Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Der perfekte Soundtrack für Vogelbeobachtungen im Winter kommt vom Minimal-Techno-Poeten Dominik Eulberg, konstatiert Jan Wigger und empfiehlt Craig David eine Atemmaske. Andreas Borcholte fragt sich, wie lange es die Sugababes noch geben wird.


Dominik Eulberg – "Bionik"
(Cocoon/Intergroove)

Sogar Karl Lagerfeld ist Eulberg-Fan. Auf dem Cover seines bereits mit dem "Preis der deutschen Schallplattenkritik" honorierten Albums "Heimische Gefilde" sitzt der Künstler als Conferenciér mit Kopfhörern vor dem Originalmischpult von Karlheinz Stockhausen. Dominik Eulberg macht unaufdringlichen, aber dennoch hell strahlenden Ambient-Techno. Auch als DJ und Remixer weltweit von Erfolgen verwöhnt, trat Eulberg in der Vergangenheit unter anderem als Naturforscher und Ornithologe in Erscheinung: Seine Tracks hießen "Das Röhren der Rotwildbrunft", "Die Seeadler der Müritz" oder "Rauhhautfledermaus und großer Abendsegler". Im "Stelldichein des Westerwälder Vogelchores" ließ er einmal eine seiner CDs mit einem hinreißenden Vogelchor enden und stellte mit Heinz-Sielmann-Tonfall zwischen den Stücken je einen gefiederten Freund aus dem Westerwald vor.

Auf "Bionik" gibt es nun die grandiosen "Libellenwellen" und die "Löwenzahn-Luftwaffe", zudem einen noch etwas komprimierteren und konzentrierteren Sound. Ähnlich einiger Veröffentlichungen der Labels Kompakt (Köln) und Dial (Hamburg) hat auch der Bonner Dominik Eulberg eine kaum verwechselbare Poesie des Minimalen gefunden, mit warmen Flächen, mehrheitlich gutmütigen Beats und niemals überladenem Habitus. Vogelbeobachtung im Winter, dieses Mal fast ganz ohne Federvieh. (8) Jan Wigger


Sugababes – "Change"
(Island/Universal, bereits erschienen)

Dass es diese Band noch gibt, grenzt schon fast an ein Wunder. Ja, wir sagen Band, obwohl es sich lediglich um ein Mädchentrio handelt, das in den vergangenen Jahren mehrmals die Zusammensetzung wechselte. Aber das Besondere an den Sugababes ist eben, dass sie nicht am Reißbrett oder in einer Casting-Show entstanden sind, sondern einmal der Traum dreier Freundinnen waren, die sich seit der Schule kennen. Von dieser Originalbesetzung, die 2000 mit der grandiosen Single "Overload" auf den Plan trat, ist jedoch nur noch Keisha Buchanan übrig – und der eine oder andere Produzent und Songwriter, der auch schon beim Debüt an den Songs mitbastelte, was den gleichbleibenden Sound zumindest zum Teil erklärt. Geschenkt. Wie es sich für eine richtige Band gehört, schreiben die Sugababes ihre Lieder zum großen Teil selbst. Dabei entstehen dann richtig gute Pop-Nummern wie "Denial" vom neuen Album, die das ganze Besetzungswechselspielchen und das zuweilen stumpf dahinplätschernde Füllmaterial auf der CD vergessen lassen. Wie man hört, gibt es innerhalb der Band schon wieder Zickenterror. Wahrscheinlich gibt Keisha, das letzte Original-Sugababe, dann auch bald auf. Bis dahin kann man sich dem lupenreinsten Girlpop hingeben, den England zu bieten hat. (5) Andreas Borcholte

Bonnie "Prince" Billy – "Ask Forgiveness" (Domino/Rough Trade, 7. Dezember)

Nach zwei großartigen Wochenendkonzerten von Interpol kehrt man vielleicht am besten mit einer neuen Veröffentlichung des arbeitssamen Songschreibers Will Oldham in den reizlosen Alltag zurück. Denn während sich Interpol in geradezu erschreckender Weise der Perfektion nähern ("Pioneer To The Falls"!), ist es bei Oldham gerade das Unfertige und Unperfekte, das die kargen Stücke so anrührend macht. "Ask Forgiveness", eingespielt unter dem seit nunmehr vielen Jahren festen Moniker Bonnie "Prince" Billy, ist eine rund halbstündige, gewohnt tadellose EP mit sieben Coverversionen und einem eigenen Stück. Oldham interpretiert den Schinkengott Glenn Danzig ("Am I Demon"), R.Kelly ("The World’s Greatest"), Phil Ochs ("My Life") und den unsterblichen Björk/Thom-Yorke-Track "I've Seen It All" aus Lars von Triers Verstörung "Dancer In The Dark": "What about China? Have you seen the Great Wall?". Wer schon einmal drauf stand, weiß, dass man sicher nicht dort gewesen sein muss. Bloß etwas anderes, das muss man ganz bestimmt: Wenigstens vier, fünf Platten von Will Oldham besitzen. (7) Jan Wigger

Craig David – "Trust Me" (Teacup/Warner, bereits erschienen)

"Trust Me" heisst die nunmehr vierte CD von Craig David, aber einen Gebrauchtwagen würden wohl auch nur diejenigen von ihm kaufen, die es Mark Medlock nach Ansicht des RTL-Exclusiv-Spezials "Dieter auf Mallorca" zutrauen, ein sehr dünnes Reclam-Bändchen bis zu Ende zu lesen. Auf dem "Trust Me"-Cover schaut Craig David genau so auf den Fußboden wie die MSV-Duisburg-Sturmpfeife Ailton unmittelbar vor einem seiner "Ailton heute wieder nix bumm-bumm gemacht"-Sprüche. Die Platte an sich ist übrigens blitzsauberer, recht anämischer R&B-Pop zum störungsfreien Staubwischen: Der Funk-Song "Hot Stuff (Let’s Dance)", logischerweise mit Bowie-Samples, das nun mal schon vom Kano-Album bekannte "This Is The Girl" sowie ausreichend Brunftgehabe und tendenziell erlogenes Geschleime: "But I prefer to call it karma/ Cos usually I'm the one that's breaking her heart/ And left with so much drama/ Now it's me that's falling apart/ And girl it's killing me/ Find it so hard to breathe". Atemmasken? Gibt es doch gerade im Angebot! (4) Jan Wigger

Dear Euphoria – "Dear Euphoria"
(Stereo Test Kit Records, bereits erschienen)

Im Infoschreiben wird schon von dunklen, grünen Wäldern, friedlich schimmernden Seen und dem schwedischen Zauber gesprochen, ganz so, wie es Elina Johanssons Albumdebüt "Dear Euphoria" gebührt. Nun macht die Johannsson aber keinen Pagan-Metal, sondern säuselt bedrückt zu eher spärlichem Instrumentarium. Das kann man deprimierend finden, aber auch verführerisch, wenn man die beiden ersten LPs von Tori Amos und das wohltuend Verlorene in der Musik von Anna Ternheim mag. Lieder, die "Oh, The Softness" heißen, sind sowieso immer gut, und "Falling Behind" taumelt exakt im selben Rhythmus voran wie Coldplays "Trouble". Aber "Not Meant To Have It", der einzige Rock-Ausbruch, steht ihr nicht: Das dumpfe Dröhnen von Schlagzeug und Bass macht Johanssons Stimme gewöhnlich. Und doch: Beim Hören von "Dear Euphoria" denkt man gleich zwei oder drei Mal an Kate Bushs "Wuthering Heights". Und das ist ohne jeden Zweifel einer der zehn besten Songs aller Zeiten. (6) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Seite 1
icaros, 19.06.2007
1.
Paradise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
ralfons 19.06.2007
2.
Zitat von icarosParadise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
icaros, 19.06.2007
3.
Zitat von ralfons"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
Oh, das mit dem "Icon" war wohl ein freudscher Verschreiber... Ja, die alten Blind Guardian Sachen waren durchaus hörenswert. Die neueren finde ich persönlich etwas zu überladen, aber das ist natürlich Gerschmackssache. Aber da wir gerade bei Re-Releases sind: Von Edge Of Sanity gibt es demnächst eine Best Of. Eingefleischte Schweden-Death Fans werden zwar eh schon alles der Pioniere haben, wer aber nur im entferntesten auf Melodic Death Metal steht kann nun eine Bildungslücke schließen.
Sonic Nurse, 19.06.2007
4. Musikalische Bandbreite
Der musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
ralfons 19.06.2007
5.
Zitat von Sonic NurseDer musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
Falls die Sysops den neuen Thread eröffnet haben, um die alten Streitereien aus dem Weg zu räumen, hat das ja prima geklappt ;) Zurück zum Thema: Ich finde, dass "A Night at the Opera" die einzig wirklich schlechte Blind-Guardian-Scheibe war, "A Twist in the Myth" ist wieder deutlich eingängiger geworden. Ich freu' mich auf jeden Fall schon auf einige neue Songs in Wacken :) Edge of Sanity sind bei mir allerdings 'ne echte Bildungslücke. Ich kenne zwar einige Songs, hab' aber nie ein Album von ihnen besessen. Von daher hab' ich die Best-Of mal auf meinem Einkaufszettel notiert.
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