Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Zur Veröffentlichung der neuen CD "Kapitulation" lustwandelt Jan Wigger im tocotronischen Wald aus Zeichen und bescheinigt Keren Ann Zeitlosigkeit. Andreas Borcholte freut sich darüber, dass Star-DJ Mark Ronson bei seinen Coverversionen ohne Muschikatz auskommt.


Tocotronic – "Kapitulation"
(Vertigo/Universal, 6. Juli; Vinyl bei Buback)

Noch in keine Tocotronic-Platte zuvor wurde man so widerstandslos hineingezogen wie in "Kapitulation": Der stumpfe Beat, die mantrahafte Struktur, der Triumph von Hysterie und Selbstaufgabe, von Zerbrechlichkeit und Unvernunft: "Mein Ruin, das ist zunächst/ Etwas, das gewachsen ist/ Wie eine Welle, die mich trägt/ Und mich dann unter sich begräbt." Vor allem seit der LP "K.O.O.K" aus dem Jahre 1999 wohnt den betörend uneindeutigen Liedern von Tocotronic ein kaum fassbarer Zauber inne, der im weißen Album "Tocotronic" zur Perfektion getrieben und seitdem verästelt und sanft gebrochen wird. "Kapitulation" nun, zärtlich, sehnsüchtig, wissend und emphatisch, ist nicht weniger als ein Ausloten der Möglichkeiten, die man als visionäre Gitarrenband so hat. Der tocotronische Wald aus Zeichen, das Anzweifeln von Realität und Identität, auch das freie und zwanglose Spiel gehört wie selbstverständlich zu traumhaften Songs wie der Pavement-Variation "Imitationen" oder der Erzählprosa "Harmonie ist eine Strategie", in der Dirk von Lowtzows träge-monochromer Gesang alles trägt und transportiert.

Das gemächlich galoppierende Titelstück, hell und unsagbar aufreizend gesungen, unterschätzt man zunächst am meisten, das Mysterium "Dein geheimer Name" besticht auch ohne Musik: "Deine Augen schienen irre/ Deine Zähne tanzten weiß/ Wenn ich nach Hause komme/ Werde ich ein anderer sein." Wie schon auf "Pure Vernunft darf niemals siegen" liegt die Essenz und das Geheimnis auch bei "Kapitulation" in den beiden letzten Stücken: Herrlich, wie von Lowtzow im mild schwingenden "Luft" sein Königreich als moderner Oblomow demarkiert: "Das Nutzlose wird siegen/ Das Nutzlose bleibt liegen/ Also züchte ich mir Staub/ Entschuldigung, das hab ich mir erlaubt." Und ganz am Schluss, in der "Explosion", verglüht alles sanft und schuldlos im tröstenden Gitarrenlärm. Mit Verlaub: Das einzige Album, das in diesem Jahr Arcade Fires "Neon Bible" das Weihwasser reichen kann. (10) Jan Wigger

Keren Ann – "Keren Ann"
(EMI, 29. Juni)

Eine Wette: Schon die ersten drei Stücke sollten ausreichen, um der kunstvoll-lasziven Traummusik von Keren Ann zu verfallen. Durch "It's All A Lie" und "Lay Your Head Down" wehen die Geister von Mazzy Star und Velvet Underground (eher der frühe Lou Reed als Nico), auch die kreiselnde Melodie von "In Your Back" hat man ganz sicher schon einmal gehört. Aber wo? Es ist eine blöde Worthülse und eine Vokabel für die Einfallslosen, aber in diesem Fall muss man es so sagen: Die französische Songschreiberin hat mit "Keren Ann" ihr erstes "zeitloses" Album aufgenommen. "Where No Endings End" erscheint wie eine Variation von Osvaldo Farrés’ "Quizás, Quizás, Quizás", "It Ain’t No Crime" rumpelt los wie ein vergessener Tom-Waits-Song. Für die audiophilen Leser: Genau so muss eine Platte produziert sein. Und genau so klingt es scheinbar auch, wenn russisches, isrealitisches, indonesisches und niederländisches Blut durch die wachen Adern fließt und man erst nach New York ziehen muss, um das Beste zu erreichen. Tendenz: Weltkarriere. (8) Jan Wigger

Mark Ronson - "Version"
(SonyBMG, bereits erschienen)

Coverversionen sind ja mal wieder das ganz große Ding. Das kann man gut finden oder hassen; im Falle der neuen Erdmöbel-Platte "No. 1. Hits" kommen einem eher die Tränen angesichts dumpf eingedeutschter Partykracher. Mark Ronson hat da schon mehr Stil, vor allem aber entlockt er den mehr oder minder bekannten Songs tatsächlich Aspekte und Dimensionen, die vorher nicht zum Tragen kamen oder schlicht noch nicht vorhanden waren. Dabei blendet das zweite Album des Star-DJs und Produzenten aus New York erst einmal durch schiere Promi-Präsenz: Robbie Williams knödelt sich da durch die Charlatans-Hymne "The Only One I Know", und Lily Allen verpflanzt den Kaiser-Chiefs-Hit "Oh My God" aus dem ländlichen Yorkshire auf die Londoner Straße. Die Funk-Version des Jam-Gassenhauers "Pretty Green" ist sicherlich gewöhnungsbedürftig, ebenso die unzulässig belustigte Version von Ryan Adams' "Amy". Aber dafür gibt es eine ausgesprochen coole HipHop-Variante der Britney-Spears-Giftigkeit "Toxic", für den das anerkannte Party Animal Ronson den verstorbenen Ol' Dirty Bastard posthum ans Mikrophon zauberte. Eine illustre Angelegenheit also, die zwar nicht tiefer beeindruckt, aber mächtig Spaß macht. Ganz ohne Muschikatz. (7) Andreas Borcholte

Ash – "Twilight Of The Innocents"
(Warner, 29. Juni)

Man sollte so etwas am besten gar nicht sagen, aber: Es ist unfassbar, wie langweilig das neue Ash-Album gerade dann klingt, wenn man kurz vorher noch Immortal und Kraftwerk auf dem Plattenteller hatte. Was als Argument natürlich nur dann zählen würde, wenn das neue Ash-Album auch per se und ohne Vergleichsgrößen schon langweilig wäre. Und verdammt noch mal: Das ist es! Handelt es sich hier eigentlich noch um denselben Tim Wheeler, der einmal "Goldfinger", "Low Ebb" und "Shining Light" geschrieben hat? Wir schreiben ohnehin das Jahr, in dem die alten Britpop-Recken noch einmal zurückkehren, und auch "Twilight Of The Innocents" steht exemplarisch für die diffuse Sehnsucht von Mittdreißigern, die sich leise seufzend wünschen, dass es doch bitte wieder 1996 sein möge (und wenn es nur für vier Wochen ist). Dass es vielen potentiellen Plattenkäufern generell gar nicht um gutes Songwriting geht, sondern bloß darum, dass man die altbekannte Ash-Stimme oder die himmelstürmenden Ash-Gitarren wiedererkennt, die einen an schöne Stunden erinnern, daran hat man sich gewöhnt. Aber das maximal selbstreferentielle "Twilight Of The Innocents" ist reine, hoffnungslose Nostalgie, "1977" revisited. Schon im grässlichen Gitarren-Solo von "Shattered Glass" kann man all die Ratlosigkeit, all die Orientierungslosigkeit hören, die diese einst so wichtige Band unmittelbar nach "Free All Angels" befallen hat. Charlotte Hatherley, inzwischen ausgestiegene Ash-Gitarristin, hat die Zeichen der Zeit erkannt: Diese Ash-Platte wird die letzte sein. (4) Jan Wigger

Buffalo Tom – "Three Easy Pieces"
(New West/Blue Rose, 29. Juni)

Der College-Rock der späten achtziger und frühen neunziger Jahre war eine schöne Sache, und Buffalo Tom aus Boston, Massachusetts waren eine ganze Weile mittendrin. Aus dem Geist von R.E.M, Dinosaur Jr. und den Replacements schufen Sänger Bill Janovitz und der Rest eine Handvoll Slacker-Hymnen für die Ewigkeit: Nach dem Hören von "Taillights Fade", "Summer" oder "Mineral" hätte man gern für ein Jahr in Princeton studiert. Neun Jahre nach dem durchwachsenen "Smitten" stellt nun "Three Easy Pieces" die berechtigte Frage: Braucht man im Jahr 2007 noch eine siebtes Buffalo-Tom-LP? Und gibt es demnächst auch noch eine Reunion von Hüsker Dü? "Bottom Of The Rain" oder "Thrown" erreichen ohne Mühe das Niveau des besten Buffalo-Tom-Albums "Let Me Come Over" (1992), "Bad Phone Call", "Renovating" und anderes klingen schon ein bißchen bräsig und überkommen. Wie es dann immer so heißt: Eher was für Fans. (4) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Seite 1
icaros, 19.06.2007
1.
Paradise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
ralfons 19.06.2007
2.
Zitat von icarosParadise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
icaros, 19.06.2007
3.
Zitat von ralfons"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
Oh, das mit dem "Icon" war wohl ein freudscher Verschreiber... Ja, die alten Blind Guardian Sachen waren durchaus hörenswert. Die neueren finde ich persönlich etwas zu überladen, aber das ist natürlich Gerschmackssache. Aber da wir gerade bei Re-Releases sind: Von Edge Of Sanity gibt es demnächst eine Best Of. Eingefleischte Schweden-Death Fans werden zwar eh schon alles der Pioniere haben, wer aber nur im entferntesten auf Melodic Death Metal steht kann nun eine Bildungslücke schließen.
Sonic Nurse, 19.06.2007
4. Musikalische Bandbreite
Der musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
ralfons 19.06.2007
5.
Zitat von Sonic NurseDer musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
Falls die Sysops den neuen Thread eröffnet haben, um die alten Streitereien aus dem Weg zu räumen, hat das ja prima geklappt ;) Zurück zum Thema: Ich finde, dass "A Night at the Opera" die einzig wirklich schlechte Blind-Guardian-Scheibe war, "A Twist in the Myth" ist wieder deutlich eingängiger geworden. Ich freu' mich auf jeden Fall schon auf einige neue Songs in Wacken :) Edge of Sanity sind bei mir allerdings 'ne echte Bildungslücke. Ich kenne zwar einige Songs, hab' aber nie ein Album von ihnen besessen. Von daher hab' ich die Best-Of mal auf meinem Einkaufszettel notiert.
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