cohens schwelgt.

Wir sind Helden – "Soundso"
(Labels/Virgin/EMI, bereits erschienen)

Wenn bloß der Anspruch nicht so hoch wäre. Wir sind Helden, das ist die deutsche Popband, auf der wohl am meisten Druck lastet. Sie dürfen nicht zu lasch sein, aber auch nicht zu bissig, nicht zu persönlich, aber auch nicht zu politisch. Sie dürfen nicht zu sehr nach Nina Hagen klingen, aber bitteschön auch nicht nach Juli. Und dann kommt so ein drittes Album heraus und man versucht, nicht ungerecht und trotzdem kritisch zu sein. Denn eine bessere Band haben wir nun mal gerade nicht in Deutschland, das ist mal Fakt. Also so sanft, wie es eben geht: Liebe Helden, liebe Judith Holofernes, "Soundso" ist eine prima Platte geworden, es ist nur leider das schwächste der bisherigen drei Alben. Dabei fängt alles ganz prächtig an: "(Ode) An die Arbeit" ist aggressiv und schlau, wie man es von "Die Reklamation" kennt. "Die Konkurrenz" spießt den Leistungsdruck unserer Gesellschaft auf und könnte mit ein bisschen Phantasie sogar als Seitenhieb auf die Identitäts-Krise der SPD gelesen werden. Und diese hektische, ironische, wild herumspringende Single "Endlich ein Grund zur Panik" ist vielleicht einer der besten und frischesten Helden-Songs überhaupt. Auch das Titelstück hat seinen Reiz, wenn es im Refrain plötzlich ganz vielschichtig wird und die Chorus-Spuren sich so schön ineinander verknoten.

Aber das war’s dann auch schon an Schönem. Der Rest bietet zwar all das auf, was man an Wir sind Helden mag, vor allem Judiths brillante, immer wieder staunenswerte Lyrik und die inzwischen programmatische Auslotung neuer musikalischer Stile und Dimensionen. Was aber das platte Hippielied "Der Krieg kommt schneller zurück als Du denkst" soll oder die schnöde "Denkmal"-Kopie "Kaputt", bleibt ebenso ein Rätsel wie die Entscheidung für das Experiment mit dem englischen Refrain in "The Geek (Shall Inherit)", das sicher live viele Freunde finden wird, weil’s so schön nach Fury in the Slaughterhouse klingt. Das war jetzt gemein, klar. Aber vieles auf "Soundso", gerade in der Mitte des Albums, plätschert tatsächlich nur so dahin und lässt jene Unbedingtheit vermissen, die man zu schätzen gelernt hat. Vielleicht ist auch das ein Zeichen des Zeitgeistes, ein gepflegtes Zwischen-den-Stühlen sitzen und nachhaltiges Nicht-wissen-wohin. Wer glaubt, sagen zu können, diese Band sei so oder so, der ist ihr schon die in Falle gegangen. (5) Andreas Borcholte

Leonard Cohen – Re-Issues
(Columbia/SonyBMG, bereits erschienen)

Es gibt die bleichgesichtigen, lächerlichen, oft deutschstämmigen Dark-Wave-Musikanten, fast immer der übliche Mummenschanz. Es gibt ulkige Musiker, die in Erdlöchern wohnen, ständig auf der Flucht vor todbringendem Tageslicht. Und es gibt "Songs Of Love And Hate", seit 1971 eines der finstersten Alben aller Zeiten. Ein Manifest der Selbstverachtung mit geheimnisvoll funkelnden Liedern ohne Gnade, die gestern wie heute schwarze Löcher ins Sein reißen. Berühmter Signalsatz: "That’s not electric light, my friend/ That is your vision growing dim." aus "Dress Rehearsal Rag". Über das Poem "Famous Blue Raincoat" rätseln Cohen-Exegeten bis heute, der Kanadier Leonard Cohen selbst mag den Text nicht und ließ bei Gelegenheit ausrichten, er wisse selbst nicht mehr, worum es geht. Ist die ominöse "Jane" Janis Joplin, von der drei Jahre später auch "Chelsea Hotel No. 2" handelte? Schon "Songs Of Leonard Cohen", das späte Debüt aus dem Jahr 1968 war eine Sensation: "Sisters Of Mercy", "Master Song", "Suzanne" und "Hey, That’s No Way To Say Goodbye", dazu das desperate Lallen am Schluss von "One Of Us Cannot Be Wrong", das sich fast vier Jahrzehnte später im Tocotronic-Song "Pure Vernunft darf niemals siegen" wiederfand. "Songs From A Room" von 1969 bereitete dann wirklich nur in Ansätzen auf den Schrecken von "Songs Of Love And Hate" vor: Mit der alttestamentarischen Vehemenz von "Story Of Isaac", dem Kriegsbericht "Partisan Song" oder dem Suizid-Stück "Seems So Long Ago, Nancy". Immer wieder prächtig: "You Know Who I Am": "I cannot follow you, my love / You cannot follow me / I am the distance you put between / All the moments that will be." Jetzt erscheinen die drei ersten Platten von Leonard Cohen digital überarbeitet aufs Neue, im bruchfesten Buchformat, angereichert mit einigen wenigen zusätzlichen Tracks, allen Texten, Liner Notes von Anthony DeCurtis und allem, was sonst noch fehlte. Wir zitieren den "Rolling Stone"-Autoren Wolfgang Doebeling: "Kuschelfolk it ain’t." Songs Of Leonard Cohen (9) ; Songs From A Room (8) ; Songs Of Love And Hate (10). Jan Wigger

Warren Zevon – "Preludes – Rare And Unreleased Recordings"
(Blue Rose/Soulfood)

Letztes Wirken und Sterben dieses einzigartigen und unerreicht scharfsichtigen Autors sollte man sich mindestens einmal jährlich in der bitteren VH1-Dokumentation "Keep Me In Your Heart" oder in der Biographie "I’ll Sleep When I’m Dead – The Dirty Life And Times Of Warren Zevon" erläutern lassen. Die Musik gibt es jetzt für Zuspätgekommene (und es ist nie zu spät) noch einmal zum Abholpreis. Unveröffentlichte, zuweilen auch kargere Versionen von "Carmelita", "Hasten Down The Wind", oder "Join Me In L.A.", dazu sechs gänzlich unbekannte Stücke wie das rührende "Empty Hearted Town": "And I’m walking down the sidewalks of L.A / Wishing I had a warmer jacket/ And leaves are falling down", berichtet Zevon in einem dieser Songs, in dem die Frau bereits weg ist und nur Zigaretten am Morgen, Whiskey am Abend und zwischenzeitliches Rumstehen die quälende Länge eines Tages erträglich machen. In "Steady Rain" gleiten zum tröstenden Spiel der Orgel silberhelle Regentränen die Windschutzscheibe hinab. Auf der zweiten CD: Zevon über das Songschreiben, über Fernsehen und Kino, über seine Coverversion von Stevie Winwoods "Back In The High Life" und Alanis Morissette: "She’s very, very good." Kein Lachen. Der Unbeugsame meint es ernst. (8) Jan Wigger

Dntel – "Dumb Luck"
(Cooperative Music/Rough Trade, bereits erschienen)

An jenen Schnittstellen, an denen sich Song, elektronische Skizze und milder Ambient treffen, operiert dieses Album, an dem Jimmy Tamborello alias James Figurine mit Unterbrechungen ein geschlagenes halbes Jahrzehnt lang gearbeitet haben soll. Tamborello ist auch eine Hälfte des Laptop-Folk-Ereignisses The Postal Service, deren nun auch schon wieder vier Jahre alte LP "Give Up" allerdings weitaus massentauglicher ist als "Dumb Luck". Markus Acher (The Notwist, Lali Puna), Jenny Lewis (Rilo Kiley), Edward Droste (Grizzly Bear) und der hier doch etwas deplatzierte Bright-Eyes-Schmerzensmann Conor Oberst zählen zu Tamborellos Gästen, tanzen kann man zu den mal gedämpft pluckernden und knisternden, mal ausfransenden Mustern und Flächen natürlich nicht. Ein Höhepunkt: Das leicht in den Jazz hineinragende "Natural Resources". (6) Jan Wigger

Loney, Dear – "Loney, Noir"
(Labels/EMI, 1. Juni)

Viele Monate lang war dieser Mann wiederkehrendes Thema unter Musikliebhabern, Import-und Katalogbestellern und Nischenhörern. Einige Tausend von eigener Hand verpackte Alben hat der schwedische Heimarbeiter Emil Svanängen bereits auf ungewöhnlichem Wege veräußert, sein erstes Album erschien, so Emil, bereits am Tag der Fertigstellung: Der Student besuchte zu Weihnachten die Eltern und verkaufte die ersten CDs noch am Bahnhof. Für alle, die es wissen wollen: Die zweite Platte von Loney, Dear, "Loney, Noir", klingt wie eine ungefähre Mischung aus Sufjan Stevens, Nicolai Dunger, den Beach Boys und den Bee Gees. Geschmackvoll spielt das kleine Orchester auf, voll innerer Wärme singt Svanängen sich durch die grandiosen "The Meter Marks OK" und "I Am John". Besonders schwer ist das zwar nicht, aber doch der Erwähnung wert: Svanängen ist Schwedens wahrscheinlich bester Songschreiber. (8) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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