Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Die langsam verfaulenden Alt-Rocker von Korn sollten sich mal ein Beispiel an Clawfinger nehmen, meint Jan Wigger und lobt ganz unironisch den Power-Pop von The Format. Andreas Borcholte ist genervt von der postmodernen Zitathuberei bei Under the Influence of Giants.


The Format – "Dog Problems"
(Vanity/Nettwerk/Soulfood, 3. August)

Manchmal kann man die guten Menschen eben doch daran erkennen, welche Platten sie am liebsten mögen: Auf dem zweiten Album von The Format gibt es doch tatsächlich ein Lied, in dem die eindringliche "You're gonna walk backwards through the room"-Stelle aus Prefab Sprouts "Green Isaac" nicht nur zitiert, sondern exakt so gesungen wird wie auf Paddy McAloons Sturm-und-Drang-Arbeit "Swoon". Ist die Erinnerungsmaschine erst einmal angeworfen, hört man auch Squeeze, The Three O’ Clock, Big Star und natürlich Jellyfish aus den The Format-Stücken heraus, denn Roger Joseph Manning Jr. (Jellyfish, Imperial Drag, The Moog Cookbook) hat hier mitgewirkt, spielt auf "Time Bomb" die Wurlitzer, auf "Snails" das Cembalo und hat auch einige Arrangements für das kleine Format-Orchester geschrieben, wie in alten Zeiten.

Mannings letzte Solo-LP "The Land Of Pure Imagination" aus dem letzten Jahr findet in "Dog Problems" seine kongeniale Entsprechung, denn die Kirmesorgeln, die Bläser, die Vaudeville-Anklänge, das Schwärmerische und die unerhörte Pop-Informiertheit der beiden Format-Gründer Nate Ruess und Sam Means sind ebenso herrlich und unzeitgemäß wie die Spinnereien von Auftragsarbeiter Manning. Der doofe Begriff passt sonst fast nirgends, hier aber schon: Power-Pop, jawohl. (8) Jan Wigger

Korn – "Untitled"
(Virgin/EMI, 3. August)

Die böse Band Korn hat einmal zwei tolle Platten gemacht, die erste und die zweite. Seitdem heißen Korn-Alben zwar immer anders, aber es ist immer dasselbe drauf. Bemitleidenswerte Hardcore-Anhänger faseln bei jedem neuen Album begeistert von "Weiterentwicklung" und "Neuerfindung", als hätte der dauerhaft malade Korn-Sänger Jonathan Davis plötzlich Randy Newman vertont oder Bartók übertroffen. Auch für die Besprechung von "Untitled" wird sich in vielen Redaktionen wieder ein Praktikant oder Gefälligkeitsschreiber finden, der als alter Korn-Fan gilt und gegen Erhalt der CD gern beglaubigt, wie toll das doch alles immer noch ist. In Wahrheit kann man über das billige, feiste Elektro-Geblubber, die Kleister-Keyboards, die Alibi-Streicher, die von sich selbst geklauten Riffs und die Piano-Ballade (sic!) "Kiss" allenfalls noch lachen oder der Band die Auflösung nahelegen, wofür sie allerdings zu eitel ist. Das zerschossene Geflügel auf dem Cover zeigt es an: Korn beginnen langsam zu verfaulen. (3) Jan Wigger

Clawfinger – "Life Will Kill You"
(Nuclear Blast/Warner, 3. August)

Zappelbuden-Maniacs aufgepasst, das Warten hat ein Ende: Endlich stehen die Crossover-Pioniere Clawfinger um Mastermind Zak Tell mit einem neuen Silberling in den Startlöchern! Das Schulenglisch des Frontshouters ist inzwischen noch besser geworden und die amtlichen Gitarren-Riffs von Bard Torstensen vermitteln unüberhörbar den Eindruck, dass die Schwedenhappen, zu dem auch norwegische Mitglieder zählen, es mit "Life Will Kill You" nochmal wissen wollen! Stimmt ja auch, das Leben ist kein Ponyhof, nur die Harten kommen in den Garten und mit "Little Baby" nimmt der gereifte Fünfer wieder einmal kein Blatt vor den Mund und packt ein ganz heißes Eisen an: Kindesmissbrauch! Ansonsten ist es wie gewohnt Schlagwerker Henrik "Henka" Johansson, der einen einfach unglaublichen Job an den Fellen erledigt! Zusammenfassend kann man sagen, dass Clawfinger das Crossover-Rad mit der Langrille "Life Will Kill You" zwar nicht neu erfunden haben, aber auf extrem hohem Niveau stagnieren – das Ding ist ein echtes Brett und haut voll auf die Zwölf! Und Leute, freut euch schon mal drauf: Auch Dog Eat Dog, Downset und Stuck Mojo kommen bestimmt bald wieder! (1) Jan Wigger

Under the Influence of Giants - "Under the Influence of Giants"
(Island/Universal, 3. August)

Einen scheußlicheren Bandnamen hatten wir ja lange nicht. Andererseits aber auch kaum einen, der ehrlicher war. Zwar heißt es im allzu ausführlichen Plattenfirmen-Info, dass man der Erwartungshaltung bloß nicht trauen soll, weil Under the Influence of Giants ja alles andere als schnöde Kopisten seien. Allerdings wird dann ellenlang aufgezählt, bei wem sich die Band aus Kalifornien welche Elemente abgekupfert hat. Da wird dann sogar mit Prince und Madonna hantiert, beides verbietet sich von selbst. Zwei Beispiele sind unüberhörbar: In "In The Clouds" bedient sich die Band recht schamlos bei Peter Gabriels "Shock The Monkey", was besonders perfide ist, weil's kaum noch einer kennt. Schon durchsichtiger wird es bei "Mama's Room", dem Stück mit dem Willen zur Single, wo so heftig in Richtung Scissor Sisters geschielt wird, dass einem die Augen tränen. Under the Influence of Giants ist also eine mit der Generalvollmacht der Postmoderne liebäugelnde Mogelpackung, die dann auch noch damit hausieren geht, dass sie ja schon lange vor dem Major-Plattenvertrag eine Riesenfangemeinde hatte - dank MySpace. Kann man auch nicht mehr hören. Dabei funktioniert vieles auf diesem mit unterschiedlichen Stilen prall gefüllten Debüt-Album wirklich gut, manches macht sogar großen Spaß. Aber am Ende bleibt's eben doch nur eine etwas smartere Ausgabe von Maroon Five. Und das ist wenig. (4) Andreas Borcholte

Phillip Boa & The Voodooclub – "Faking To Blend In"
(Motor Music, 3. August)

Viele Medienschaffende finden Phillip Boa als Mensch unsympathisch. Der Autor dieser Zeilen mag ihn sehr, weil sein Mürrischsein, seine chronische Verstimmtheit und sein Auftreten als König von Scheißegalien wahrhaftiger und richtiger ist als der oft unreflektierte, ferngesteuerte Optimismus, den die üblichen deutschen Spaßbeauftragten bei jeder Gelegenheit unters Volk bringen wollen. "Faking To Blend In" ist eine sehr ordentliche Boa-Platte: Auf keinen Fall so bemüht wie "The Red", jedoch auch nicht so brillant wie "Aristocracie" oder "Hair". Boa, der längst alles gemacht, alles gesehen und alles ausprobiert hat, kann unter normalen Umständen niemandem vertrauen und hat doch Klez.e-Sänger Tobias Siebert mit der Produktion von "Faking To Blend In" beauftragt. Eine gute Entscheidung, denn "Queen Day" oder "Sleep A Lifetime" haben wieder den stumpfen Glanz der alten Tage. Auf "On Tuesdays I'm Not As Young" klingt Boa schon wie eine Mischung aus den Strokes und den Editors. Und von den Jungen lernen muss er schließlich, wenn er doch noch mal der deutsche Bowie werden will. (6) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Seite 1
icaros, 19.06.2007
1.
Paradise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
ralfons 19.06.2007
2.
Zitat von icarosParadise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
icaros, 19.06.2007
3.
Zitat von ralfons"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
Oh, das mit dem "Icon" war wohl ein freudscher Verschreiber... Ja, die alten Blind Guardian Sachen waren durchaus hörenswert. Die neueren finde ich persönlich etwas zu überladen, aber das ist natürlich Gerschmackssache. Aber da wir gerade bei Re-Releases sind: Von Edge Of Sanity gibt es demnächst eine Best Of. Eingefleischte Schweden-Death Fans werden zwar eh schon alles der Pioniere haben, wer aber nur im entferntesten auf Melodic Death Metal steht kann nun eine Bildungslücke schließen.
Sonic Nurse, 19.06.2007
4. Musikalische Bandbreite
Der musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
ralfons 19.06.2007
5.
Zitat von Sonic NurseDer musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
Falls die Sysops den neuen Thread eröffnet haben, um die alten Streitereien aus dem Weg zu räumen, hat das ja prima geklappt ;) Zurück zum Thema: Ich finde, dass "A Night at the Opera" die einzig wirklich schlechte Blind-Guardian-Scheibe war, "A Twist in the Myth" ist wieder deutlich eingängiger geworden. Ich freu' mich auf jeden Fall schon auf einige neue Songs in Wacken :) Edge of Sanity sind bei mir allerdings 'ne echte Bildungslücke. Ich kenne zwar einige Songs, hab' aber nie ein Album von ihnen besessen. Von daher hab' ich die Best-Of mal auf meinem Einkaufszettel notiert.
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