Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Turbostaat haben die Punk-Antwort auf die Sportfreunde Stiller, da kommen Jan Wigger schon mal die Tränen. Andreas Borcholte hat Respekt vor den liebevollen Talking-Heads-Zitaten bei Architecture in Helsinki.


Richard Hawley – "Lady’s Bridge"
(Mute/EMI, 17. August)

Es kann kein Zufall sein, dass Lee Hazlewood stirbt und Richard Hawley ein paar Tage später ein neues Album herausbringt. Hawley ist Hazlewood-Adept und führte vor gar nicht langer Zeit ein rührendes und sehr langes Interview mit dem alten Mann, dessen Hauptbeschäftigung es schon damals war, sich auf den Tod vorzubereiten. Bei Hawleys bisherigen Alben und Live-Auftritten schliefen einem schon mal die Füße ein: Der rotweingetränkte, betuliche und sich zuweilen ewig hinziehende Edel-Pop war wenig originell und wirkte nicht selten wie B-Seiten-Material von Roy Orbison, Scott Walker oder Frank Sinatra. Mit "Coles Corner" und "The Ocean" gelangen Jarvis Cockers altem Freund dennoch herausragende torch songs. "Lady's Bridge" ist nun seine beste LP geworden, und das dämmrige, tröstliche "Our Darkness" sein vielleicht untadeligstes Stück. "Tonight The Streets Are Ours" und "I'm Looking For Someone To Find Me" sind, verglichen mit Hawleys sonstigem Tempo, fast schon Speed-Metal-Attacken. Mit "Dark Road" gibt es dann auch noch die todesverachtend gebrummte Johnny-Cash-Reminiszenz. Altmodisch? Und wenn schon. (7) Jan Wigger

Architecture in Helsinki - "Places Like This"
(Tailem Bend/Cooperative/Universal)

Es muss schon eine Art Kulturschock für Cameron Bird gewesen sein, als er die beschauliche Landkommune nahe Melbourne verließ, um sich in Brooklyn niederzulassen. New York, das hieß für Bird, den kreativen Kopf hinter dem Sieben-Personen-Unternehmen Architecture in Helsinki, auch näher zu den Talking Heads, jenen Über-Vorbildern der Post-Punk-Ära, die in Birds Musik eine nicht zu überhörende Rolle spielen. Das hat sich nicht geändert, auch wenn „Places Like This“ in vielerlei Hinsicht ganz reifer und komplexer klingt als sein noch in Australien produzierter Vorgänger „In Case We Die“. Anders als bei – sagen wir – Clap Your Hands Say Yeah ist es nicht die anarchische Seite der Talking Heads, die bei Architecture in Helsinki liebevoll zitiert wird, sondern das spielerische, in weltmusikalischen Sperenzchen erblühende Element vom späten Heads-Album „Naked“. Aber auch die Klänge seiner meist puertoricanischen Nachbarn in Brooklyn fanden Einfluss in „Places Like This“, ebenso wie Dub, Calypso und der schräge Schluckauf-Pop der B-52’s, der vor allem das phantastische „Hold Music“ auszeichnet. Klingt nicht, als wäre hier irgendwas original? Weit gefehlt! Dieses ganze verrückte Straßenfest mit Pauken, Trompeten, Tuba, Waschbrett und Blechdosen bringen nur Bird und seine Truppe so echt über die Bühne. Für den nächsten Geburtstag großer Kinder. (7) Andreas Borcholte

Turbostaat – "Vormann Leiss"
(Same Same But Different/Warner, 17. August)

Man muss sich das noch einmal auf der Zunge zergehen lassen: Im Begleitschreiben zur aktuellen Sportfreunde-Stiller-Platte "La Bum" ließen Deutschlands Launebären verlautbaren, man wolle "unzynische Lieder ohne Schlaubergerei" machen, das "Wahre, Berührende und Schöne in klaren Worten und holprigen Reimen" stets im Blick. Kommentar überflüssig, außer vielleicht der Hinweis, dass Turbostaat mit ihrer ersten Major-Veröffentlichung "Vormann Leiss" die passende Antwort auf Schmusibu, Karnevalströten und "Rock im Park"-Verblödungspolonäsen geben: "Der Frosch hat's versaut", "Ja, Roducheln!!", "Hau ab die Schildkröte" oder "Schalenka Hase" sind Punk-Songs mit blutendem Herzen, die einiges von dem einlösen, für das man selbst ursprünglich einmal angetreten ist.

Trotz etwas unglücklichem Bandnamen: Turbostaat spielen nicht den Bierdosen-Punk, sondern stehen klar in der Tradition des Hamburger Altpunks Jens Rachut und seinen verschiedenen Bands, darunter Blumen am Arsch der Hölle, Dackelblut oder Oma Hans. "Am Ende einer Reise/ Hängst du noch einmal nach/ Den Gedanken an die Zeit/ An Liebe in der Fremde/ Die zu Hause nicht hinpasst/ Und dein Geheimnis bleibt" ("Am Ende einer Reise"). Da können einem schon mal die Tränen kommen. (8) Jan Wigger

Kula Shaker – "Strangefolk"
(Essential/Indigo, 17. August)

Die Mädchen liebten sie, die Jungs waren misstrauisch und am Ende kauften alle "K", das seltsame Debüt aus dem Jahr 1996. Und jetzt, im Plattenjahr 2007, gehört der Preis für die unwahrscheinlichste Rückkehr "Strangefolk" und den spirituellen Knallköpfen von Kula Shaker. Darf man anmerken, dass John Lennon und George Harrison ob der wehmütig dahingleitenden "Fool That I Am" und "Shadowlands" ein bisschen stolz wären auf Kula Shaker? Auch darf man gespannt sein, ob Noel Gallagher sich hinsichtlich des nach ganz viel LSD klingenden "Ol’ Jack Tar" zu einem "not bad" hinreißen lassen würde. Die Rock-Songs sind nicht ganz so stark, auch eine Peinlichkeit wie "Great Dictator (Of The Free World)" ist bei Kula Shaker immer drin: Musikalisch völlig in Ordnung und hörbar an Supergrasses "Pumpin’ On Your Stereo" angelehnt, lässt man sich im – gähn! - Anti-Bush-Song auf Obersekunda-Niveau hinab: "I'm a dick/ I'm a dick/ I'm a dictator!". Wer das witzig findet, kauft bestimmt auch CDs von Mario Barth. Ingesamt: Absolut erfreuliche Überraschung. (6) Jan Wigger

Tunng – "Good Arrows"
(Full Time Hobby/PIAS/Rough Trade, 17. August)

Das sonderbare Folk-Kollektiv Tunng könnte man, wenn nicht von ihrem großartigen letzten Album "Comments Of The Inner Chorus", wegen ihres traumhaften Bloc-Party-Covers "Pioneers" kennen. "Good Arrows" bedeutet für das gern mit Banjo, Klarinette, Harfe und allerlei anderem Instrumentarium hantierende Sextett eine leichte Abkehr vom Folk und die vorsichtige Hinwendung zum Pop. Das funktioniert im bestrickenden "Hands" und dem unglaublichen "Bullets" ("We're catching bullets in our teeth And though it's easy if you know how it's done/ They split the secret up six ways/ Before they gave it to us just before dawn") problemlos, führt aber gerade in der eher gleichförmigen zweiten Hälfte des Albums zu bloßem Schönklang und Momenten öder Langeweile. Tendenz: "Bullets" wird ein Welthit, den Rest konnten sie auch mal besser. (6) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Seite 1
icaros, 19.06.2007
1.
Paradise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
ralfons 19.06.2007
2.
Zitat von icarosParadise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
icaros, 19.06.2007
3.
Zitat von ralfons"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
Oh, das mit dem "Icon" war wohl ein freudscher Verschreiber... Ja, die alten Blind Guardian Sachen waren durchaus hörenswert. Die neueren finde ich persönlich etwas zu überladen, aber das ist natürlich Gerschmackssache. Aber da wir gerade bei Re-Releases sind: Von Edge Of Sanity gibt es demnächst eine Best Of. Eingefleischte Schweden-Death Fans werden zwar eh schon alles der Pioniere haben, wer aber nur im entferntesten auf Melodic Death Metal steht kann nun eine Bildungslücke schließen.
Sonic Nurse, 19.06.2007
4. Musikalische Bandbreite
Der musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
ralfons 19.06.2007
5.
Zitat von Sonic NurseDer musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
Falls die Sysops den neuen Thread eröffnet haben, um die alten Streitereien aus dem Weg zu räumen, hat das ja prima geklappt ;) Zurück zum Thema: Ich finde, dass "A Night at the Opera" die einzig wirklich schlechte Blind-Guardian-Scheibe war, "A Twist in the Myth" ist wieder deutlich eingängiger geworden. Ich freu' mich auf jeden Fall schon auf einige neue Songs in Wacken :) Edge of Sanity sind bei mir allerdings 'ne echte Bildungslücke. Ich kenne zwar einige Songs, hab' aber nie ein Album von ihnen besessen. Von daher hab' ich die Best-Of mal auf meinem Einkaufszettel notiert.
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