Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Wer Marc Almonds neues Album kauft, muss auch Agnetha Fältskogs "My Colouring Book" besitzen, meint Jan Wigger und will jeden Kritiker ohrfeigen, der Nick Drake die Höchstwertung verweigert. Andreas Borcholte fordert zum Download des Albums von Bat For Lashes auf.


Marc Almond – "Stardom Road"
(Sequel/Rough Trade)

Es mag sowohl Oliver Geissen als auch diversen Formen gefährlichen Halbwissens geschuldet sein, dass man Marc Almond selbst heute noch nachsagt, er sei vornehmlich als Interpret von Cover-Versionen zu Glanz und Ansehen gelangt. Nichts könnte falscher sein, denn auf fast allen früheren und späteren Solo-Alben Almonds waren es die eigenen Kompositionen, die das Fremdmaterial überragten. Nun aber hat Almond wirklich ein Album mit Coverversionen gemacht, die Platte nach dem prekären Motorradunfall, sein "Nashville Skyline" also, sein "Non, je ne regrette rien", eine Art Musical, dass das eigene, beschädigte, märchenhafte Leben feiert und seziert. Almonds Interpretationen von Al Stewarts "Bedsitter Images" oder David Bowies "The London Boys", auch sein Duett mit Antony Hegarty ("The Ballad Of The Sad Young Men") sind großartig, "Redeem Me (Beauty Will Redeem The World)", auf "Stardom Road" das einzige eigene Stück, erklärt exemplarisch die Flucht ins Reizvolle: "I need some beauty in my life/ So tired of all the troubles and strife/ To dig for diamonds/ Dive for pearls / Beauty will redeem the world".

Um dieses fabelhafte Album noch besser zu verstehen, hätte man vermutlich die letzte Jools-Holland-Silvester-Show mit eigenen Augen sehen müssen: Marc Almond mit fieser Schädelnarbe, streichholzdünn und um sein Leben singend. "Strangers In The Night" wäre nicht zwingend nötig gewesen, der ganze Rest ist vom Gefühl, vom Stilwillen und von der Brillanz her kongeniales Gegenstück zu Agnetha Fältskogs LP "My Colouring Book" von 2004. Haben muss man sowieso beide. (8) Jan Wigger

Nick Drake – "Family Tree"
(Island/Universal, 27. Juli)

Wenn die Erinnerung nicht trügt, dann war Nick Drake der erste Künstler überhaupt, bei dessen Musik der Autor dieser Zeilen das Gefühl völliger Entrücktheit empfand. "Fruit Tree" hieß damals der Song und stand fast am Ende von "Five Leaves Left", dem ersten von drei Drake-Alben, die allesamt und durchweg so begnadet sind, dass man jeden Musikjournalisten, der ihnen nicht jeweils die Höchstwertung vergibt, einzeln ohrfeigen müsste. "Family Tree" versammelt 27 Aufnahmen, die "Five Leaves Left" (1969), "Bryter Layter" (1970) und "Pink Moon" (1972) noch vorausgingen und auch so klingen: Hochbegabt, spröde, brechbar, meist sehr kurz und noch etwas dumpf (wie seinerzeit "Tanworth-In-Arden 1967/68", eine andere Raritätensammlung des Frühverstorbenen), die spätere Meisterschaft aber schon andeutend. "Poor Mum" und "Do You Ever Remember" werden gar von Nicks Mutter gesungen, die den langsamen Verfall des scheuen Sohnes auch nicht verhindern konnte. Über all diesen frühen Arbeiten schwebt schon der Geist des Songs "I Was Made To Love Magic", der es auf keine der offiziellen Platten schaffte: "I was born to love no one/ No one to love me/ Only the wind in the long green grass/ The frost in a broken tree." Nick Drake war der Größte, doch die Antidepressiva, die er gegen den Mangel an Schlaf und Hoffnung einnahm, haben auch ihn nicht heilen können. Braucht man "Family Tree"? Nun ja: Das Leben ist zu kurz für schlechte Musik. (8) Jan Wigger

Ultra Orange & Emmanuelle - "Ultra Orange & Emmanuelle"
(RCA/BMG, 27. Juli)

Wenn Schauspielerinnen sich als Sängerin versuchen, endet es meist böse. Man denke nur an Jennifer Love Hewitt. Oder Lindsay Lohan. Oder Hillary Duff. Egal, die Französin Emmanuelle Seigner spielt in einer anderen Liga und hat es nicht nötig, sich wie ihre jungen US-Kolleginnen in sämtlichen Entertainment-Bereichen crossvermarkten zu lassen. Dennoch war man erstmal spitzfingerig, als es hieß, Roman Polanskis stets etwas lasziv wirkende Ehefrau, bekannt aus "Bitter Moon", würde sich als Sängerin versuchen. Die Idee hatte allerdings nicht sie selbst, sondern Gil Emery, weibliche Hälfte des in Frankreich populären Duos Ultra Orange. Gil und Pierre Emery sind bereits seit Mitte der Neunziger als Musiker aktiv, warten aber noch auf den großen Hit. Der Aktrice mit der heiseren Stimme und dem charmanten Akzent schrieben sie passende, englischsprachige Songs auf den Leib, die schön gemütlich im gediegenen Wohnzimmer der Emerys aufgenommen wurden. Dabei rappelt es manchmal ganz schön trashig im Röhrenverstärker, wenn Seigner Songs wie "Sing, Sing" oder "Bunny" im authentischen Sixties-Style ins Mikro haucht. Klar, da denkt man sofort an Velvet Underground & Nico, soll man vermutlich auch, geht dann ja doch nicht ganz ohne Marketing-Strategie. Macht aber nichts, ist trotzdem eine sehr charmante Platte. (6) Andreas Borcholte

Bat For Lashes - "Fur and Gold"
(EMI)

Ach, die arme, arme Musikindustrie! Ächzend und krächzend stellt sie sich auf die modernen Zeiten ein. Vor allem die großen,"Majors" genannten Labels geben sich dabei zurzeit sehr "minor", das Wortspiel sei erlaubt. "Fur and Gold", in England bereits seit Ende 2006 erhältlich, ist das hervorragende Debüt-Album der Sängerin und Performance-Künstlerin Natasha Khan alias Bat For Lashes. In Deutschland wird es nur als "digital only"-Produkt verkauft, heißt also: Gibt's nur als Download bei den hinreichend bekannten Online-Stores. Warum nun gerade dieses Album, das im Booklet sicher so manche visuelle Spielerei enthält, nicht wie gewohnt auf CD gepresst und physisch ausgeliefert wird, bleibt ein Geheimnis der pfennigfuchsenden Controller beim Musik-Konzern EMI. Khan ist bekannt für ihre extravaganten Bühnenshows, bei denen die Tochter pakistanischer Eltern auch gerne mal mit riesigem Indianerkopfschmuck auftritt. Aber man soll ja nicht mosern, und schließlich kann man sich Videos von Bats For Lashes ebenfalls online ansehen, zum Beispiel auf MySpace. Der Musik tut's ohnehin keinen Abbruch, und die ist unüberhörbar stark von Kate Bush und Björk beeinflusst: Ätherische Hymnen und vertrackt-verträumte Lieder über Liebe, Natur und Spiritualität. Eine Art Jeanne-D'Arc-Vision eines Pferdes in ihrem Garten habe sie zu einem musikalischen Feldzug inspiriert, daher heißt der erste Song des Albums auch "Horse and I". Achtung, hier gibt es Elfen, Naturgeister und schräges Intrumentarium sowie viel keltische Folk-Atmosphäre. Man sagt, CocoRosie (bei denen sie im Vorprogramm auftrat) und Thom Yorke gehörten zu ihren größten Fans. Keine CD, aber dennoch eine der wichtigsten Veröffentlichungen der Woche. (7) Andreas Borcholte

Siva – "The Story Is Complete, But I Think We’ve Lost The Book"
(Devilduck/Indigo, bereits erschienen)

Als man am vergangenen Samstag gegen Mittag im örtlichen "Media Markt" die Schicht wechselte, ging auch die Musik. Das unfreiwillige, von einem pockennarbigen Service-Sklaven in Auftrag gegebene Mitanhörenmüssen des kompletten neuen Chris-Cornell-Albums war wie Sterben – die darauffolgende Siva-Platte wie pures Gold. Ein Berliner Quartett spielt auf "The Story Is Complete, But I Think We’ve Lost The Book" seine Lieblingsmusik: Death Cab For Cutie, The Notwist, Radiohead vielleicht ("Sleepie"). Man kann das auch "Hommage" nennen, wenn man will. Insgesamt guter, hübsch zerbrechlicher und zuweilen ausbrechender Gitarren-Pop, dem manchmal noch der Fokus fehlt. Sollte doch noch einmal jemand auf die bekloppte Idee kommen, einen Nachwuchs-Musikpreis "Jung, deutsch und auf dem Weg nach oben" zu nennen – Siva würden ihn ablehnen. (6) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Seite 1
icaros, 19.06.2007
1.
Paradise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
ralfons 19.06.2007
2.
Zitat von icarosParadise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
icaros, 19.06.2007
3.
Zitat von ralfons"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
Oh, das mit dem "Icon" war wohl ein freudscher Verschreiber... Ja, die alten Blind Guardian Sachen waren durchaus hörenswert. Die neueren finde ich persönlich etwas zu überladen, aber das ist natürlich Gerschmackssache. Aber da wir gerade bei Re-Releases sind: Von Edge Of Sanity gibt es demnächst eine Best Of. Eingefleischte Schweden-Death Fans werden zwar eh schon alles der Pioniere haben, wer aber nur im entferntesten auf Melodic Death Metal steht kann nun eine Bildungslücke schließen.
Sonic Nurse, 19.06.2007
4. Musikalische Bandbreite
Der musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
ralfons 19.06.2007
5.
Zitat von Sonic NurseDer musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
Falls die Sysops den neuen Thread eröffnet haben, um die alten Streitereien aus dem Weg zu räumen, hat das ja prima geklappt ;) Zurück zum Thema: Ich finde, dass "A Night at the Opera" die einzig wirklich schlechte Blind-Guardian-Scheibe war, "A Twist in the Myth" ist wieder deutlich eingängiger geworden. Ich freu' mich auf jeden Fall schon auf einige neue Songs in Wacken :) Edge of Sanity sind bei mir allerdings 'ne echte Bildungslücke. Ich kenne zwar einige Songs, hab' aber nie ein Album von ihnen besessen. Von daher hab' ich die Best-Of mal auf meinem Einkaufszettel notiert.
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